Bürgerbeteiligung

Wir bauen uns die Welt, wie sie uns gefällt

Der Freiburger Stadtteil Vauban ist aus dem Nichts auf einem alten Kasernengelände entstanden. Entscheidend dabei war die erweiterte Bürgerbeteiligung. Ein Vorbild für Hamburg? Hier entsteht mit der Neuen Mitte Altona gerade ein neuer Stadtteil auf dem ehemaligen Bahngelände.

(aus Hinz&Kunzt 234/August 2012)

Früher rollten hier französische Panzer die Straßen entlang und Soldaten marschierten im Gleichschritt über das Gelände. Von diesem militärischen Alltag ist im Freiburger Stadtteil Vauban heute nichts mehr zu spüren, im Gegenteil. Man merkt, wie die Menschen hier ticken: 70 Prozent der Bewohner Vaubans haben bei den vergangenen Landtagswahlen die ­Grünen gewählt. Soweit konnte es nur kommen, weil die französische Armee 1992 das Feld räumte und ihr Kasernengelände den Freiburgern überließ. Ein völlig neuer Stadtteil entstand, ähnlich wie es in Altona gerade mit der Neuen Mitte geschieht.

Vauban schrieb Geschichte, weil hier ökologisches und nachhaltiges Bauen praktiziert wurde wie nie zuvor – eben weil die künftigen Bewohner sich das so gewünscht hatten. Das Besondere am Freiburger Modell: Die Politik hat den Bürgern damals wirklich zugehört. „Erweiterte Bürgerbeteiligung“ hieß das, wovon Altonas engagierte Bürger nur träumen können.

Lebt heute zufrieden im gemeinsam gebauten Haus: die Baugruppe Triangel mit Bewohnerin Gesa Pult (rechts unten).

Ausgerechnet ein Konservativer hat das in Freiburg mit ermöglicht. Dass Sven von Ungern-Sternberg in der CDU ist, mag man kaum glauben. „Wenn ich in anderen Städten Vorträge halte, denken immer alle, ich sei Linksextremist“, scherzt er. Von 1978 bis 1998 war von Ungern-Sternberg in Freiburg Baubürgermeister und damit auch zuständig für die Entwicklung neuer Quartiere wie Vauban. Linke Initiativen stritten damals für den Erhalt der ehemaligen Kasernenhäuser, die von den Nazis erbaut worden waren. „Es kann mir doch keiner erzählen, dass diese Bauweise die Grundlage für modernes Wohnen im 21. Jahrhundert sein soll“, hat der CDU-Mann damals dagegen argumentiert. „Das ist eine Kaserne!“

Einer, mit dem sich von Ungern-Sternberg damals streiten musste, ist Bobby Glatz. Er hätte gerne alle Kasernenhäuser erhalten und darin günstigen Wohnraum  geschaffen. Anderen waren ökologische Baustandards wichtiger. „Die Leute sammeln die Deckelchen vom Joghurtbecher, aber diese Häuser wollten sie abreißen“, wundert er sich noch heute. Glatz ist Mitbegründer der Selbstorganisierten Unabhängigen Siedlungsinitiative „Susi“. Er und 230 andere ­Menschen leben in den Wohngemeinschaften in den vier ­Kasernenhäusern, die Susi damals kaufen konnte. Acht weitere Häuser von über 50 wurden erhalten, der Rest abgerissen.

 Am Anfang stand die Vision vom solidarischen Wohnen. „Wir wollten angehende Akademiker und das sogenannte Proletariat zusammenbringen“, sagt Glatz. Zumindest im Wohnprojekt Susi ist das gelungen: Die Hälfte der Wohnungen hier ist für Studenten reserviert, die andere Hälfte für Menschen mit geringem Einkommen – auf unbestimmte Zeit. So steht es in der Vereinssatzung. Viele hatten zu Beginn der Vauban-Planungen vor allem ökologische Visionen: Autofrei sollte das Quartier werden, nachhaltig, ressourcen­schonend – kurz: ein Modellstadtteil.

Dazu gehörte in Freiburg auch eine vorbildliche Bürgerbeteiligung, die durch die politische Gesamtlage in der Stadt möglich wurde. „Wir haben versucht, Bürgerbeteiligung zu praktizieren, bevor das in aller Munde war“, sagt von ­Ungern-Sternberg. Bereits vorher hatte er gute Erfahrungen damit gemacht, kompetente Bürger mit ins Parlament zu nehmen und ihre Meinung zu hören.

Kompetente Bürger gab es auch im Verein „Forum Vauban“, den die Stadt damals als ­offizielle Vertretung der Bürger mit ins Boot geholt hatte. ­Zusammen mit Verwaltung, Politikern und Stadtplanern saß ein Vertreter des Vereins in einer parlamentarischen Arbeitsgruppe und stritt für seine Vorstellungen vom neuen Quartier. „Warum sollen die Sprecher nicht auch selbst im Gemeinderat vortragen können?“, fragt von Ungern-Sternberg, als hätte sich nie ein Bürgermeister dagegen ausgesprochen. Auch der richtige Zeitpunkt für eine Bürgerbeteiligung liegt für den Politiker auf der Hand: möglichst früh, damit man keine Entscheidungen trifft, für die man später keine Mehrheiten findet.

