Wir Heimkinder

Hinz & Künztler erzählen von ihrer Jugend

(aus Hinz&Kunzt 138/August 2004)

Geborgenheit, Zärtlichkeit und Liebe – was man normalerweise mit dem Wort Zuhause verbindet, haben viele Hinz&Künztler nie erlebt. Sie haben ihre Kindheit in einem kaputten Elternhaus und im Heim verbracht. Sechs von ihnen erzählen ihre Geschichte.

Missbrauch und Schläge

Björn, 32: „Kindheit, das Wort streichen wir, das hatte ich sozusagen nicht. Meine Eltern haben sich früh scheiden lassen, meine Mutter war Alkoholikerin und medikamentenabhängig, hatte wechselnde Lover.“ Die Mutter interessierte sich gar nicht für ihn, so empfand er es. Seine erste Erinnerung: „Ich war zwei Jahre alt, wurde operiert, und nicht meine Mutter, sondern mein Opa holte mich aus dem Krankenhaus ab.“

Als er fünf Jahre alt war, heiratete seine Mutter wieder. Jetzt wurde es noch schlimmer. Sein Stiefvater missbrauchte ihn – jahrelang. „Meine Mutter lag oft sogar daneben und sagte nichts.“ Und es gab Schläge, für nichts und wieder nichts. „Irgendwann an Ostern bin ich total ausgerastet: Ich hab im Supermarkt ein ganzes Regal mit Osterhasen umgehauen. Von den Hasen blieben nur Krümel übrig.“ Er kam in die Jugendpsychiatrie, aber auch dort erkannten die Ärzte die Not des Kindes nicht. Weder seine seelische noch seine körperliche. Sie hätten zwar die für Missbrauch typischen Verletzungen diagnostiziert, sagt Björn, ihn aber trotzdem wieder nach Hause entlassen.

Björn wurde immer verzweifelter. Er begann, an sich herumzuschnippeln. „Mit neun versuchte ich mich umzubringen, aber es misslang.“ Endlich die Rettung. Mit zwölf kam er in eine Gruppe für Ausreißer, die Betreuer halfen ihm, einen Heimplatz zu finden. Körperlich kam er zur Ruhe. Aber seelisch nicht. Denn niemand half dem Jungen, den Dauermissbrauch durch seinen Stiefvater seelisch zu bewältigen.

„Gewalt hat meine Kindheit bestimmt – und gerettet hat mich, wenn es auch pervers klingt, die Droge. Wenn ich keine Drogen genommen hätte, hätte ich wieder versucht, mich umzubringen, und dann wäre es mir gelungen. Wenn ich kein Junkie geworden wäre, wär ich heute tot.“

Fast wäre er auch mit Drogen heute tot. Irgendwann wog er nur noch 50 Kilo, am Glockengießerwall brach er zusammen und kam ins Krankenhaus. Der Arzt sagte: „Entweder du entziehst, oder du stirbst.“ – „Ich wollte nicht denken, nicht fühlen, aber noch weniger wollte ich sterben.“

Seit sechs Jahren ist Björn clean. 2002 starb seine Mutter. „Ich hätte ihr gerne mal meine Vorwürfe vor den Kopf geknallt. Es frustet mich, dass ich die ganze Scheiße ungeklärt mit mir herumtragen muss.“

Aber er lässt sich sein Leben und seine Träume nicht von seiner Vergangenheit kaputt machen. Inzwischen hat er den Realschulabschluss gemacht und würde gerne eine Ausbildung im sozialen Bereich beginnen. Sein ganz großer Traum ist es, ein Altersheim für Menschen aufzumachen, die niemand will: für Arme und Obdachlose.

Und Beziehungen baut er auf. Ganz vorsichtig. „Ich habe eine Freundin. Ohne Liebe ist das Leben gar nicht möglich. Heute denke ich jedenfalls so. Aber immer noch habe ich mit meinen Gefühlen zu kämpfen: Gib mir Nähe, aber sobald du mir zu nahe kommst, hau ich dir ins Gesicht.“

Einsam im Baumhaus

Peter, 44: Seine Mutter starb an Krebs, als er drei Jahre alt war, der Vater kam in den Knast, weil er sich an Peters Schwester vergangen haben sollte. „Das erfuhr ich allerdings erst mit 16, und es wurde nie bewiesen. Ich kam ins Johannes-Petersen-Heim, was gar nicht so schlecht war, ein Reformheim mit netteren Erziehern.“

Beim Heim denkt er auch an schöne Dinge. „Es gab oft Haferschleimsuppe, und die esse ich bis heute gerne. Allerdings gab es im Heim auch Kinder, die Päckchen bekamen und am Wochenende ihre Eltern besuchten. Das tat mir ganz schön weh. Ich habe die beneidet, die eine Familie hatten.“ [BILD=#heimpeter][/BILD]

