„Wir standen vor den Trümmern und haben geweint“

Eine Familiengeschichte im Sanierungsgebiet St. Pauli-Süd

(aus Hinz&Kunzt 134/April 2004)

Die SAGA plant den größten Kahlschlag auf St. Pauli seit der Hafenstraße. Bedroht sind sechs Häuser in der Trommelstraße und Lincolnstraße, darunter das historische Hagenbeck-Haus. Wieder ein Fall, in dem das Viertel mit der Abrissbirne „saniert“ wird, findet Anwohnerin Heike Jung.

Wenn jemand den Hein-Köllisch-Platz, die umliegenden Straßen und die Geschichten des Viertels kennt, dann die resolute waschechte Paulianerin Heike Jung. Schon als Kind hat die 41-Jährige in den Hinterhöfen südlich der Reeperbahn gespielt, hier ist sie zur Schule gegangen. Und hier, an der Silbersacktwiete, lebt sie heute noch mit ihrem Mann und ihren sieben Kindern im Alter von acht bis 22 Jahren. Der Streit um das Hagenbeck-Haus kommt ihr vor wie ein schlechter Film, der gnadenlos wiederholt wird: „Alte Häuser mit bezahlbaren Mieten werden abgerissen, die neuen oder sanierten Gebäude zu Mondpreisen vermietet.“

Schon Heike Jungs Eltern und Großeltern lebten am Hein-Köllisch-Platz, dem Herzen von St. Pauli-Süd. Von den Gründerzeithäusern kann man zusehen, wie bei Blohm & Voss im Hafen geschweißt wird. Unten auf dem Platz flitzen Kinder mit Schulranzen auf dem Rücken übers Kopfsteinpflaster, zwei Hunde tollen auf der Straße herum. Vor einem Café an der St. Pauli-Kirche sitzen Menschen in der Sonne. Die Reeperbahn liegt nur einen Steinwurf von hier, doch Hamburgs sündige Meile scheint Lichtjahre entfernt zu sein. Hafenrand-Idyll.

Heike Jung erinnert sich noch gut an die sechziger Jahre, als ihre Eltern in den Terrassenhäusern an der Erichstraße wohnten, erst im Vorderhaus, dann im Hinterhaus, „weil wir da endlich eine eigene Toilette hatten“. 45 Quadratmeter für 45 Mark. „Mein Vater ist zur See gefahren und meine Mutter hat auf dem Hühnerposten bei der Post Schicht geschoben. Schreiben Sie das, sonst denken immer alle, dass hier jeder auf dem Strich arbeitet.“ Dann hieß es, die Häuser sollen abgerissen werden, alle Mieter mussten raus. Den Menschen wurden Wohnungen in Barmbek angeboten. Zu weit weg von St. Pauli. „Das kam für meine Familie nicht in Frage, wir sind 1969 in die Antonistraße gezogen.“

Als die Altmieter raus waren, wurden erst mal Gastarbeiter und Studenten einquartiert, erzählt Heike Jung. „Die Paulianer haben geschimpft: ,Wir mussten räumen, damit die Ausländer und die Gammler Wohnungen haben‘ – na ja, so reden die Leute halt.“ Erst 1980, mehr als zehn Jahre später, kam die Abrissbirne. „Meine Schwester und ich standen vor dem Trümmerhaufen und haben geweint.“

Doch ein dauerhaftes Zuhause fand die Familie auch in der Antonistraße nicht, einem SAGA-Haus. Vier Zimmer, mit Kohle-Kachelofen, ohne Bad, für 180 Mark. „Wenn in der Schule Kinder von Badestuben erzählten, wusste ich nie, was die meinten“, so Heike Jung. „Sauber waren wir aber trotzdem. Schüssel, Wasser und Waschlappen, das ging auch. Und zum Baden ging es ins Schwimmbad.“ Ihre Mutter habe mal gesagt: „Der Komfort hier ist eine Katastrophe, aber die Wohnqualität ist großartig.“ Und nun gerät Heike Jung ins Schwärmen. Die Nachbarschaft sei einzigartig gewesen. „Wir haben gegenseitig auf die Kinder aufgepasst und zusammen gefeiert, jeder kannte jeden.“ Jeden kleinen Laden könne sie noch genau beschreiben. „Seifen Lau, den Fischhöker, Kolonialwaren, sogar mehrere Möbelgeschäfte gab es“, sagt Heike Jung.