Klingt gut? Geht noch besser! Die Bürgerbeteiligung lief unter dem Motto „lernende Planung“. Es gab einen steten Austausch zwischen Stadtplanern und interessierten Bürgern über deren Bedürfnisse. „Architekten und Stadtplaner planen oft am grünen Tisch, aber die Lebenswirklichkeit sieht anders aus“, gibt von Ungern-Sternberg zu bedenken. Deswegen konnten Entscheidungen, waren sie einmal getroffen, auch häufig noch einmal überdacht werden.

Der ehemalige Bürgermeister ist sicher: „Sie brauchen eine gute Verwaltung, um mit den Bürgern auf ­Augenhöhe zu diskutieren!“ Auch das Forum Vauban wurde von der Stadt und der EU mit Mitteln ausgestattet, um die Augenhöhe zu erreichen: Der Verein hatte eigene Büroräume und konnte mehrere Berater und Planer einstellen.

Trotzdem scheiterten viele Ideen am lieben Geld. Lernendes Planen konnte nämlich auch bedeuten, dass soziale Errungenschaften wieder zurückgenommen wurden. So sollten ursprünglich einmal 25 Prozent der Wohnungen in Vauban Sozialwohnungen sein, später kürzte man diesen Anteil auf 10 Prozent. Heute stehen hier rund 2000 Wohnungen, knapp 400 davon sind   Sozialwohnungen. Der Mammutanteil sind Eigentumswohnungen: 1300 gibt es davon im Quartier. Im Gegensatz zur ökologischen Utopie ist die soziale in Vauban zum Teil auf der Strecke ­geblieben. „Wir wollten mehr Sozialwohnungen haben, aber die Stadt hatte kein Geld“, sagt das ehemalige Vorstands­mitglied des Forums Vauban, Andreas Delleske. „Und wir konnten der Stadt das Geld auch nicht geben.“ Im Ergebnis wohnen in Vauban fast nur Menschen mit lukrativen Jobs. „Die Leute hier verdienen ein Schweinegeld“, sagt Bobby Glatz. „Aber die meisten engagieren sich sozial.“

Das nützt den Bewohnern der Sozialwohnungen allerdings wenig. Viele von ihnen haben Angst, ihre Wohnungen und damit auch den Stadtteil verlassen zu müssen. Denn es ist gerade das passiert, was nach 15 Jahren auch in Altona ­geschehen wird: Die Verpflichtung der Vermieter, Sozialwohnungen zu geringeren Mieten anzubieten, läuft aus. Der ­Vermieter von Maria Schwärz hat das ausgenutzt, ihre Miete stieg im vergangenen Herbst von 550 auf 660 Euro. 2014 darf er die Miete erneut anheben. „Dann müssen wir wegziehen“, befürchtet die Betreiberin eines Second-Hand-Shops. Sie wäre nicht die Erste in ihrem Haus.

So lernt Vauban gerade ein neues Phänomen kennen: Verdrängung. „Eine Flüchtlingsfamilie wird sich die Miete hier nicht mehr leisten können“, befürchtet die alleinerziehende Mutter von drei Kindern. Die Mieten in Vauban gehören ohnehin zu den teureren in Freiburg, sagt die Geschäftsführerin des örtlichen Mietervereins, Katrin Hartwig. Das liege einerseits an der ­hohen Qualität der Wohnungen. ­Andererseits sei die Nachfrage hoch, aber das Angebot ­gering. In den anderen Stadtteilen sieht es allerdings nicht besser aus, auch nicht bei den Sozialwohnungen: „Sie bekommen hier kaum eine Wohnung für das Geld, das die Arge übernimmt.“ Eigentlich sollte durch den Bau Vaubans die Freiburger Wohnungsnot bekämpft werden. „Es hat eine kurzfristige Entlastung auf dem Wohnungsmarkt gegeben“, sagt Hartwig – das war’s dann aber auch schon. „Bezahlbare Mieten sind ein sehr knappes Gut geworden.“

Um steigende Mieten müssen sich die Bewohner der Susi keine Sorgen machen, weil deren Wohnungen für immer Sozialwohnungen bleiben sollen. Aber auch zahlreiche Häuslebauer haben Mittel und Wege gefunden, die finanzielle Belastung in moderaten Grenzen zu ­halten: Sie haben sich in Baugruppen und Genossenschaften zusammen­­­­­­­­­­­­­geschlossen.

