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Winter Not Pläne

28. November 2011 | Von | Kategorie: 2011: Hinz&Kunzt-Ausgaben 215–226, Archiv, Hinz&Kunzt 226/Dezember 2011

Im Winternotprogramm der Stadt gibt es diesmal mehr Plätze als bisher. Dafür hat Sozialsenator Detlef Scheele (SPD) eigens ein Bürogebäude in der Spaldingstraße renovieren lassen – und er hat gehalten, was er versprochen hat: In einem Bunker zu schlafen, wie im vergangenen Jahr, wird niemandem zugemutet. Doch schon jetzt ist absehbar: Die Spaldingstraße platzt aus allen Nähten.
(aus Hinz&Kunzt 226/Dezember 2011)

In der Spaldingstraße stellt die Stadt im Rahmen des Winternotprogramms 230 Schlafplätze zur Verfügung.

Größer und zentraler: Sozialsenator Detlef Scheele (SPD) hat das Winternotprogramm der Stadt in diesem Jahr zur Chefsache gemacht. Mit 240 zusätzlichen Schlafplätzen startete es am 1. November. Davon 82 in Containern bei Kirchengemeinden und 160 in der frisch renovierten Spaldingstraße 1. Wie früher in der Sportallee gibt es Zwei- bis Sechsbettzimmer. Besser als in der Sportallee: Ein ganzes Stockwerk ist für Frauen und Paare reserviert.

Damit das Winternotprogramm überhaupt rechtzeitig starten konnte, hatte der Sozialsenator die Spaldingstraße 1 mit Hochdruck umbauen lassen. Ein Fiasko wie der schwarz-grüne Senat mit dem Bunker wollte Scheele nicht erleben: Er habe sich den Bunker unter dem Hachmannplatz selbst angesehen, aber der sei „geeignet für einen Atomkrieg“, unzumutbar allerdings für Obdachlose und Mitarbeiter.

Auch Katharina Fegebank, Vorsitzende der damals mitregierenden GAL, bezeichnet die Unterbringung im Bunker heute als „indiskutabel“ und findet lobende Worte für das aktuelle Winternotprogramm: „Die zentrale Unterbringung an der Spaldingstraße ist eine deutliche Verbesserung.“ Doch trotz der offensichtlichen Bemühungen des Senators: Optimal ist die Unterbringung nicht. Außer den Betten gibt es in den Zimmern gerade noch einen Stuhl pro Person. Schränke gibt es nicht. Die Obdachlosen können zwar ihr Gepäck tagsüber im Zimmer lassen und ihre Wertsachen extra abgeben, aber nach wie vor ist der Aufenthalt in den Räumen tagsüber nicht erlaubt. Erst ab 16 Uhr öffnet die Spaldingstraße ihre Pforten und schließt sie nach dem Frühstück um 9 Uhr. 25 Ehrenamtliche versuchen, ein Frühstück und ein Abendessen aus Beständen der Hamburger Tafel zuzubereiten. Warm zu kochen ist in der Spaldingstraße nicht möglich.

Das Winternotprogramm der Stadt platz aus allen Nähten

Und: Die Unterkunft stieß schnell an ihre Grenzen. Schon in der ersten – noch verhältnismäßig warmen und trockenen – Nacht nahmen 77 Personen das Angebot in Anspruch, in den folgenden Nächten waren es mehr als 100. Als dann alle 160 Plätze belegt waren, wurde ein weiteres Stockwerk geöffnet: Jetzt gibt es in der Spaldingstraße 230 Betten. Bei Redaktionsschluss waren 210 davon vergeben – dabei hat der Winter nicht mal richtig angefangen.

 

Einfache Ausstattung: Ein Bett und ein Stuhl für jeden, in einem Zimmer chlafen zwei bis sechs Personen.

Die Sozialbehörde versicherte, die Kapazitäten in der Spaldingstraße würden ausreichen. Klar ist allerdings: Für die Obdachlosen in der Spaldingstraße  steigt die Belastung mit jedem neuen Bewohner. Laut dem Unterkunftsleiter Matthias Müller kommt es fast täglich zu Auseinandersetzungen zwischen den Bewohnern. Das liege an der großen Zahl von Menschen, an Alkoholkonsum und Stress.

Zu den akuten Problemen kommen fürSozialsenator Scheele jetzt schon die Planungen für das Winternotprogramm 2012/2013. Denn das Haus in der Spaldingstraße wird dann wohl nicht mehr zur Verfügung stehen. Es soll im Frühjahr abgerissen werden. Dafür gab es harsche Kritik von der Opposition: „Die SPD verschwendet Steuergelder“, lautete die Kritik der CDU. Ihr Vorwurf: 530.000 Euro soll die Sanierung eines Gebäudes gekostet haben, das nach einigen Monaten abgerissen werden soll.

