„Wir vermissen unsere Kinder“

Mirabella, 25, verkauft Hinz&Kunzt vor Edeka in Büchen; Ionel, 28, verkauft vor dem City Center Buchholz.

(aus Hinz&Kunzt 252/Februar 2014)

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Bacioiu, das Dorf, aus dem Ionel und Mirabella kommen, ist arm. Viele Rumänen arbeiten im Ausland und schicken Geld an die Zuhausegebliebenen.

Jeden Morgen verlassen Mirabella und Ionel spätestens um 8 Uhr ihr kleines Zimmer in Harburg und machen sich auf den Weg zu ihren Verkaufsplätzen in Büchen und Buchholz. „Nur am Sonntag verkaufen wir nicht“, sagt die 25-jährige Rumänin. Die beiden leben ausschließlich vom Zeitungsverkauf. Hartz-IV steht ihnen nicht zu. Auch die Arbeitnehmerfreizügigkeit ändert daran nichts. Mirabella und Ionel wollen auch gar kein Geld vom Staat. Sie wollen arbeiten. „Aber es ist sehr, sehr schwer, eine richtige Arbeit zu finden“, sagt Ionel.

Der 28-Jährige hat keine Ausbildung, und auch wenn er sich alle Mühe gibt: Seine Deutschkenntnisse sind bislang nur rudimentär. Immerhin übt er täglich auf der Straße. Denn beim Zeitungsverkauf führt kein Weg am Gespräch mit den Hamburgern vorbei. „Das ist auch gut so“, sagt Ionel. „Die Menschen sind sehr nett. Es wäre ein Traum, wenn uns jemand eine Chance gibt und uns bei sich arbeiten lässt.“

 „Wir halten zusammen!“

Ionel sagt nicht nur „uns“, er meint es auch so. Seit elf Jahren sind die beiden ein Paar. „Wir halten zusammen und machen alles zusammen“, sagt Ionel und nimmt Mirabella in den Arm. „Sie ist mein kleines Mädchen.“ Mirabella muss lachen. „Kleines Mädchen? Das stimmt ja nicht mehr.“ Vor etwas mehr als einem Jahr wagten sie den Schritt und gingen nach Hamburg. Zu Hause sahen sie einfach keine Perspektiven mehr. „Unser Heimatdorf ist sehr klein“, sagt Ionel. Das können wir bestätigen. Vor anderthalb Jahren war Hinz&Kunzt zu Gast in Bacioiu und lernte die Heimat einiger Hinz&Künztler kennen. Nur eine asphaltierte Hauptstraße führt durch den Ort. Außer einem kleinen Lebensmittelgeschäft gibt es nichts. „Wenn es regnet, watet man knietief durch den Schlamm“, erzählt Ionel.

Die Armut ist groß, denn es gibt keine Arbeit. Mirabella und Ionel haben zwei Kinder. Neun und sieben Jahre sind die beiden inzwischen alt. Sie blieben bei Mirabellas Eltern. Die Kinder nach Hamburg zu holen, kommt momentan nicht in Frage. „Wir haben nur ein kleines Zimmer hier“, sagt Mirabella. Zu Beginn wohnten sie sogar zu sechst in einem Zimmer in Hamburg. „Bei den Großeltern sind meine Kinder dagegen gut aufgehoben, und sie können die Schule besuchen.“ Einschulung in Hamburg oder auch Kindergeld beantragen? Mirabella und Ionel zucken mit den Achseln. Sie wissen nicht, wie das funktioniert.

Ihre Zukunft sehen beide trotzdem in Hamburg. Sie sind hoffnungsvoll und zugleich verzweifelt. „Ich muss ständig an meine Kinder denken“, sagt Ionel. Er schaut auf seine Füße, während er leise hinterherschiebt: „Meine Kinder wachsen, sie werden älter und ich erlebe das alles nicht mit.“ Im April wollen sie ihre Kinder besuchen. Dann sind in Rumänien Schulferien. Drei Monate lang. „Wenn es klappt, dann nehmen wir die Kinder in dieser Zeit mit uns nach Hamburg“, hofft Mirabella.

Hinz&Kunzt: Wie möchtet ihr in fünf Jahren leben?
Mirabella: Wichtig ist, dass wir wieder vereint zusammenleben. Aber bitte nicht erst in fünf Jahren.

Text: Jonas Füllner
Foto: Mauricio Bustamante

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