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„Obdachlose sind meine Helden“

26. Juni 2013 | Von | Kategorie: 2013: Hinz&Kunzt 239-250, Archiv, Hinz&Kunzt 245/Juli 2013

Gerade hat Xavier Naidoo seine neue CD „Bei meiner Seele“ herausgebracht. Dazu gab er ein einziges Exklusivinterview – den deutschsprachigen Straßenzeitungen. Ein Gespräch über sein Privatleben, seine Musik und sein soziales Engagement.

(aus Hinz&Kunzt 245/Juli 2013)

Wir treffen Naidoo im ­Büro seines Labels in Mannheim. Das Gebäude stammt aus den 70er-Jahren, Luxus sucht man vergeblich. Wir haben uns das schicker vorgestellt. Erst hören wir das Album, dann kommt Naidoo. Er wirkt lässig, ist im Gespräch ernst und konzentriert.

Koch, Badehosenmodel und Türsteher war er früher. Heute ist Xavier Naidoo ein erfolgreicher Soulmusiker, Dozent an der ­Popakademie und bekennender Christ.

Koch, Badehosenmodel und Türsteher war er früher. Heute ist Xavier Naidoo ein erfolgreicher Soulmusiker, Dozent an der Popakademie und bekennender Christ.

Hier in Mannheim heißt die Straßenzeitung „Trott-war“. Haben Sie schon mal eine gekauft?
Xavier Naidoo: Ich kaufe immer Straßenzeitungen. Ich habe auch schon mal welche in Sprachen gekauft, die ich gar nicht verstehe.

Wer aus Ihrem Team hatte die Idee für den PR-Gag, ein Interview nur für Straßen­zeitungen?
Das ist kein PR-Gag. Wenn es nach mir geht, würde ich am liebsten gar nicht übers Album reden. Das ist mühselig, über die Kunst, die man macht, noch zu sprechen. Ist ja eigentlich immer alles gesagt. Dann hat meine Mitarbeiterin gesagt, vielleicht hast du doch Lust, für die Obdachlosen … Da habe ich sofort okay gesagt.

Die Menschen interessieren sich auch für den Künstler hinter den Kulissen, das Private. Und das schotten Sie akribisch ab. 2012 ­haben Sie geheiratet – ohne ein einziges ­offizielles Bild.

Das machen andere heftiger als ich. Man liest schon immer wieder was über mein Privatleben, weil mir oft einfach was rausrutscht. So bin ich gestrickt. Das mit der Hochzeit war ja auch nicht zu verbergen, wenn man dann den Ring trägt. Aber man muss sich oft wehren, wenn man ein Interview gibt. Ich rede am liebsten frei von der Leber weg. Dann merkt man plötzlich, aha, bei manchen Informationen, da wird die Lupe draufgehalten – und auf einmal ist alles aus dem Kontext gerissen. Wenn es mir auf der Seele brennt, irgendwas rauszulassen, dann kann ich das ja machen, auch auf Facebook. Jetzt für die Straßenzeitungen habe ich gedacht, da macht es wenigstens mal Sinn.

„Ich finde, man muss immer bereit sein, die Hosen runterzulassen.“

Wie kommt es, dass Sie auf Ihrem neuen Solo-Album doch mehr über Persönliches verraten?
Das passiert einfach wegen der Soulmusik. Man muss die Musik ja mit etwas füttern, was man fühlt. Das sind Dinge, die einem wichtig sind. Wenn die Musik das hergibt, dann ist das eben etwas Liebevolles. Ich habe ja auch Musik geschrieben, wo es um was ganz anderes ging. Das fließt dann ungefiltert ein, weil ich keine Filter habe. Wenn ich schreibe, schreibe ich über alles. Ich überlege mir nicht vorher, schreibe ich einen Liebes­song – das passiert einfach. Ich bin nicht in der Lage, das abzuschotten. Ich finde, man muss immer bereit sein, die Hosen runterzulassen.

Einige Songs auf dem neuen Album thema­tisieren faires Miteinander. Wird man beim Hören ein besserer Mensch?
Ich weiß nicht. Wer viel Naidoo hört, hat wahrscheinlich schon Bock darauf, in der liebevollen Welt zu leben und seinen Teil dazu beizutragen. Sonst würde er meine Musik nicht ertragen können. Deswegen polarisiere ich auch so sehr. Ich glaube, wir haben hin und wieder die Möglichkeit als Künstler, so ein Ideal hinzustellen, an das man sich selber nicht halten kann. Aber ein Lied ist unschuldig.