Aber dann stellte sich raus: Die CDU hat sich vertan. Denn 530.000 Euro ist nicht die Summe für die Sanierung, sondern sind die Kosten für den Betrieb der Unterkunft. Die Sanierung kostete laut Behörde 250.000 Euro. Insgesamt liegen die veranschlagten Kosten von 780.000 Euro unter dem Budget von CDU und GAL im vergangenen Jahr (816.000 Euro). Sollte die Platzzahl allerdings noch erweitert werden, wird auch das Winternotprogramm noch teurer. Am besten und billigsten wäre es sowieso, wenn man genug ganzjährige Plätze und Wohnungen hätte. Ein Provisorium wie ein Winternotprogramm ist nämlich immer die teuerste Lösung.

Sozialarbeiter Andreas Stasiewicz und seine Kollegin beraten nicht nur obdachlose EU-Bürger.

Auch neu: Seit dem Start des Winternotprogramms gibt es eine Sprechstunde für EU-Bürger in Hamburg. Die Anlaufstelle in der Spaldingstraße, im selben Gebäude wie das Winternotprogramm der Stadt, ist täglich zwei Stunden geöffnet. Vor allem Männer aus Polen, Bulgarien und Rumänien suchen Rat – Italiener und Spanier waren aber auch schon dabei, Frauen kommen kaum. „Wir beraten täglich im Schnitt zehn Personen“, sagt Sozialarbeiter Andreas Stasiewicz. Längst sind es nicht nur Wohnungslose, die im Winternotprogramm untergekommen sind, die ihn und seine Kollegin aufsuchen: „Viele Anfragen kommen von außerhalb.“

So bitten Männer, die in Hamburg leben und arbeiten, um Übersetzungen oder Unterstützung bei amtlichen Anträgen. Obdachlose und Alkoholkranke brauchen Vermittlung zu anderen Hilfeangeboten wie Therapieeinrichtungen. „Das Hauptproblem sind die Sprachschwierigkeiten“, sagt Andreas Stasiewicz. Er selbst spricht polnisch, tschechisch und russisch. Rumänische und bulgarische Dolmetscher besorgt er bei Bedarf als Unterstützung.

Immer wieder werden die Sozialarbeiter auch um Hilfe bei der Rückkehr in die Heimat gebeten. Dabei arbeitet die Anlaufstelle eng mit dem Straßensozialarbeitsprojekt Barka zusammen. Drei Männern, je einem aus Bulgarien, Rumänien und Polen, wurde bereits in der ersten Woche seit Start der Anlaufstelle die Rückkehr in ihre Heimatländer ermöglicht. „Die sind in Hamburg gestrandet und wollten nur wieder nach Hause. Sie waren ganz verzweifelt und haben sogar geweint“, erzählt Andreas Stasiewicz. Seine erste Zwischenbilanz bei der Beratung von EU-Bürgern: „Der Bedarf ist viel größer, als wir gedacht haben. So eine Anlaufstelle wird immer sehr viel zu tun haben – und zwar das ganze Jahr über.“

Plätze für Obdachlose mit Hund: Gute Nachrichten schlecht verpackt

Besonders dringend mahnten soziale Einrichtungen  an, dass es im Winternotprogramm mehr Schlafplätze für Obdachlose mit Hund geben müsse. Tatsächlich signalisierte die Sozialbehörde dann kurzfristig, dass sie fünf solcher zusätzlichen Plätze schaffen würde. Der Plan: Wohnungslose, die mit ihren Hunden in der Notunterkunft Pik As untergekommen sind, sollen umziehen dürfen und in der Sportallee sogar auf Dauer wohnen. Die dann freien Plätze im Pik As sollten dann wiederum andere Obdachlose mit Hund im Rahmen des Winternotprogramms bekommen. Eine Win-win-Situation, dachten alle. Sogar besser als gefordert.

Einzelzimmer mit Hund: Fritz und Paula wohnen im Winterquartier von Hinz&Kunzt.

