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Wo Männer malochen

29. April 2010 | Von | Kategorie: 2003: Hinz&Kunzt-Ausgaben 119 – 130, Archiv, Hinz&Kunzt 123/Mai 2003

Obdachlose bauen ein Containerdorf

(aus Hinz&Kunzt 123/Mai 2003)

Sanft gleitet der gläserne Aufzug in die Höhe. Das blitzblanke High-Tech-Gerät, mit dem die Fahrgäste dem Bahnsteig der U-Bahn Hamburger Straße entgegenschweben, wirkt wie von einem anderen Stern, so unvermittelt wächst es direkt neben einer Brachfläche aus Sand und Schutt aus dem Boden. 250.000 Euro hat das Ding gekostet – mehr als das Containerdorf für Obdachlose, das auf der Brachfläche entstehen soll.

Eine Handvoll Männer in verbeulten Jeans und Turnschuhen schlurft dort umher, manche tragen Rauschebart, andere ein Käppi gegen die Sonne auf dem Kopf. Alle haben Werkzeug in der Hand. Dazwischen wuselt ein kleiner, strubbeliger Hund hin und her – und wieder zurück zu einem ebenfalls strubbeligen, weißhaarigen Mann. Das ist Michael Struck, 54, Herrchen von Strolchi und Sozialarbeiter bei Neue Wohnung, einer gemeinnützigen GmbH der Wohnungslosenhilfe, die schon in Altona erfolgreich ein Container-Projekt für Obdachlose betreibt.

Strucki – wie ihn hier alle nennen – hat seinen Arbeitsplatz auf das städtische Gelände hinter dem frisch renovierten U-Bahnhof Ham-burger Straße verlegt. Hier bauen er und Kollegen gemeinsam mit Obdachlosen und Ex-Obdachlosen das neue Containerdorf auf. 17 Menschen sollen sich dort nach Monaten auf Platte wieder an ein Dach über dem Kopf gewöhnen können.

„Das hier ist der Feldherrenhügel“, sagt Struck grinsend und zeigt auf den klapprigen Tisch mitten auf dem rund 1200 Quadratmeter großen Platz. Darauf liegt – von Steinen am Wegfliegen gehindert – der Dorf-Grundriss. Elf weiße Wohn-Container mit Fenstern und bunten Türen stehen schon, dazwischen jeweils ein Container, in dem Nasszellen entstehen.

„Hier hab ich was zu tun“

Gerade mischt Kurt, der bei Neue Wohnung in Altona wohnt, mit einer Maurerkelle Zement in einer Schubkarre an. Die Fundamente für die letzte Container-Reihe müssen gegossen werden. „Wir lernen ja aus unseren Fehlern“, sagt Michael Struck. „In Altona haben wir die Dinger einfach in den Sand gesteckt, und nach dem ersten Regen haben die Bewohner die Türen nicht mehr aufgekriegt.“

Fehler sollen in Barmbek nicht passieren, und so messen Bernd Weber, Angestellter bei Neue Wohnung, und der Architekt Ulrich Fahr akribisch die Abstände für die letzte Container-Reihe aus. „Herr Weber, hast du genug Band?“, ruft Fahr quer über den Platz. „Zieh mal bisschen strammer, was ist das für ein Schlabberkram!“ – da reißt auch schon die Leine. Die Prozedur beginnt von vorn.

Der Ton ist ruppig-freundschaftlich, jeder wird geduzt. „Mich nennen sie nur noch Moosi“, sagt Olaf und lacht, „seit ich die Moosbänder zwischen die Container geklebt habe“. Mit 64-Jahren ist er der Älteste auf der Baustelle. Olaf wohnt im Wohnprojekt für Obdachlose Wartenau, aber „hier hab ich wenigstens was zu tun“. Hinz & Künztler Kalle, der gerade Bauschutt und Müll in einen blauen Sack stopft, pflichtet ihm bei. Auch er wohnt derzeit bei Neue Wohnung in Altona, „aber bevor ich da rumhänge, pack’ ich lieber hier mit an.“ Ehrenamtlich, versteht sich.