Die Linksjugend und der Lesben- und Schwulenverband in Deutschland hatten Sie mit dem Vorwurf der Volksverhetzung ­angezeigt. Die Anzeige wurde mittlerweile fallen gelassen. Es ging um einen Song auf dem Album „Gespaltene Persönlichkeit“, dem XAVAS-Album mit Ihrem Freund, dem ­Rapper Kool Savas. War der Song so krass?
Nein, es war krass, wie schnell die Sachen aus dem Kontext gerissen wurden. Es gab einen Kommentar von der „Welt“, auf den sich dann alle bezogen. Es war im Falle der Linken ein bisschen verstörend, weil ich gedacht habe, die würden sich auf jeden Fall erst noch mit der Thematik auseinandersetzen und sich nicht nur auf einen Artikel berufen. Wie geht denn das zusammen? Wir sind schon ein paar Tage später zu denen in die Zentrale gegangen und haben das Gespräch angeboten. Wenn man sich den Song zu Ende anhört, weiß man, um was es wirklich geht.

„Die ersten Texte, die ich geschrieben habe, die waren ja sehr mit dieser Religiosität behaftet.“

Sie sind überaus erfolgreich. Die Verkäufer unserer Straßenzeitungen hingegen blicken oft auf einen Lebenslauf zurück, der vom ­Scheitern geprägt war. Wie ist Ihr Blick auf Menschen am Rande der Gesellschaft?
Das sind meine Helden. Ich habe, soweit es geht, fast in allen Ländern Beziehungen zu Obdachlosen. In Frankreich kenne ich ein paar, die ich immer gerne unterstütze. Ich habe letztes Jahr zwei Obdachlose in Belgien in eine Wohnung von mir aufgenommen. Einer lebt da immer noch. Mit dem anderen hat es nicht so geklappt.

Sie sind auch ein Förderer des Vereins ­„Aufwind Mannheim“, der sich für arme Kinder einsetzt. Um was geht es dabei?
Wir haben das ins Leben gerufen und bis zum letzten Tag werden wir der Sache beistehen. Da geht es um einen Stadtteil, den man vielleicht als Brennpunkt bezeichnen könnte und um viele ausländische Mitbürger, die nicht gut Deutsch sprechen. Bis vor Kurzem haben wir Land gesehen und gedacht, wenn man in dem Stil weitermacht, dann kann aus dem Stadtteil richtig was werden. Jetzt kommen bulgarische und rumänische Menschen und alles gerät wieder etwas aus den Fugen.

Geht es hauptsächlich um Kinder mit ­Migrationshintergrund?
Nein, alle, die nicht gut mit der Schule zurechtkommen oder zu Hause nicht lernen können. Aus allen Familien, aus aller Herren Länder kommen Kinder zu uns, die dann Hausaufgabenhilfe, Essen und Betreuung bekommen, bis in den Abend hinein. Mittlerweile ist das ein Generationenhaus geworden, weil auch viele kommen, die jetzt keine Kinder mehr dort haben. Das ist schon ein Vorzeigeprojekt. Ich weiß noch, vor vier Jahren konnte ich mit manchen Kindern kaum ein Wort wechseln und jetzt auf einmal kann man übers Leben philosophieren.

Schneidersohn, nach der Realschule Koch, Badehosenmodel, Türsteher … Sie haben im Kirchenchor gesungen und in Musicals ­mitgespielt. Lernt man dabei fürs Leben ­dazu, etwa als Türsteher?
Absolut. Ich glaube mal, alle Erfahrungen, die man als Mensch macht, sind wichtige Erfahrungen. Dadurch, dass meine Eltern aus Südafrika kamen und ich auf Apartheid aufmerksam wurde, war mir schon relativ klar, wer ich bin und wo ich herkomme. Es war auch eine tolle Erfahrung, in der katholischen Kirche zu sein. Nicht etwa, weil ich die katholische Kirche so schätze. Sondern es ist eine krasse Erfahrung, in der Kirche der einzige Dunkelhäutige zu sein. Ich hatte viel Gefallen an der Musik. Die ersten Texte, die ich geschrieben habe, die waren ja sehr mit dieser Religiosität behaftet.