Aber dann machte sich der Unterkunftsbetreiber fördern und wohnen daran, die Pläne in die Tat umzusetzen. Das heißt bei der Anstalt öffentlichen Rechts: Es wurden Bescheide verschickt. Die waren ein Schock für sieben Wohnungslose, die mit ihren Hunden teils schon jahrelang im Pik As leben: Am 31. Oktober um 9.19 Uhr bekamen sie jeder ein zweiseitiges Fax von fördern und wohnen. Darin wird die „Zuweisung“ ins Pik As widerrufen und „der weitere Verbleib“ in der Einrichtung „hiermit untersagt“. Sollten sie „weiterhin auf eine Unterbringung in einer Einrichtung von fördern und wohnen angewiesen sein“, könnten sie sich an die Unterkunft in der Sportallee wenden, heißt es. Weiter wird angedroht, dass der Hausrat auf Kosten des Bewohners abtransportiert wird, wenn der ihn nicht selbst bis zum 1. November weggeschafft hat. Falls die Bewohner diesem Bescheid nicht nachkommen, erfahren sie in der „Ankündigung der Zwangsräumung“ auf der zweiten Seite, dass sie am 2. November in der Zeit von 9 bis 14 Uhr geräumt werden.

Dass all das eigentlich heißen soll, dass die Bewohner von einer Notunterkunft in eine dauerhafte Unterkunft umziehen können, geht aus dem Schreiben nicht hervor. Schade. Es sollte eigentlich eine gute Nachricht sein, die allerdings denkbar schlecht vermittelt wurde. „Es sollte eben schnell gehen“, sagte ein f&w-Sprecher. Dass ein Umzug anstünde, habe man zuvor angesprochen.
Das Ganze wurde letztlich nicht so heiß gegessen, wie es gekocht wurde: Der Sozialarbeiter vom Pik As brachte die Bewohner mit ihren Hunden und mit Gepäck in die neue Unterkunft in der Sportallee. Eine von ihnen ist Nadine mit Husky Lucky: „Als ich das Fax gelesen hab, hab ich nur verstanden, dass ich rausgeschmissen werde. Da hatte ich natürlich Angst. Aber jetzt bin ich froh, dass ich hier bin. Lucky und mir geht es hier viel besser.“

Marcis ist überglücklich über seine eigenen vier Wände im Monteursheim.

Das Winterquartier von Hinz&Kunzt: „Ein totaler Jackpot“

Als Marcis sein Zimmer zum ersten Mal sieht, flippt er richtig aus: „Ich bin begeistert!“ Acht Wochen hat der 30-Jährige, der aus Lettland stammt, auf der Straße gelebt. Anfang November ist er ins Hinz&Kunzt-Winterquartier gezogen. „Ein totaler Jackpot“, findet er. Zwölf Zimmer haben wir in einem Monteursheim gemietet, jedes mit zwei Betten, Bad und Kochgelegenheit. Hell, sauber und mit Privatsphäre: So stellen wir uns ein Winterquartier für Obdachlose vor. Die Zimmer werden nur dann doppelt belegt, wenn beide Bewohner das wollen. Wer mit Hund einzieht, bekommt keinen Mitbewohner. Wie Fritz und seine Hündin Paula. Fritz und vier andere, die auch hier einziehen, leben sonst unter der Kennedybrücke. Doch was in den wärmeren Jahreszeiten auszuhalten ist, klappt im Winter nicht: „Die Sachen werden dann doch alle klamm, auch im Zelt.“

Zum Start unseres Winterquartiers, das bis April dauern soll, wurden nicht gleich alle Plätze belegt. Nicht weil es nicht genug Anfragen gäbe, sagt Sozialarbeiter Stephan Karrenbauer. „Wir wollen Plätze frei haben für die, die in einigen Wochen bei Eis und Schnee immer noch draußen schlafen.“ Das war die Idee, als wir im vergangenen Jahr zum ersten Mal ein Winterquartier öffneten: zu zeigen, dass viele wohl drinnen schlafen wollen, wenn es passende Angebote gibt. Dazu gehören Privatsphäre und die Möglichkeit, sich auch tagsüber drinnen aufzuhalten. Denn der Alltag auf der Straße kostet viel Kraft – von ihr wegzukommen noch mehr. Im Hinz&Kunzt-Winterquartier können die Obdachlosen zur Ruhe kommen und Energie tanken – und im Frühjahr ihr Leben vielleicht neu anpacken. Nach unserem ersten Winterquartier im vergangenen Jahr ist das immerhin neun von zwölf Bewohnern gelungen: Sie mussten im Mai nicht zurück auf die Straße, sondern zogen in Kirchenkaten, auf den Campingplatz oder sogar in eigene Wohnungen.

Text: Beatrice Blank/Birgit Müller
Foto: Mauricio Bustamante

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