„Wir sind nicht die Bösen“

In Ottensen schließen alteingesessene Läden, stattdessen kommen Filialen großer Ketten. Das schmeckt nicht allen:  Dem Schuhgeschäft Loveboots wurden die Fenster eingeschlagen.

(aus Hinz&Kunzt 230/April 2012)

Ladeninhaberin Martina Petrovic wirbt um Sympathie.

Drei auf einen Streich. Das fällt auf. Gerade an so zentraler Stelle wie dem Spritzenplatz in Ottensen. Der türkische Kiosk, der Döner-Imbiss und die besonders von Senioren frequentierte Dat-Backhus-Filiale, die hier nebeneinander lagen – alle weg. Als wollten sie den treffenden Namen des Theaterstücks „Die Verschwundenen von Altona“ noch einmal unterstreichen. Der Regisseur Schorsch Kamerun befragte für seine Inszenierung Anwohner über die Entwicklung ihres Viertels. Die Antworten zeigen: Viele ärgern sich über die Verdrängung alteingesessener Läden durch große Klamotten- oder Gastronomieketten. Das einst so bunte Viertel hätte dadurch „Abenteuer und Romantik verloren“, wie es im Stück heißt.

Und so gibt es am Spritzenplatz jetzt Damenschuhe von Loveboots statt Döner und nebenan Accessoires von Six statt Brötchen. Martina Petrovic empfindet Ottensen dennoch weiterhin als gemütliches „Dorf“. Gerade wegen der familiären Atmosphäre und des Zusamme­n­halts im Viertel sei sie mit ihrem Schuhgeschäft Loveboots hierhergezogen: „Wir möchten ein Teil davon sein“, sagt sie. Umso härter traf die 25-jährige Ladeninhaberin der Anschlag auf Loveboots direkt nach der Eröffnung im Dezember. „Als uns da über Nacht ein Schaufenster eingeschlagen wurde, dachte ich noch an einen Einzelfall“, erzählt sie. „Leider habe ich mich geirrt.“ Kaum war die Scheibe ersetzt, wurde sie erneut eingeschlagen, nach und nach auch die restlichen fünf. Bislang ist unklar, wer hinter den Anschlägen steckt, die Polizei er­mittelt.

Martina Petrovic geht derweil in die Offensive: Auf großen Plakaten an den zerstörten Scheiben warb sie wochenlang um Sympathie für Loveboots. „Wir sind ein junges Team mit Mitarbeitern aus aller Welt“, erklärt die gebürtige Jugoslawin. Die Einrichtung, die Dekoration, den Wareneinkauf, sie mache alles selbst, es stecke kein Großkonzern dahinter. „Und die Schuhe werden fair produziert“, sagt sie. Einen schriftlichen Beleg dafür hat sie nicht, doch eine „verantwortungsvolle Produktion“ sei für ihre Lieferanten „selbstver­ständlich“.

Auch der Auszug des Döner-Imbisses und des türkischen Kiosks, auf deren Fläche Loveboots steht, sei korrekt verlaufen, glaubt Martina Petrovic: „Der Mietvertrag lief aus, der Eigentümer hat die Fläche neu ausgeschrieben.“ Rund 40 Interessenten habe es ihres Wissens gegeben, unter anderem „richtige“ Ketten, die auch bereit gewesen wären, mehr Geld als Loveboots zu zahlen. „Der Eigentümer wollte aber lieber ein Geschäft mit individuellem Konzept haben, das gut in diese Ecke passt.“

Ob es stimmt, kann man nur mutmaßen. Die Stöben Wittlinger GmbH, die das Gebäude verwaltet, möchte nämlich keine Stellung nehmen. Selbst die ursprünglichen Hauptmieter, die Knippen Verwaltung, die die Fläche an den Kiosk und den Imbiss weitervermietet hatte, erfuhren nicht, weshalb ihr Vertrag nicht verlängert wurde.

Martina Petrovic will nach vorne sehen, trotz der Skepsis einiger Anwohner. „Diese Ablehnung trifft die Falschen“, beteuert sie. „Wir sind nicht die Bösen.“  Mit neuen Schaufenstern will Loveboots nun bald zum zweiten Mal Eröffnung feiern. Martina Petrovic hofft: „Dieses Mal bitte mit Happy End.“

Text: Maren Albertsen
Foto: Mauricio Bustamante

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