An den Wochenenden blieben nur wenige Kinder im Heim. Mit einem Jungen freundete er sich an. „Mit ihm habe ich mir ein geheimes Baumhaus im Garten gebaut. Das war mein Versteck, wenn ich mich einsam oder traurig fühlte.“ Mit zwölf kam er in ein Kinderdorf, wo er bis zu seinem 17. Lebensjahr blieb. Nach dem Realschulabschluss machte er eine Malerlehre im hauseigenen Betrieb. Aber die Auswirkungen seiner Kindheit spürt er noch heute: „Ich bin immer misstrauisch geblieben, immer ein Einzelgänger, kann mich schwer anpassen – und bei Freundschaften passe ich auf.“

Immer nur Gequassel

Martin, 45: Bis zum 13. Lebensjahr war Martin eher schüchtern. „Ich saß still in der Ecke, habe lieber gelesen und vor mich hin geträumt als herumzutoben. Meine Eltern hatten immer Streit miteinander. Und meine Mutter brachte es fertig, auf uns Kinder rund um die Uhr einzuquasseln. Spätestens nach zwei Tagen, wenn man nicht gepennt hat, sagt man automatisch, ja, hast Recht, und ich bin blöd.“ Heute glaubt Martin, dass seine Mutter von Tabletten abhängig und psychisch krank war. Immer mehr vergrub er sich in seine eigene Welt.

Sein einziger Freund war sein Hund. „Dem habe ich meine Probleme erzählt. Der hat zugehört und nicht gemeckert. Ich hatte keine Freunde oder Kumpels. Dann ist meine ältere Schwester von zu Hause ausgezogen, von einem Tag auf den anderen. Und mir war klar: Jetzt kriege ich alles ab. Da war Feierabend. Ich bin im Winter 1973/1974 von zu Hause abgehauen.“ Dennoch setzte er seine Lehre als Verlagskaufmann bei der Bergedorfer Zeitung fort, die Kollegen kümmerten sich rührend um ihn. Aber schließlich landete Martin, der noch brave Lehrling in Anzug und Krawatte, im berüchtigten Kinderheim in Hütten in der Hamburger Neustadt. „Da waren die Harten. Im Kino liefen Kung-Fu-Filme mit Bruce Lee, und jeder hatte ein Schacko, zwei Stuhlbeine mit einer Kette, und dann wirbelt man damit herum und knallt sich das selber vor den Kopf. Denn keiner konnte das richtig. Aber es waren halt die Harten, und ich stehe da mit Jackett. Da gab es erst mal auf die Fresse. Dann waren die Armbanduhr weg, der Schmuck, Ring und Kette. Nachts wurden wir in unserer Zelle eingeschlossen. Ein Klo gab es nicht, wir bekamen einen Pisseimer.“

Therapeuten oder Sozialpädagogen wollten mit Martin reden, konnten aber sein Vertrauen nicht gewinnen. „Immer hieß es: ‚Mal gucken!‘, und dann ist das Amt Schuld oder der Kostenträger oder die Gesetze oder das schlechte Wetter. Irgendwer ist immer Schuld, aber für mich ändert sich nichts.“ Martin beschloss, seine Angelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen. „Langsam habe ich begriffen, dass am Ende meiner Arme Fäuste sind und am Ende meiner Beine Füße. Ich muss mich nicht immer schlagen lassen. Ich muss nicht Opfer sein.“ Und bald gehörte er zu den Harten. „Wir waren alle ziemlich fit im Straßenkampf. Jeder hat zugesehen, dass er überlebt.“

Als er 16 war, kam er in eine Jugendpension („Hamburger Modell“), wo sowohl die Kids als auch die Betreuer „okay“ waren – und wo Martin zum ersten Mal so etwas wie Interesse und Wärme, Freiheit und Verbundenheit erfuhr. „Man kriegte einen Schlüssel. Das war für mich der Hammer: Das erste Mal im Leben einen Haustürschlüssel zu haben. Schlüsselgewalt, ich weiß heute, was Schlüsselgewalt heißt und wie gewalttätig es sein kann, wenn man keinen Schlüssel hat.“

Martin hat sein Leben überlebt, wie er sagt. „Ich wünsch’ mir so sehr Nähe – und kann keinen an mich ranlassen. Warum stinke ich wohl? Weil ich dann sagen kann: Wegbleiben, ich stinke!“

