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Wenn Patienten kein Zuhause haben

29. April 2010 | Von | Kategorie: 2007: Hinz&Kunzt-Ausgaben 167 – 178, Archiv, Hinz&Kunzt 175/September 2007

Anlaufstelle für Obdachlose, die Pflege brauchen: die Krankenstube der Caritas in St. Pauli

(aus Hinz&Kunzt 175/September 2007)

Es riecht beißend nach Desinfektionsmittel und warmem Badewasser. Michaela sitzt auf einem Metallstuhl, an die grüngekachelte Wand gelehnt. Die 38-Jährige streckt die Beine aus, lässt Luft an die offenen Stellen in der Haut. Der eine Fuß ist schief verwachsen. „Ich bin seit 20 Jahren auf der Straße“, sagt Michaela Orth, „die Probleme kamen ganz plötzlich, vor zwei Jahren konnte ich noch ganz normal gehen.“ Die blau verfärbte Haut auf ihren Beinen lässt erahnen, wie groß die Wunden auf ihren Beinen mal waren, bis sich Michaela Hilfe holte.

Die Krankenstube für Obdachlose liegt auf dem Gelände des ehemaligen Hafenkrankenhauses, mitten auf St. Pauli. Die Caritas hat sie 1999 eingerichtet. 14 Betten für Menschen, die zu krank sind, um weiter auf der Straße zu leben. Finanziert wird die Krankenstube von der Caritas und der Sozialbehörde.

Pfleger Alexander Götz klebt ein großflächiges Pflaster auf Michaelas linkes Bein. Der 33-Jährige trägt keinen weißen Kittel, sondern Hosen mit Tarnmuster, Turnschuhe und schwarze Baseballkappe. Unter seinem T-Shirt schauen Tätowierungen hervor. In der Krankenstube läuft alles etwas anders als in normalen Krankenhäusern.

Krankenhäuser? Michaela winkt ab. „Die gehen mit dir um, als ob du der letzte Abschaum wärst.“ Sie ist im Heim aufgewachsen, fing mit 21 mit Heroin an, das halbe Leben war sie auf der Straße. Auf den Arm hat sie „Sid Vicious“, Name des Leadsängers der legendären Punkband „Sex Pistols“, und das Anarchiezeichen tätowiert. Einfach wollte sie nie sein. So jemand eckt an in einem Krankenhaus, wo die Pflege im Minutentakt funktionieren muss.

Auch Alexander Götz wollte weg aus dem konventionellen Gesundheitsbetrieb. „Hier hast du mehr Zeit, das ist nicht so eine Fabrik.“ In der Krankenstube für Obdachlose anzufangen – auch eine Mentalitätsfrage.

„Was wir leisten ist ,stationäre häusliche Pflege’“, sagt Leiterin Doris Schröder. Dieser Begriff ist ihr so wichtig, dass sie ihn noch mal sagt: „stationäre häusliche Pflege.“

Die Krankenstube füllt eine Lücke im Gesundheitssystem. Denn normalerweise läuft es so: Wenn eine Erkrankung nicht mehr akut ist, darf der Patient nach Hause und wird ambulant weiterbehandelt. Der Hausarzt kümmert sich darum, dass Verbände gewechselt werden. Wer keine Angehörigen hat, die sich kümmern können, wird von einem Pflegedienst besucht.

Bei Obdachlosen funktioniert das nicht: Sie haben kein Bett, in dem sie sich ausruhen können. Termine beim Hausarzt werden nicht so regelmäßig wahrgenommen, wie es sein müsste. Und ein Pflegedienst kommt nur in eine Wohnung. Wer allein auf der Straße lebt, bleibt auf sich allein gestellt.

Seit die Krankenhäuser wirtschaftlicher arbeiten müssen, kommt das immer schneller vor: „Das wird immer üblicher, dass jemand blutig entlassen wird“, sagt Doris Schröder.

Zum Beweis macht sie den Computer in ihrem Büro an, zeigt Fotos. Mit offenen, nicht mal ansatzweise verheilten Wunden.

Der Zivi schaufelt die Teller voll. Heute Mittag gibt es Schwarzwurzeln, aber die mag Michaela nicht und hält sich an Fleisch und Beilagen. Bei ihr am Tisch sitzt Konrad. Der 71-Jährige scheint das genaue Gegenteil der quirligen Frau. Kein Punk. Keine Rebellion. Einer, der ein bürgerliches Leben hatte. Bis er vor 20 Jahren rausgefallen ist. „Schulden, Pfändung, da war’s vorbei“, sagt der gelernte Maurer.

In der Krankenstube ist er wegen Diabetes. „Ich habe gemerkt, dass ich andauernd Durst hatte – aber ich dachte, das kommt vom Alkohol.“ Dann brach er zusammen, gar nicht weit von dem Ort entfernt, an dem er Platte macht.

Mittlerweile ist der Blutzuckerspiegel des 71-Jährigen wieder stabil. Aber etwas anderes braucht noch Zeit. Sozialarbeiter Peter Ludt ist noch auf der Suche nach einer Unterkunft. „Das ist unser großes Problem: einen Anschluss zu finden. Für die, die nicht mehr auf die Straße wollen.“ Da geht dann das Überlegen los: „Können wir den noch länger hierbehalten?“

Denn die Krankenstube will mehr sein: ein Sprungbrett. Weg von der Straße, in eine Unterkunft.

Bei Michaela könnte das funktionieren. Die Regelmäßigkeit des Lebens in der Krankenstube gefällt ihr. „Auf die Straße will ich nicht mehr.“ Um ihren Hals hängt eine Kette mit einem Pentagramm. Ein Geschenk von ihrem Freund. Sie hat ihn hier in der Krankenstube kennengelernt. Eine Wohung zu zweit, das wär’s.

Marc-André Rüssau

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