Natürlich wäre der Bau des Dorfes schneller erledigt, wenn nur Firmen beschäftigt würden. „Aber das Geld haben wir nicht“, sagt Struck, „und die Männer haben Lust zu helfen.“ Harte Verhandlungen um das Grundstück und der strenge Winter verzögerten lange den Beginn der Baumaßnahmen. Jetzt wird ordentlich rangeknufft. Und wann ist das Dorf fertig? „Es ist fertig, wenn es fertig ist“, so Struck. „Aber wir beeilen uns“, sagt er schnell, „wir brauchen die Übernachtungsplätze ja sehr dringend.“ Schließlich hatte Senatorin Birgit Schnieber-Jastram (CDU) nach ihrem Amtsantritt im September 2001 die Finanzierung von 60 Einzel-Übernachtungsplätzen in dezentraler Lage versprochen. Seither ist nichts passiert.

Kaffeepause. Pausen sind wichtig, besonders für Leute wie Kurt. Vor zwei Jahren erkrankte der muskulöse Mann schwer. „Ich kämpfe immer noch“, so der einstige Bergmann und zeigt auf eine lange Narbe am Hals, „die Arbeit macht Spaß, aber ist ganz schön schwer“. „Du solltest dir lieber mal einen Hut aufsetzen, oder willst du eine braune Glatze bekommen?“, necken die anderen, die nicht wollen, dass er sich überanstrengt. Und dann: „Wer hat denn den Kaffee gekocht? Der ist ja ungenießbar!“

Einen ordentlichen Kaffee gibt es bei Uwes Imbiss. Uwe thront in seiner Holzbaracke, die direkt an das Neue Wohnung-Grundstück angrenzt, streicht über seine Schürze und sagt: „Alle waren dagegen, dass das Containerdorf hierher kommt. Ich auch.“ Man hatte schlechte Erfahrungen mit Obdachlosen gemacht, die in den öffentlichen Toiletten der U-Bahn gehaust hatten. Dann sei der Bahnhof renoviert worden, und alle waren froh, dass die Obdachlosen verschwanden.

Inzwischen ist Uwe dem Projekt gegenüber positiver eingestellt. Bei runden Tischen erklärte Michael Struck den Nachbarn das Konzept der Neuen Wohnung. Dass es einen Nachtdienst geben werde, der vor allem im Sommer für Ruhe sorgt. Dass sich ein Sozialarbeiter um die Leute kümmert und sie bei Alkoholproblemen oder Schulden an nahe gelegene Beratungsstellen für allein stehende Wohnungslose vermittelt. Dass die Container hübsche Dächer bekommen und das Gelände begrünt werden soll. „Das hört sich alles ganz vernünftig an“, meint Uwe. „Und wenn’s gut läuft, warum nicht.“

„Das Eis ist gebrochen“

Kaum zurück auf der Baustelle, serviert Olaf einen großen Becher heißen Kaffee. „Uwe hat uns aufgezogen, wir würden wohl keinen Kaffee kochen können“, sagt er und lacht. Die Kommunikation zwischen den neuen Nachbarn funktioniert offenbar. Mit anderen ist das schwieriger: Gerade verlässt ein braun gebrannter Mann aus der Wohngegend das Grundstück mit den Worten: „Die gehören doch alle ins Lager.“ „Manche Menschen werden sich durch nichts überzeugen lassen“, schnaubt Struck.

Doch der Lichtblick folgt schon Minuten später: Herr Rademann aus dem Wohnhaus nebenan schaut vorbei. „Begeistert bin ich nicht, dass die Container hierher kommen“, gibt er zu, „aber wir wollen mal abwarten.“ Rademanns Füße stecken in grünen Gummistiefeln, er arbeitet im Garten und braucht Sand. Den borgt er sich jetzt bei Neue Wohnung, und die geben gern. „Da ist das Eis doch gebrochen, wenn sich jemand etwas borgt“, freut sich Michael Struck.

Inzwischen brennt die Mittagssonne vom Himmel. Die Männer haben die Jacken ausgezogen und keine Zeit mehr für Gespräche. „Wolln’ uns mal wieder ins Arbeitsgetümmel stürzen“, sagt Olaf. „Aber du kannst ja mal wieder vorbeikommen“ – sprichts und schultert die Schaufel.

Annette Bitter

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