Hauptbahnhof

Zehn Jahre Raum der Stille

Sich ausklinken aus dem Stress, und wenn es nur kurz ist. Dafür ist der Raum der Stille da. Ausgerechnet am hektischen Hauptbahnhof. Nun wird die Einrichtung der Stadtmission zehn Jahre alt. Hinz&Kunzt-Autorin Simone Deckner schaute einmal vorbei.

 

Nächste Haltestelle Rasten: Ein Aufsteller signalisiert den hektisch vorbeieilenden Hamburgern den Ruheort mitten im Hauptbahnhof.

Er ist das best gehütete Geheimnis des Hauptbahnhofs: der Raum der Stille. Selbst wenn man weiß, wo man ihn suchen muss, läuft man erst einmal vorbei, so unauffällig ist der Eingang neben einem Geschäft, das bunte Sonnenbrillen, Tücher und allerlei andere Accessoires verkauft. „Wenn wir unseren Aufsteller nicht hätten, würden uns noch weniger Menschen finden“, sagt Eva Micheli. Die grauhaarige Dame hat heute Dienst. Sie ist eine von rund 20 Ehrenamtlichen, die gemeinsam mit Mitarbeitern der Bahnhofsmission den Raum betreuen. Frau Micheli ist seit 12 Uhr hier. Viel ist gerade nicht los. „Gehen sie ruhig hinein. Es tut so gut, ein paar Minuten abzuschalten“, sagt sie und lächelt.

Seit dem 27. Mai 2002 ist eine ehemalige Umkleidekabine für Bahnbedienstete der Raum der Stille. Er liegt im Hauptbahnhof direkt in der Unterführung von der Mönckebergstraße zum Südsteg. Die Idee: Menschen in hektischen Zeiten wie diesen eine Möglichkeit zu geben, für ein paar Minuten auszuruhen. Durchzuatmen. Die Augen zu schließen. Vielleicht auch zu beten.

„Das Vorbild waren die Flughafenkapellen“, sagt Ulrich Hermannes. Der ehemalige Leiter der Bahnhofsmission hatte 2002 die Idee. „Uns fehlte ein Ort am Hauptbahnhof, an dem sich Menschen einfach für eine Weile zurückziehen können.“


Wobei: Das mit der Stille ist relativ.
Deutlich sind das Rollen der Züge, laute Stimmen und das Geklacker von Absätzen auf dem Asphalt zu hören. Dafür strahlt der circa 15 Quadratmeter große Raum eine beruhigende Atmosphäre aus: Die Wände und Decken sind dunkel gestrichen. Nur an der vorderen Stirnseite des Raumes hängt ein leuchtend gelbes Bild. Davor: eine frische rote Rose. An der hinteren Stirnseite hängt eine Art Installation. Drei Sinnsprüche in Form von japanischen Haikus sind dort zu lesen. „Wenn man das Sonnenlicht nicht sieht ist es verdunkelt durch die Wolken“, steht auf einem.

Unter jedem Haiku ist an der Wand ein Reagenzglas befestigt. Daneben auf einem kleinen Unterteller liegen Pflanzensamen: Bohnen, Erbsen und Kürbissamen – sie heißen hier Wunschsamen. Was es damit auf sich hat, erklärt Ulrich Hermannes: Die Samen stünden stellvertretend für Wünsche. Wer sich etwas wünscht, kann einen Samen in das Glas fallen lassen. Jedes Jahr werden die gesammelten Wunschsamen dann auf dem Rasen vor der Kunsthalle ausgesät. „So entsteht ein Kreislauf des Lebens. Das war uns wichtig, um diese meterdicken Betonwände unter dem Hauptbahnhof zu überwinden.“

Meistens hat man den Raum für sich allein

„Wenn richtig viel los ist, kommen schon mal fünf Leute in einem Zeitraum über zwei Stunden“, sagt Eva Micheli, „aber das ist selten. Meistens haben die Menschen den Raum für sich allein.“ So soll es auch sein. Jeder Besucher kann sich ungestört für eine Weile zurückziehen. Das sei besonders wichtig „in Zeiten von Burnout und Reizüberflutung“, findet Ulrich Hermannes.

Gelbes Wandbild im Raum der Stille. Ein Rückzugsort ist wichtig in dieser hektischen Zeit, sagt Gründer Ulrich Hermannes.

Im vergangenen Jahr nutzten das Angebot rund 2600 Menschen. Es kommen Frauen wie Männer. Aus allen Schichten. Ganz Ruhige und auch einige mit Spleen. Und dann gibt es noch die, die bei den Ehrenamtlichen „die Gucker“ heißen. Sie lugen minutenlang durch die Glastür, trauen sich dann aber doch nicht hinein. „Vielleicht, weil sie sich nicht vorstellen können, was sie erwartet“, sagt Eva Micheli und lächelt.

Was den Organisatoren ganz wichtig ist: Im Raum der Stille sind alle Religionen willkommen. Als Beweis zeigt Frau Micheli auf ein kleines Holzregal im Vorraum. Dort stehen Bibel und Koran einträchtig nebeneinander. „Wir haben auch einen Gebetsteppich für Muslime. Und einen Kompass zum Ausrichten auf Mekka.“

Das Gästebuch belegt, wie viele Menschen in der Stille an Gott denken. Viele Einträge beginnen mit „Lieber Gott…“. Ein Besucher hat notiert: „Wer in der Stille ist, kommt wieder bei sich selbst an.“

Bevor ich den Raum der Stille verlassen, stecke ich mir noch einen Wunschsamen in die Hosentasche. Ist sicher auch erlaubt. Dann verabschiede ich mich von Frau Micheli. Sie hat gerade noch erzählt, dass der Raum der Stille auch auf sie beruhigend wirkt. „Wenn mal niemand kommt, habe ich auch mal Zeit für mich.“

Text und Fotos: Simone Deckner

Öffnungszeiten: Montag bis Freitag von 10 bis 19 Uhr (können variieren). Der Raum der Stille sucht weitere Ehrenamtliche. Interessierte melden sich bei Frau Matz unter Tel. 33 84 19 bzw. raumderstille@arcor.de.
Der Raum der Stille im Internet   

 

Raum der Stille auch im Alstertal-Einkaufszentrum?

Vortrag und Gespräch mit Prof. Dr. Horst Schwebel, Marburg

Die Kirchengemeinden im Alstertal machen sich für die Einrichtung eines  Raums der Stille  im Alster-Einkaufszentrum (AEZ) stark. Prof. Dr. Horst Schwebel hat viel über Räume der Stille geforscht.  In seinem Vortrag führt er ein in die Entwicklung von Räumen der Stille.
Veranstalter:  kirche-aufschlussreich, die ev. Gemeinden Poppenbüttel, Wellingsbüttel und Sasel, die Katholische Gemeinde St. Bernard sowie die Freie evangelische Gemeinde Sasel.

 
Mittwoch, 13. Juni, 19.30 Uhr, St. Bernard/Poppenbüttel, Langenstücken 40

 

 

 

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