Herbergssuche 2012

Wohnungsnotstadt Hamburg

Ein Baby wird obdachlos. Wohnungslose Menschen müssen in Notunterkünften auf Stühlen und auf dem Fußboden schlafen, Studenten in einer Turnhalle und Flüchtlinge in Zelten. Die Dauerunterkünfte sind voll belegt, Wohnungen erst recht nicht frei. Dabei verfallen etliche unbewohnte Gebäude. Marc Meyer von Mieter helfen Mietern findet: „Der Leerstand ist unerträglich.“ Und Sozialsenator Detlef Scheele räumt ein: „So stelle ich mir nicht vor, Politik zu machen.“
(aus Hinz&Kunzt 238/Dezember 2012)

SPALDINGSTRASSE Im Winter 2011/2012 brachte die Stadt erstmals Obdachlose in dem zentral gelegenen Bürogebäude unter. Bis zu 248 Personen schliefen pro Nacht dort. In diesem Jahr startete das Winternot- programm mit 160 Plätzen, wurde schon nach kurzer Zeit auf 230 aufgestockt.

LEONIE, VIER TAGE ALT, OBDACHLOS

Mitte November. Vier Tage ist Leonie alt, als sie obdachlos wird. Zusammen mit ihrer Mutter Diana wird sie aus dem Krankenhaus auf die Straße entlassen. Genau zu der Zeit, als die Temperaturen nachts zum ersten Mal den Gefrierpunkt unterschreiten. „Es ist kalt, man weiß nicht, wo man hin soll“, sagt Diana im Interview mit dem NDR-Hamburg- Journal. „Und das Baby hat einfach ein Zuhause verdient.“

Dass es überhaupt so weit gekommen ist, hat vermutlich die Fachstelle für Wohnungsnotfälle im Bezirk Wands- bek zu verantworten. Denn schon Ende September wendet sich Diana, hochschwanger, an die Fachstelle, um mitzuteilen, dass sie als Untermieterin aus ihrer Wohnung ausziehen muss, weil der Hauptmieter gestorben ist. Laut NDR wird die Frau immer wieder vertröstet. „Man soll sich melden, meldet sich, die zuständige Sachbearbeiterin ist nicht da, es wird nicht weitergeleitet“, erzählt Diana im Interview. Wenn sie jemanden erreicht habe, sei die Antwort immer dieselbe gewesen: Es gebe keinen Wohnraum, sie solle bei Freunden schlafen. Nach Leonies Geburt finden sie und ihre Mutter tatsächlich Unterschlupf bei einem Freund. Sie verbringen die Nacht auf dem Platz, auf dem sonst der Hund des Freundes schläft.

Die Geschichte von Diana und Leonie macht Nikolas Borchert vom Diakoniezentrum betroffen, sie überrascht ihn aber nicht. Der Sozialarbeiter hatte ebenfalls seit September erfolglos versucht, den beiden zu helfen. Er hatte der Fachstelle sogar vorgeschlagen, die Familie in einem Hotel unterzubringen. Aber Fehlanzeige. Apropos Hotel: Es gibt eine Anweisung der Sozialbehörde, Härtefälle – und dazu gehören Familien – in Hotels unterzubringen. Warum die Fachstelle das in Dianas Fall nicht getan hat, dar- auf weiß auch der zuständige Sprecher keine Antwort. Immerhin 47 Familien wurde so schon kurzfristig geholfen. Ein kleines Happy End auch für Diana und Leonie: Mittlerweile sind sie in einer öffentlichen Einrichtung untergekommen. Das sollte eine Selbstverständlichkeit sein. Aber so viel Glück haben längst nicht alle Obdachlosen.

LUXUSUNTERKUNFT WOHNCONTAINER

1. November, morgens. Heute startet das Winternotprogramm. Sozialarbeiter Nikolas Borchert ist zuständig für die Verteilung der 92 Wohncontainer, die bei Kirchengemeinden stehen. Um 8 Uhr beginnt die Verteilung. Mehr als 60 Ob-dachlose haben bereits die Nacht vor der Tür des Diakoniezentrums verbracht. Kaum einer hat geschlafen. Manche warten bereits seit dem Vortag um 10 Uhr früh.

Einen Tag und eine ganze Nacht Anstehen für die Chance, den Winter in einem Container zu verbringen? Einem Container, wie er so ähnlich auch auf einer Baustelle stehen könnte. Das ist schwer nachzuvollziehen. Doch im Ver- gleich zu anderen Unterkünften gelten die Container als Luxus: Man hat seine Ruhe, eine Kochmöglichkeit und die Sauberkeit seiner Unterkunft selbst in der Hand. In diesen Genuss kommen allerdings nicht alle Bewerber. 30 von insgesamt 120 werden weggeschickt: Weil sie sich nicht auf Deutsch verständigen können, zu viel Alkohol trinken oder als gewalttätig gelten. Sich um sie zu kümmern, trauen sich die ehrenamtlichen Helfer bei den Kirchengemeinden nicht zu.