Dass irgendwo da hinten die Reeperbahn war, der Sündenpfuhl, habe sie als Kind gar nicht mitbekommen. Am Hein-Köllisch-Platz tickten die Uhren anders. In den Torbögen spielten die Kinder Ball. Und wenn Zahltag war, gab es den „Lohntütenball“, da waren alle auf der Straße. „Wir Görn haben geguckt, wie die Frauen auf ihre Männer warteten, in der Hoffnung, dass sie noch was von der Lohntüte abkriegten.“

Als in den Siebzigern saniert und die Miete verdreifacht werden sollte, formierte sich Protest. „Das war keine organisierte Mieterinitiative; das waren einfach empörte Menschen“, so Heike Jung. Zum Beispiel jene alte Frau, die aus ihrem Fenster einen Eimer mit Urin auf die SAGA-Vertreter schüttete. „Die muss eine Woche lang in den Kübel gepinkelt haben.“

Trotzdem zogen aus dem Haus in der Antonistraße nach und nach alle Bewohner aus, viele nach Mümmelmannsberg. Die Eltern von Heike Jung hielten als letzte Mieter des Hauses noch Stand. Schon Jahre zuvor habe der Vermieter kaum noch Reparaturen durchgeführt. Das Haus sei im Winter nicht mehr warm geworden, an den Fenstern blühten die Eisblumen, und die Tapeten glitzerten vor Frost. Im Januar 1984 gaben ihre Eltern zermürbt auf und zogen nach Altona. Heike Jung bedauert: „Das alte St. Pauli-Süd stirbt immer mehr.“

Mieterinitiative will SAGA-Häuser für Wohnprojekt retten

In dem verwunschenen Garten mit seinen wilden Rosensträuchern haben Kinder ein Baumhaus gebaut. Wahrscheinlich das einzige Baumhaus auf St. Pauli, sicher das einzige auf his-torischem Boden. Denn in diesem Hinterhof spielte auch schon Zoo-Gründer Carl Hagenbeck. Der spätere Tierpark-Direktor wurde 1844 in der Lincolnstraße 33 geboren. Hier stellte sein Vater, ein Fischhändler, lebende Seehunde zur Schau. Doch das Hinterhof-Idyll mit dem historischen Häuserkomplex Trommelstraße 4–8 und Lincolnstraße 27–35 wird voraussichtlich nur noch ein paar Wochen existieren. Die Eigentümerin, die SAGA, will das Hagenbeck-Haus noch in diesem Jahr abreißen lassen und 60 neue Wohnungen bauen. Mit dem Segen des bezirklichen Bauausschusses – und gegen den Widerstand vieler Anwohner.

Etwa ein Dutzend junger Leute will dort ein Wohnprojekt organisieren. „Wir haben der SAGA angeboten, die Häuser zu retten“, sagt Cyrus Ashafri vom Wohnprojekt Trommelstraße. „Doch die haben nicht einmal auf unsere Briefe geantwortet.“ Gisela Zeisberg von der Lawaetz-Stiftung, die das Wohnprojekt unterstützt, ergänzt: „Die SAGA hat die Instandsetzung der Häuser jahrelang vernachlässigt, bis sie verrottet waren. Jetzt sagt man, sie sind nicht mehr zu retten.“ Derselben Ansicht sind auch der Mieterverein und die GAL Mitte.

„Die etwa 60 neuen Wohnungen werden ein guter Ersatz“, verspricht dagegen SAGA-Sprecher Mario Spitzmüller. „Das neue Haus soll von St. Paulianern mit mittleren und kleinen Einkommen bewohnt werden.“ Das Hagenbeck-Haus sei dagegen „feucht und verfault, nicht mehr zu retten“. Das neue Haus bekomme eine „historisierende Fassade“, die sich „harmonisch“ an die alte Bausubstanz anpassen werde. Eine Hand voll Menschen lebt jetzt noch in den heruntergekommenen SAGA-Häusern. Annika Liekefett ist eine von ihnen, die letzte Mieterin in der Trommelstraße 4. 250 Euro zahle sie Kaltmiete für 60 Quadratmeter ohne Bad. Die angebotenen Alternativwohnungen sind ihr zu teuer.

Grüne und CDU fordern nun ein unabhängiges Gutachten über den Zustand der Bausubstanz. „Das Gutachten, auf dessen Grundlage der Bauausschuss dem Abriss zugestimmt hatte, war von einer Tochterfirma der SAGA erstellt worden“, so Claudius Lieven von der GAL. Auf das neue Gutachten setzt auch Mieterin Annika Liekefett ihre Hoffnung: „Erst wenn unabhängige Fachleute bestätigen, dass die Häuser wirklich nicht mehr zu retten sind, dann geb ich auf und ziehe aus.“

Petra Neumann

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