Existenzangst in der Flora

„Wir nehmen das sehr ernst“

Steht die Rote Flora vor dem Aus? Die Besetzer des Kulturzentrums in der Schanze befürchten, dass Gebäude und Grundstück verkauft werden könnten. Bezirkspolitiker glauben allerdings nicht an ein Ende des Projekts. Wir haben Rotfloristen gefragt, was sie bewegt.

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„Wer das kaufen will, muss Stress mögen“: Neuerdings schmückt das Zitat eines CDU-Politikers die Rote Flora am Schulterblatt.

Die Rote Flora im Schanzenviertel könnte kurz vor einem Verkauf damit vor einer drohenden Räumung stehen. Gerüchten und Medienberichten zu Folge plant der Eigentümer Klausmartin Kretschmer, das Gebäude am Schulterblatt an einen Investor zu veräußern. Angeblich besteht bereits ein Mietvertrag über das seit 1989 von linken Aktivisten besetze Gebäude mit dem potentiellen Käufer, der dann das Hausrecht hätte. Kretschmer wollte sich gegenüber Hinz&Kunzt nicht äußern und der vermeintliche Kaufinteressent war am Freitag nicht zu erreichen. Doch in der Roten Flora planen die Aktivisten bereits, was sie tun wollen, sollte ein neuer Besitzer dem Projekt ein Ende setzen wollen: Freiwillig gehen wird hier niemand. „Wir nehmen das sehr ernst und werden uns vorbereiten“, sagt Flora-Aktivist Jan. Wie genau der „Widerstand“ gegen eine denkbare Räumung reagieren würden, sagen die Floristen nicht. Dass es auch zu gewalttätigen Auseinandersetzungen kommen könnte, steht zwischen den Zeilen.

Die Sorge der Floristen: Kretschmer könnte Fakten schaffen wollen, bevor 2014 ein neuer Bebauungsplan in Kraft tritt, der die Nutzung des Grundstücks als Stadtteilkulturzentrum festschreibt. Damit wäre es dem Eigentümer dort untersagt, lukrative Büro- oder Wohngebäude zu errichten. Bislang schreiben die Richtlinien des örtlichen Sanierungsgebiets zwar ebenfalls den Erhalt des Gebäudes als Kulturzentrum fest, aber die Aktivisten aus der Roten Flora befürchten juristische Schlupflöcher, die sich ein neuer Eigentümer zu Nutze machen könnte. „Wir gehen davon aus, dass der Investor als hanseatischer Kaufmann ein Profitinteresse hat“, sagt Klaus, der sich in der Garten AG der Roten Flora engagiert. „Das steht unserem Interesse diametral entgegen.“

Zuspruch bekommen die Rotfloristen aus der Altonaer Bezirkspolitik. „Die Rote Flora gehört zum Schanzenviertel dazu“, sagt SPD-Bauexperte Gregor Werner. „Sie ist ein Beispiel dafür, wie bunt und vielfältig unsere Stadt ist.“ Deswegen spreche die SPD in Altona sich für den Erhalt der Roten Flora aus – und sieht sie auch gar nicht gefährdet. Das Sanierungsgebiet und der neue Bebauungsplan würden sicher stellen, dass die Rote Flora erhalten bleibt. „Wir sind gelassen, aber wachsam“, sagt Werner. Auch die CDU glaubt offenbar nicht an einen Verkauf der Roten Flora. Mit Hinblick auf die zu erwartenden Proteste der linken Szene sagte deren Bezirkspolitiker Uwe Szczesny im Hamburger Abendblatt: „Wer das kaufen will, muss Stress mögen.“

An den Befürchtungen in der Roten Flora ändert das allerdings nichts: Auf die Äußerungen der Politiker geben die Aktivisten traditionell nicht viel. „Die Bezirkspolitik ist ein Fähnchen im Wind“, sagt Florentin von der Kampagne Flora bleibt unverträglich. „Noch vor eine paar Jahren hätte sie die Flora am liebsten abgerissen, jetzt wollen sie sie plötzlich erhalten.“ Ursprünglich gehörte die Rote Flora formell der Stadt, bis der damalige SPD-Senat sie 2001 an den privaten Investor Kretschmer verkaufte.

„Wir wollen uns der Verwertungslogik entziehen“

Die Rotfloristen Klaus und Florentin schildern, welche Bedeutung die Rote Flora für sie hat.

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Wollen in der Roten Flora ihre Utopie verwirklichen: Klaus und Florentin.

„Die Flora feiert nächstes Jahr 25-jähriges Bestehen, aber zur Entwicklung des Stadtteils passt das eigentlich nicht. In letzter Zeit haben wir von immer mehr Läden erfahren, die schließen müssen, hier und auch drüben auf St. Pauli. Der Stadtteil wird immer schicker und die Mieten steigen in horrende Höhen. Die Rote Flora ist ein Projekt, das versucht, sich dieser Aufwertungslogik zu entziehen.

Der Stadtteil hätte sich nicht zu dem entwickelt, was er jetzt ist, wenn es die Rote Flora nicht gegeben hätte. Aber der Wille, aus jedem Zipfelchen Grundstück im Viertel das maximale an Profit heraus zu pressen, bringt diesen Entwicklungsprozess zum Kippen.

Gleichzeitig ist die Flora ein Symbol dafür, dass es auch anders geht: Dass man seit 24 Jahren ein Projekt verwirklichen kann, ohne sich mit dieser Eigentumslogik gemein zu machen.

Deswegen bezeichnen wir die Flora als „unverträglich“. Dieses Wortspiel leitet sich daraus ab, dass in dieser Gesellschaft jedes Projekt eigentlich einen Verein und einen Vorsitzenden haben muss, dass man sich in Vereinsregister und Grundbücher eintragen muss. Genau dem widersprechen wir. Wir organisieren uns hier in freier Assoziation, treffen unsere Entscheidungen also nach dem Konsensprinzip. Wir versuchen hier, ein bisschen Utopie zu verwirklichen. Neben Privatisierung und Verstaatlichung wollen wir einen dritten Weg gehen. Wir wollen die Rote Flora dieser Logik komplett entziehen und würden sie am Liebsten auch aus dem Grundbuch streichen lassen. Unsere Utopie ist die Flora als schwarzes Loch in der Eigentumslogik.

Mit dem möglichen Verkauf tritt ein weiterer austauschbarer Investor auf. Der heißt jetzt zwar anders, aber perspektivisch ist uns das egal. Dadurch sind wir aber, wenn man so will, in einer neuen Kampf-Phase. Denn wir gehen davon aus, dass jemand, der für viel Geld die Rote Flora kauft, damit auch etwas vorhat. Wir müssen uns jetzt vergewissern, ob wir wirklich den Rückhalt haben, den wir brauchen, um das Projekt politisch durchzusetzen. Wir wollen hier keine Ritterburg bauen und die militärisch halten, sondern Ausdruck einer breiten Solidarität in der Stadt sein. Wir werden nicht die Hände in den Schoß legen, sondern auf verschiedenen Ebenen aktiv werden.“

Text, Protokoll und Fotos: Benjamin Laufer

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