Zahlreiche Familien und Einzelpersonen kauften gemeinsam als Baugruppen ein Grundstück und errichteten darauf ihren Traum vom Eigenheim. Gesa Pult hat das gemacht: Die 42-jährige Physiotherapeutin wohnt in einem der zwei Häuser, die die Baugruppe „Triangel“ hier 1996 errichtet hat. „Es ist enorm, wie viele Dinge wir miteinander geleistet haben“, sagt sie. Gebaut haben hier Familien aus der Mittelschicht: Krankenpfleger, Sozialpädagogen, Juristen, Handwerker. ­Gemeinsam mit einem Architekten haben sie damals entschieden, wie ihr Zuhause heute aussieht. Das hat über zwei Jahre gedauert und ging nicht ohne Kompromisse. Zwar sind individuelle Entwürfe bei dieser Bauweise eigentlich leicht umzusetzen, aber eben auch teurer: „Wenn man günstig ­bauen will, müssen alle die Abwasserrohre an der gleichen Stelle haben“, erinnert sich Pult. Dass sie nach Vauban ­gezogen ist, bereut sie nicht: „Hier habe ich die nettesten Nachbarn, die man sich vorstellen kann.“

Mit relativ wenig Geld ein Haus bauen, das geht in einer Genossenschaft. Die „Genova“ versucht in Vauban, vielen das Mitbauen zu ermöglichen. Zwar gibt es eine große Hürde: Jeder Genosse muss 31.200 Euro Einlage zahlen, die Hälfte davon bei Eintritt in die Genova. „Das grenzt auch viele aus, keine Frage“, weiß Vorstand Hubert Hoffmann. Wer aber erst mal drin ist, kann sich auf die Solidarität der Genossen verlassen. Als die Förderung der Sozialwohnungen in der ­Genova auslief und dadurch die Mieten stiegen, wurde ein Umverteilungstopf eingerichtet. 12.000 Euro pro Jahr stehen für die Genossen zur Verfügung, die sich nicht die volle Miete – 7,84 Euro kalt – leisten können. Das Geld kommt von den Nachbarn und von Fördergenossen, die zwar nicht in der ­Genova wohnen, aber ihr Geld dort angelegt haben.

Die Grundstücke haben die Genossenschaft und die Baugruppen damals direkt von der Stadt gekauft. Die verkaufte die alte Kasernenfläche an Privatpersonen statt an große ­Immobilieninvestoren. Weil Unternehmer stärker nach ­kommerziellen Gesichtspunkten geplant hätten, sagt Sven von Ungern-Sternberg. „Wir wollten ja kein Geld verdienen, sondern einen guten Stadtteil machen.“ Diese Chance wurde in Hamburg nicht genutzt: Viele Baugrundstücke in Altona gehören bereits jetzt Investoren, die bislang nicht durch (sozialen) Wohnungsbau bekannt geworden sind. Auf das Recht, die Flächen selbst zu kaufen, verzichtete die Stadt.

Es ist in Vauban längst nicht alles so geworden, wie die Bürger sich das vorgestellt hatten. Mehr Mietwohnungen und eine weniger dichte Besiedelung hätte Maria Schwärz sich ­gewünscht, andere wollten mehr Arbeitsplätze im Viertel. „Der Traum vom frei überplanbaren Stadtteil ist nicht Wirklichkeit geworden“, sagt sie. Erweiterte Bürgerbeteiligung hieß auch nicht, dass die Stadtverwaltung nicht auch ihre Interessen durchsetzen konnte. „Es lief hier trotzdem viel besser als überall sonst“, sagt Andreas Delleske, der heute beruflich Touristen durch das Viertel führt. „Selbst wenn da ein, zwei Fehlerchen passiert sind.“

Vauban wäre nicht Vauban, wenn nicht längst neue ­Methoden der Bürgerbeteiligung ausprobiert worden wären. Bei einem Neubauprojekt haben Bobby Glatz und andere versucht, die Bürgerbeteiligung noch stärker zu erweitern. Denn: Nur weil sich theoretisch alle Betroffenen in den ­Planungsprozess einbringen können, tun das nicht alle. „Viele Leute trauen sich gar nicht, aufzustehen und zu reden“, sagt Glatz.

Wenn die Leute nicht zur Bürgerbeteiligung kommen, muss diese also zu den Leuten kommen. Bobby Glatz hat zusammen mit dem Architekten Robert Horbacher ein Modell des Baugrundstücks und seiner Umgebung gebastelt. Der „Arbeitskreis Eingang Vauban“ ist damit durch den Stadtteil gezogen und hat Passanten angeboten, aus Styropor ihr eigenes Gebäude zu basteln und einzusetzen. Im Internet wurden die Bürgervorschläge dann weiter diskutiert. „Die Leute können sich die Pläne räumlich vorstellen und danach greifen“, erklärt Glatz die Vorteile des Konzepts. Trotzdem hat sich der so entstandene Entwurf im städtebaulichen Wettbewerb nicht durchgesetzt: Direkt am Eingang Vaubans entstehen nun ein modernes ­Hotel – und 13 Eigentumswohnungen. Die Idee hätte auch von den ­Hamburger Stadtplanern stammen können.

Text: Benjamin Laufer
Foto: Mauricio Bustamante

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