Flucht von zu Hause

Thomas, 44: Bei Thomas zu Hause regierte nur einer: sein Vater. „Alle mussten mitziehen.“ Aber ob mitziehen oder nicht. „Er schlug mich oft grundlos, wahrscheinlich, um seinen beruflichen Misserfolg wegzustecken. Wenn er besoffen war, wurde er sogar handgreiflich gegenüber meiner Mutter und Schwester. Ich wollte das nicht, mit zunehmendem Alter erst recht nicht. Schließlich nahm mein Vater mich von der Schule, da war für mich klar: Ich muss weg!“

Mit 15 begannen seine Fluchtversuche von zu Hause. „Insgesamt fünf Mal. Die Polizisten kannten mich schon. Als sie mich das letzte Mal einfingen, sagte ich ihnen, ich wolle nicht mehr zu meinen Eltern.“ Das verstand der Polizist sogar und brachte Thomas nach Hütten. (Anm.: Wo es ziemlich hart herging, wie der Bericht von Martin beweist.)

Später kam Thomas in ein anderes Heim. „Dort waren wenigstens die Erzieher gewaltfrei. Zur Schule wollte ich nicht mehr, also musste ich arbeiten gehen, als ich 16 war. Das Leben im Heim war geprägt von Gewaltandrohung gegenüber Neuen und körperlich Unterlegenen.“ Thomas gehörte dann bald zu denen, die sich nichts bieten ließen – und geriet auf die schiefe Bahn. „Schlägereien mit Ausländern und Udels waren beim HSV immer angesagt. Alkoholkonsum, aber auch die Beschaffung desselben waren an der Tagesordnung“, zählt er auf. Und er wurde drogenabhängig. Das war auch der Grund, warum er seine Lehre auf der Norderwerft abbrach.

Heute hat er wieder Fuß gefasst, einigermaßen jedenfalls. Drogenabhängig ist er nicht mehr, und er hat sogar wieder einen Job. Momentan arbeitet er in der Redaktionsassistenz von Hinz & Kunzt.

Lichter der Großstadt

Uwe, 62: Drei Jahre war Uwe alt, als er ins Heim kam. „Meine Mutter war Betrügerin und kam in den Knast, mein Vater war Alkoholiker, ein ganz strammer.“ Und geschlagen habe er ihn, immer, wenn er im Rausch war – und das war ziemlich oft. Ans Heim hat Uwe deshalb gar nicht so negative Erinnerungen. Zumindest ließ man ihn dort körperlich in Ruhe. Die schönste Zeit war, als er mit elf Jahren in eine Pflegefamilie auf dem Dorf kam. „Das war tiptop, ne?!“, sagt er, und noch heute strahlt er. Auch seinen Beruf, Tankwart, verdankt er seiner „Familie“. Die hatten ein Taxiunternehmen, der Sohn ein Transportunternehmen – und Uwe wusch gerne die Autos im Fuhrpark.

Aber dann zogen den Jungen vom Dorf die Lichter der Großstadt magisch an. „Bei uns gab’s ja nur Kühe oder so was“, sagt er, während in Hamburg alles zu glitzern und leuchten schien. Uwe verfiel regelrecht der Reeperbahn und ihren Verlockungen. Er wurde spielsüchtig – und wie sein Vater Alkoholiker. Das Blatt wendete sich, als der vor zehn Jahren zu Hinz & Kunzt kam. „Ich gehöre heute zum Inventar“, sagt er. „Von einem auf den anderen Tag hörte ich auf zu saufen.“ Auch eine eigene Wohnung hat er inzwischen – zum ersten Mal im Leben.


Verdrängte Vergangenheit

Rudolf, 40: „Ich weiß, dass ich schon mit einem Jahr ins Heim gekommen bin. Aber an meine Kindheit habe ich überhaupt keine Erinnerung. Erst so mit 14 habe ich erste Bilder.“ Was da passiert ist? „Damals habe ich zum ersten Mal meine Eltern gesehen. Ich war inzwischen schon schwer erziehbar und hochkriminell. Ich war so voller Aggressionen, dass ich einer Nonne mit einem Kerzenhalter auf den Kopf gehauen habe.“ Aus Frust, aus Einsamkeit und weil er das Gefühl hatte, von niemandem etwas zu bekommen. Vielleicht war das der Grund, warum das Amt wollte, dass Rudolf seine Eltern kennen lernen sollte. „Sie sollten sich um mich kümmern. Aber das Treffen war schrecklich.“ Warum? „Ich habe gleich gemerkt, dass meine Mutter mich ablehnte. Und ich musste die ganze Zeit denken: Warum darf meine Schwester zu Hause aufwachsen und ich nicht? Ich glaube, ich habe meine Eltern danach nie wieder gesehen.“

Aufzeichnungen: Birgit Müller

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