Direkt vor dem Diakoniezentrum verläuft die vielbefahrene Bundesstraße. Beinahe wird sie am Mittag Schauplatz einer tödlichen Tragödie: Einer der verzweifelten Abgewiesenen will sich vor ein Auto werfen. Der Sicherheitsdienst hält ihn davon ab. Das alles für einen Schlafplatz im Container.

WINTERNOTPROGRAMM IM HOCHHAUS

1. November, früher Abend. Es brennt kein Licht. Nur die Scheinwerfer der Autos, die am Eingang des städtischen Winternotprogramms in der Spaldingstraße vorbeifahren, blenden die Wartenden. Schätzungsweise 120 Menschen drängeln sich hier. Während sich im Gebäude, das ab sofort zunächst 160 Obdach- losen Unterschlupf in Mehrbettzimmern bieten soll, Polizei und Sicherheitsdienst für den Ansturm bereit machen, sind die Wartenden draußen sich selbst überlassen. Es ist nasskalt. Die Stimmung: aufgeheizt. Die meisten stehen schon seit Stunden vor dem Eingang. Stress pur. Kein Ansprechpartner. Niemand verteilt wärmende Getränke – oder Zuspruch. Stattdessen: Immer wieder lautes Geschrei. Rumänische, polnische, englische und bulgarische Sprachfetzen. Besonders direkt vor der Tür kommt es immer wieder zu Handgreiflichkeiten. Einige Wartende sind angetrunken.

Wir erkennen Menschen wieder, die wir morgens schon bei der Containervergabe gesehen haben. Und sehen die Angst, wieder keinen Platz zu kriegen. Eine Frau sitzt auf dem kalten Asphalt, guckt starr auf den Boden. Ein Mann aus Bulgarien hofft, dass er mit seinen vier Freunden in einem Zimmer unterkommt. Sie haben keine andere Möglichkeit zum Übernachten. „Ich hoffe, dass es ein schönes Winternotprogramm ist“, sagt er. Auch Edgar und Ernest wollen gemeinsam auf ein Zimmer. Die beiden Letten sind seit drei Jahren in Hamburg und haben keine Arbeit.

Um 17 Uhr öffnet sich endlich die Glastür. Für wenige Sekunden. Mehr als fünf Personen auf einmal lassen die Sicherheitskräfte nicht hinein. Was dann kommt, erinnert an die Abläufe im Knast: Erst müssen die Wartenden ihre Taschen abgeben. Alles wird gründlich gefilzt. Dann müssen sie sich abtasten und durchsuchen lassen. Das hat einen ernsten Hintergrund: 2011 kam es zu einer Messerstecherei unter Bewohnern. Doch die Prozedur dauert lange. Nur alle zehn Minuten öffnet sich die Tür. Draußen weicht der Regen die Menschen weiter durch. Der Letzte wird erst nach vier Stunden ins Warme kommen.

Schon in der ersten Nacht,in der es noch mild ist, sind 159 von 160 Betten belegt. Dann schnellen die Zahlen nach oben. Obdachlose, die kein Bett mehr bekommen, verbringen Nächte auf dem Fußboden oder auf Stühlen in den Aufenthaltsräumen. Mitte November stockt die Behörde endlich auf: Statt 160 stellt sie 230 Betten zur Verfügung. Auch die sind sofort besetzt. Genau wie in der Notübernachtung Pik As. 190 Plätze gibt es dort regulär. Im November suchen bis zu 314 Männer Unterschlupf. Keiner von ihnen darf abgewiesen werden. Alternative haben die Hilfesuchenden nicht. Oder würden Sie auf einem Stuhl schlafen oder auf dem Fußboden, wenn Sie irgendeine andere Möglichkeit hätten?

EIN ZELTLAGER FÜR FLÜCHTLINGE

Schon im Oktober wusste die Innenbehörde nicht mehr, wo sie die neuen Flüchtlinge unterbringen sollte. Zwar wusste jeder, dass in Serbien und Mazedonien keine Visumspflicht mehr gilt und dass bald auch Flüchtlinge aus Syrien eintreffen könnten. Trotzdem war die Behörde offensichtlich überrascht, als sie dann da waren. 25 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum sind gekommen, das sind 400 Menschen.

Schnell wurden Zelte vor der Erstaufnahmestelle in der Sportallee aufgebaut. Sie sehen aus wie ein Flüchtlingslager in Afrika. 36 Leute sollen in einem Zelt schlafen, mit einem schmalen Gang zwischen den Betten, kein Schrank, kein Stuhl, dafür ein Riesenrohr, aus dem warme Luft geblasen wird. Viele Familien mit Kindern kommen. Viele Roma. In Schnellverfahren soll über ihre Lage entschieden werden. Ein Schelm, wer denkt, dass das ein Abschreckungsszenario sein soll. Denn die Innenbehörde vermutet, dass die Menschen nicht unbedingt politisch verfolgt werden, sondern dass sie auf der Flucht sind vor der Armut und der Kälte. Wir haben gehört: Viele haben zuhause nicht einmal eine Heizung.

