Wohnungslose: brisante Zahlen

(aus Hinz&Kunzt 143/Januar 2005)

Die Zahl klingt alarmierend: Um 78 Prozent sei im Vergleich zum Vorjahr die Zahl der Menschen gestiegen, die sich obdachlos gemeldet hätten. Das berichtet pflegen & wohnen (p&w), zuständig für die Unterbringung der meisten Betroffenen, in einem internen Papier von November, das Hinz & Kunzt vorliegt.

Halte der Trend an, heißt es weiter, verzeichne p&w für das gesamte Jahr 2004 einen Neuzugang von 1800 Obdachlosen, darunter 1200 Alleinstehende. Somit hätten sich bei p&w 800 Menschen mehr obdachlos gemeldet als 2003. Der Unterkunfts-betreiber, so die Schlussfolgerung, müsse „in die Lage versetzt wer-den, dem gestiegenen Bedarf nachzukommen“.

p&w wollte das Papier nicht öffentlich kommentieren. Die zuständige Sozialbehörde bestätigte lediglich „eine Steigerung“ bei den neu gemeldeten Obdachlosen. Zahlen konnte sie bis Redaktionsschluss nicht vorlegen. Die Auswertung der Statistiken werde erst im Januar abge-schlossen sein, so Sprecher Oliver Klessmann. Was sich sagen lasse: Offenbar hätten 2004 auch mehr Betroffene eine Wohnung gefunden. Gleichzeitig sei die Auslastung der Obdachlosen-Notunterkunft Pik As (212 Betten) rückläufig.

Über die Ursachen der offenbar ansteigenden Obdachlosenzahlen lässt sich vorerst nur spekulieren. Dass mehr Hamburger ihre Wohnung etwa wegen Mietschulden verlieren – eine denkbare Erklärung, die der Sprecher der Sozialbehörde in den Raum stellte –, konnte die Justiz-behörde nicht bestätigen. Für 2004 rechnete sie im Dezember mit 2670 Räumungen, gegenüber 2744 in 2003.

Liegt es also an Hartz IV? „Viele Menschen leben verdeckt obdachlos, indem sie bei Freunden untergekommen sind“, so der Mitarbeiter einer Wohnunterkunft. Mancher dieser amtlich nicht erfassten Obdachlosen werde in diesen Wochen vor die Tür gesetzt, da die „Hauptmieter“ mit Recht finanzielle Nachteile durch die neuen Regelungen („Bedarfsgemeinschaft“) befürchteten. Doch erklärt das die behaupteten Zuwächse – zumal Hartz IV erst seit wenigen Wochen Wirkung zeitigen kann, seitdem nämlich die Arbeitslosengeld-II-Anträge verschickt worden sind?

Nach Angaben der Sozialbehörde leben rund 3000 Wohnungslose in Unterkünften (ohne Zuwanderer). Etwa 2500 Plätze hält p&w bereit. Wie aus der Senatsantwort auf eine parlamentarische Anfrage hervor-geht, waren die Kapazitäten von p&w bereits im Sommer 2004 zu über 95 Prozent ausgelastet. Und schon im Februar 2004 musste der Senat mitteilen, dass vom Wohnungsverlust betroffene Familien nicht immer untergebracht werden könnten. „Diese Familien halten sich in der Regel vorübergehend bei Verwandten auf.“ 

Ulrich Jonas

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