When I’m sixty-four

Der Mythos lebt: Zwar gehen die Beatles aufs Rentenalter zu. Doch auf der Reeperbahn, wo alles anfing, sind sie aktuell wie selten zuvor

(aus Hinz&Kunzt 160/Juni 2006)

Endlich ein Festival! Es war höchste Zeit, findet Organisator Peter Kröger: „Hamburg hat die Beatles nie wirklich gewürdigt.“ Aber jetzt kommt „The Hamburg Sound“ – unter dem Titel wurde die Beat-Musik weltweit bekannt. Drei Tage lang komplett mit Beatles-Musical in den Fliegenden Bauten, Gesprächsrunden mit Zeitzeugen und natürlich jeder Menge Musik. Die Veranstaltung ist Auftakt für die Beatles-Ausstellung im Hamburg-Museum, hier wird auch Krögers Sammlung mit Beatles-Devotionalien ausgestellt. Unter anderem nennt der Musikproduzent einen Teil der Original-Starclub-Bühne sein Eigen. Eine richtig große Sache.

Einer, der Kröger nicht zum Erfolg gratulieren wird, ist Horst Fascher. Seit einem Streit um die Namensrechte am Begriff „Starclub“ ist er nicht mehr gut auf ihn zu sprechen. Wer sich mit Fascher über die Beatles unterhält, muss darauf gefasst sein, dass das Image der „Fab Four“ Kratzer bekommt. Obwohl mittlerweile 70 Jahre alt, spart Ex-Starclub-Geschäftsführer, Ex-Boxer, Ex-Häftling und Kiez-Legende Fascher nicht mit Details über das Nachtleben. „Neben dem Starclub“, geht so eine Geschichte los, „war die Monika-Bar, ein Transvestitenladen. Da standen die Herrendamen davor, und die sahen ja gut aus, war ja alles dran. Da waren die Musiker natürlich neugierig. Eines Abends gehe ich da rein, ziehe den Vorhang von einem Separee zurück, und was soll ich sagen: Da war John Lennon.“

Was im Separee gemacht wurde, erzählt Fascher natürlich auch noch gerne, und auch, dass so was damals gerade mal zehn Mark gekostet hat. „War ja schon ein tolle Zeit“, erinnert sich Fascher an die Sechziger auf dem Kiez. „Im Starclub waren wir eine richtige Gemeinschaft, da waren alle mit Begeisterung dabei, da ging’s niemandem ums Geld.“ Ganz anders als heute auf dem Kiez: „Nicht mal geschenkt würde ich einen Club nehmen.“ Auch die beiden Dänen – Software-Millionäre –, die jetzt den Starclub wieder auf bauen wollen, sind ihm eher suspekt: „Da geht’s nur ums Geld.“

Eigentlich hätte Stefanie Hempel eine beatlesfreie Jugend haben können. Die 29-Jährige ist in der DDR groß geworden, Beatles-Musik hören hieß, Kassetten vom Westradio mitzuschneiden. Trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen – ist sie Beatles-Fan seit ihrem siebten Lebensjahr. „Als ich dann im Westen war, in einem Plattenladen, war das natürlich das Paradies.“ In Hamburg staunte sie, wie wenig über die Beatles-Zeit bekannt war. Kurz entschlossen recherchierte sie – mittlerweile nennt sie knapp 60 Beatles-Biografien ihr Eigen – und konzipierte für Stattreisen den Stadtrundgang zu den Schauplätzen der Beatles in Hamburg. Der führt kreuz und quer durch St. Pauli, zur Jägerpassage, wo in einem Hauseingang John Lennon für ein Plattencover fotografiert wurde. Und zum Bambi-Kino – heute ein normales Wohnhaus –, in dem die Beatles während ihrer ersten Auftritte übernachteten. Vor dem Kino ist ein Foto angebracht, es zeigt die Beatles ziemlich angeheitert und mit Aufputschmitteln in der Hand. Beatles-Manager Brian Epstein, der den Beatles ihr Saubermann-Image verpasste, zahlte angeblich viel, damit das Foto nie veröffentlicht wurde.

Vom ehemaligen Bambi-Kino sind es nur ein paar Schritte zum Indra, in dem die Beatles ihre ersten Auftritte hatten. Das gibt es seit fünf Jahren wieder, komplett mit Plakaten aus der Beatles-Zeit, und eine Gedenktafel erinnert an die Pilzköpfe. Wenn Sie Hamburg-Tourist sind und die erste Wirkungsstätte der Beatles ehrfürchtig betreten, kann es passieren, dass Ihnen Orhan Sandikci die Hand entgegenstreckt und folgende Geschichte auftischt: „Die hat mir John Lennon mal geschüttelt. Seither habe ich sie mir nicht mehr gewaschen.“ Wenn Sie ihn fragen, wie er denn auf die Idee kam, das Indra zu kaufen, erzählt er vielleicht: „Eigentlich wollte ich ja einen türkischen Kulturverein daraus machen.“ Und sonnt sich am entsetzten Gesicht seines Gegenübers.

Stimmt natürlich nicht, Orhan Sandikci hat das Indra von Anfang an als Liveclub geplant. „Den wollte ich vielleicht Blues-House oder Rock-House nennen“, erinnert der 50-Jährige, der seit 36 Jahren in Hamburg lebt. Davon, dass die Beatles hier aufgetreten waren, wusste er nichts. „In meiner Jugend habe ich ja eher Grateful Death und die Stones gehört.“ Sandikci entschied sich, den alten Namen zu nehmen und den Laden wiederherzurichten. Er riss die alte Deko und Holzverkleidung raus – vorher war hier ein Country-Musik-Club untergebracht – und gestaltete das Indra nach alten Fotos. Später gelang es ihm noch, den Bezirk zu überzeugen, das Hinterhaus nicht abzureißen. „In Liverpool haben die den gleichen Fehler gemacht und einen Club, in dem die Beatles gespielt haben, abgerissen. Als sie das gemerkt haben, wurde der Stein für Stein wieder aufgebaut.“ Hamburg hat Orhahn diese Kosten erspart. Jetzt ist das Indra fast wie früher. „Aber die Toiletten waren damals im Keller, der Saal also noch etwas größer.“ Dafür hat Orhan aber noch keine Genehmigung. Als er nach Quellen über die Beatles-Zeit rumfragte, bekam er meistens eine Antwort: „Da musst du den Zint fragen.“

An Günter Zint kommt niemand vorbei, wenn es um die Beatles und den Starclub geht. Der Fotograf hat so ziemlich jeden abgelichtet, der auf St. Pauli Rang und Namen hatte. Der Gründer der „St. Pauli Nachrichten“ und Chef des St. Pauli-Museums arbeitet derzeit mit dem NDR an einem Film über den Star Club, der parallel zum „Hamburg Sound“-Festival gesendet werden soll, vielleicht – da ist er gerade in Verhandlung – wird sogar ein Arte-Themenabend daraus. Im Indra plant er am 18. Juni zu Paul McCartneys 64. Geburtstag eine große Feier – schließlich ist „When I’m sixty-four“ eines der bekanntesten Beatles-Lieder. Die Zahl 64 soll es, so sagt es die Legende, übrigens durch die Hausnummer des Indra ins Lied geschafft haben. Eingeladen ist die Beatles-Cover-Band Beatles-65 – Gewinner des Itzehoher-Versicherungs-Beatlespreises. Paul McCartney natürlich auch, ob er kommt, ist noch fraglich: „Aber wir werden ihn natürlich auf dem Handy anrufen“, verspricht Günter Zint.

Marc-André Rüssau

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