Die Mitarbeiter der Anlaufstelle haben Mitgefühl, vor allem mit den Kindern. „Für uns alle ist das nicht schön“, sagt Unterkunftsleiter Carsten Mahlke. Zumal man ja die Verhältnisse in den Heimatländern kenne: dass die Roma diskriminiert würden und sich immer hinten anstellen müssten, keine Arbeit hätten und keine medizinische Versorgung. Da lohne es sich schon herzukommen, zumal es ein Taschengeld gebe und eine Grundversorgung. In Mahlkes Büro stapelt sich Spielzeug für die Kinder. Die Feuerwehr hat sogar massenweise Teddybären gespendet.

Aber es wird voraussichtlich nichts daran ändern, dass die, deren Asylantrag abgelehnt wird, noch im Winter abgeschoben werden. Einen entsprechenden Abschiebestopp gebe es jedenfalls (noch) nicht, so Behördensprecher Norbert Smekal.Immerhin: Gegenüber steht ein Bürogebäude leer, da soll jetzt die Zentrale Erstaufnahme und die Kantine einziehen. Dadurch werden Zimmer frei in der bisherigen Erstaufnahme in der Sportallee. Da können dann wieder Flüchtlinge einziehen.

TURNHALLE Zwischenmiete, WG, bei Freunden auf der Couch: Weil das alles nicht klappte, blieben einigen Studenten zu Semester- beginn nur provisorische Rollbetten zum Übernachten. Diese stellt das Studierendenwerk in der Turnhalle des Gustav-Radbruch-Hauses zur Verfügung.

NACH DER UNI IN DIE TURNHALLE

Menschen, die auf provisorischen Betten in einer Turnhalle schlafen. Das klingt nach Katastrophe, Überflutung, Wirbelsturm. In Hamburg heißt die Katastrophe: Wohnungsnot. Weil sie zu Semesterbeginn keine Wohnung gefunden hatten, übernachteten Studenten in einer Turnhalle. Neun Erstsemester haben das Angebot des Studierendenwerks genutzt. „Kein Student soll auf der Straße schlafen“, sagt Leiter Jürgen Allemeyer. Neun Studenten in der Turnhalle – das sind nicht viele. Das heißt aber nicht, dass sie die einzigen mit Wohnungsproblemen sind. „Zu Semesteranfang hatten 20 bis 25 Prozent keinen festen Wohnsitz in Hamburg“, sagt Maarten Thiele vom Asta der Uni Hamburg. Die meisten sind bei Freunden untergekommen oder in ehemaligen Abstellkammern. „Immer mehr leben noch bei ihren Eltern“, sagt Thiele. Andere pendeln aus Bremen oder Lübeck zur Uni. Das alles, um nicht in einer Halle schlafen zu müssen, die zum Turnen gedacht ist. Eigentlich.

… DERWEIL STEHEN ETLICHE HÄUSER LEER

Weiß strahlt die Villa Behnke über die Horner Landstraße. Doch wer näher rangeht sieht: Das Haus ist nicht gut in Schuss. Tür und Fenster sind verrammelt, aus dem Klingelkasten hängen Drähte. Hier soll keiner rein. Dabei steht die Villa seit Jahren leer. Das wollten Aktivisten nicht länger hinnehmen – und besetzten sie, wenn auch nur für einige Stunden. Genauso ge- schah es in einem Haus auf St. Pauli und in einem der Grindelhochhäuser. Eigentümerin der Horner Villa ist die Stadt. Die sollte eigentlich die erste sein, die leere Häuser nutzt. Zumal der Senat jetzt ein verschärftes Wohnraumschutzgesetz verabschiedet hat (siehe Seite 8).

Es ist kaum zu ertragen, dass das Haus verrottet und hier keiner wohnen darf, wo doch Tausende Hamburger verzweifelt auf Wohnungssuche sind. Wie absurd das ist, kann nicht oft genug gesagt und gezeigt werden. Finden wir und finden auch India und Philipp, die für die Fotos zu dieser Strecke Maria und Josef darstellen. Doch kaum haben wir in Horn mit unseren Aufnahmen begonnen, fährt die Polizei vor. Freundlich, aber unmissverständlich machen die Beamten uns klar: Das Shooting ist vorbei. Und: Redakteurin, Fotograf und Darstellern drohen Strafanzeigen – wegen Hausfriedensbruch. Zufällig sind die Polizisten nicht vorbeigekommen, ein Anwohner hatte angerufen. Das gehört zur Katastrophe Wohnungsnotstand: Ihr Ausmaß ist offenbar noch nicht bei allen angekommen.

Text: Beatrice Blank, Simone Deckner, Benjamin Laufer und Birgit Müller
Fotos: Gunnar Nikolaus

Wir danken dem Scharlatan-Theater und den Darstellern von Maria und Josef: India Roth und Philipp Lang. Außerdem Saga GWG und dem Studierendenwerk Hamburg für die Fotogenehmigungen.

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