„Ich habe schlimme Erlebnisse gehabt, aber auch die wollte ich nicht missen.“

Welche Rolle spielen Ihre Familienwurzeln? Haben Sie einen Bezug zu Südafrika, wo ­Ihre Eltern gelebt haben, zu Sri Lanka, der Heimat Ihres Vaters?
Mit Sri Lanka habe ich gar nichts zu tun. Dass mein Vater da herkommt, das steht zwar in Wikipedia, aber das stimmt nicht. Nein, mein Vater kommt auch aus Südafrika, aber der Name kommt ursprünglich aus Indien und ganz ursprünglich aus Bangladesch. Dazu habe ich persönlich gar keinen Bezug. Trotzdem spüre ich einen Bezug, weil ich es im Inneren fühlen kann. Und so ist meine Weltanschauung. Und die ist – glaube ich – sehr vom Indischen, von der indischen Weltanschauung geprägt. Auch Trommeln und Rhythmen, das kommt alles eher aus dem Teil meiner Ahnenschaft, obwohl ich in Mannheim geboren bin. In Südafrika kenne ich viele Familienmitglieder, weil ich als Kind und als Jugendlicher oft dort war. Ich weiß einfach, was Südafrika für ein Land ist und dass dort tolle Menschen sind und dass es ein tolles Volk ist, aus dem ich entstamme. Mein Vater war halbindisch, halbdeutsch. Und meine Mutter irisch und südafrikanisch. Und für die Iren empfinde ich auch schon wieder was. Die Art zu singen, dieses Spontane und dieser Humor, den meine Familie hat, der ist schon sehr irisch.

Haben Sie Erfahrungen mit Diskriminierung hier in Deutschland?
Immer nur mit dummen Menschen. Mit dem Großteil der Menschen nicht. Die lernen einen kennen und dann geht es normal weiter. Ich hatte ein, zwei Mitschüler, die ein bisschen älter waren. Für die war man halt der Bimbo. Das war damals noch üblich. Aber ich könnte jetzt nicht sagen, dass es so schlimm war. Ich habe schlimme Erlebnisse gehabt, aber auch die wollte ich nicht missen.

Was hat die Bekanntheit in Ihrem Leben ­verändert?
Ich will nicht bekannt sein. Ich kann mich hier nicht mehr bewegen, in meiner Heimat. Ich habe eine Heimat verloren. Das ist mein täglicher Schmerz. Wenn man sich darüber auslassen will, kann man depressiv werden. Aber es gibt Vorteile. Und es gibt auf jeden Fall Menschen, die schlimmer dran sind. Aber für jemanden wie mich ist es der Horror.

„Ich kann es nur jedem empfehlen, eine eigene Beziehung zu Gott zu haben.“

2010 sind Sie in Afghanistan vor ­Bundeswehr-Soldaten aufgetreten. Warum?
Ich bin ein Feind dieses Krieges, aber ein Freund, nicht unbedingt der Soldaten, sondern der Menschen. Die haben eine Entscheidung getroffen und gesagt, okay, ich möchte in die Bundeswehr. Dann werden die da hingeschickt. Also, wenn die da sein können, dann kann ich allemal dort hingehen. Schon gerade, wenn ich hier das Maul aufgerissen habe in Songs, wie ungerecht es ist. Dann muss man sich auch mal gerade machen und mithelfen, damit er wahrgenommen wird, der Krieg.

Was ist für Sie persönlich wichtig am Thema Religion – und wie stehen Sie zu ­anderen ­Religionen?
Ich lasse alles gelten. Ich muss es ja nicht annehmen. Ich bin überhaupt nicht dogmatisch und mit Religion schon gar nicht. Wenn man seinen Gott gefunden hat, kann man eine Religion draus machen oder man kann es dann in seinen Alltag aufnehmen und fertig. Kein großes Ding. Ich brauche keine Mittler. Wir haben doch alle selbst einen Kopf zum Denken. Ich kann es nur jedem empfehlen, eine eigene Beziehung zu Gott zu haben und nicht über irgendeinen Mittler zu gehen.

Quelle:www.street-papers.org; BISS-Germany
Text: Ute Wild
Foto: Thommy Mardo

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