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Fußballlegende Walter Frosch: „Millionär ohne Geld“

28. April 2011 | Von | Kategorie: 2011: Hinz&Kunzt-Ausgaben 215–226, Archiv, Hinz&Kunzt 219/Mai 2011

Walter Frosch lag mehr als drei Monate im Koma. Und hat sich zurück ins Leben gekämpft. Im Mai eröffnet er ein Benefiz-Spiel zugunsten von Hinz&Kunzt.

(aus Hinz&Kunzt 219/Mai 2011)

Walter Frosch hat Besuch: Winfried von Rutkowski, Fanbeauftragter der Traditionself vom FC St. Pauli, will mit ihm Einzelheiten des Benefizspieles der St. Pauli Altherren-Mannschaft gegen die Mannschaft von Viva con Aqua besprechen. „Wir dachten, du machst den Anstoß.“ Walter Frosch schaut ihn an: „Kein Problem! Aber mitspielen kann ich noch nicht.“ Frosch steht in seinem Wohnzimmer, in der linken Hand hält er ein Infusionsgerät, das ihn über eine Sonde mit Nahrung versorgt. Es ist gut anderthalb Jahre her, da gaben die Ärzte ihm kaum eine Chance. Schickten ihn nach einer schweren Krebserkrankung nach Hause, er sei austherapiert. Und er würde nie mehr sprechen können und nicht mehr laufen.
Doch von vorn – und da ist Walter Frosch ein Ludwigshafener Junge von vier, fünf, sechs Jahren. Tobt draußen herum, zwei Jacken in der richtigen Entfernung auf den Boden gelegt, das ist das Tor. „Ich hatte aber keinen Traum, Profifußballer zu werden“, sagt er. Doch schon mit 19 bekommt er seinen ersten Vertrag beim SV Alsenborn. Man ist auf ihn aufmerksam geworden, weil er in seinem Ludwigshafener Heimatverein einfach zu den Besten gehört: „Alsenborn hatte 1000 Einwohner, aber 10.000 Zuschauer.“
Frosch hat eine Lehre hinter sich, arbeitet als Schornsteinfeger. „Vier Mal in der Woche bin ich abends zum Training gefahren; hin und zurück waren das 50 Kilometer, jedes Mal. Und morgens um fünf aufstehen und ab in die Firma.“ Im Monat gibt es nun 160 Mark plus noch mal 200 Mark für jeden Sieg. „Da hatte ich meist mehr Geld in der Tasche als mein Vater.“ Und bei Vertragsunterzeichnung liegen 10.000 D-Mark in Scheinen auf dem elterlichen Küchentisch: Handgeld. „Da unterschreibt man schnell“, erzählt er.
Und es geht weiter aufwärts: Der Bundesligist 1. FC Kaiserslautern nimmt ihn unter Vertrag. Auch die Bayern wollen den wendigen Verteidiger haben. Er unterschreibt auch da, hat plötzlich zwei Verträge, wird gesperrt. „In München haben die gesagt: ,Ach, wir geben den Lauterern ein bisschen Geld, dann lassen die dich gehen.‘“ Doch Kaiserslautern denkt gar nicht daran – und feiert mit ihm große Erfolge.
1976 der nächste Verein: FC St. Pauli, damals noch eine normale Zweite-Liga-Klitsche. Aber man hat viel vor, will sich mit dem HSV messen und in zwei Jahren schaffen, wofür der HSV 20 Jahre gebraucht hat. Frosch hat eine tolle Zeit. St. Pauli wird der Kultverein, als den ihn heute alle kennen. Mit Wehmut und Freude denkt er zurück an die erste Weihnachtsfeier im Vereinshaus: „Da kam die Jugendmannschaft, Kinder aus dem Stadtteil, aus zehn Nationen, und die haben in ihrer Sprache Weihnachtsgedichte vorgetragen. Wir haben kein Wort verstanden, aber wir wussten ja alle, um was es geht. Und heute reden wir immer noch über Integration!“
Auch fußballerisch sind es intensive Zeiten: Nach 27 Spielen ohne Niederlage steigen sie in die Erste Liga auf, dann wieder ab in die Amateuroberliga. Frosch ist nie der Fußballer, der pünktlich ins Bett geht, um fit zu sein. Er raucht Kette, sitzt gern in der Kneipe, trifft Leute: „Morgens um halb vier mit alle Mann noch in die Schlachterbörse, Tafelspitz essen, dazu einen Becher Kaffee und ein, zwei Cognacs, trotzdem stand ich Punkt neune auf dem Platz zum Trainieren.“
Im Herbst 1982 beendet Frosch seine Profikarriere, geht zu Altona 93, wechselt danach zu SC Victoria an den Lokstedter Steindamm, wo es eine Altherren-Mannschaft gibt.
Er führt ein Restaurant am Siemersplatz, übernimmt schließlich für sieben Jahre das Vereinshaus von Victoria. Und dann vor zweieinhalb Jahren der Schicksalsschlag: Krebs. Mehr als 100 Tage liegt er im künstlichen Koma. Aber Frosch lässt sich nicht unterkriegen, lernt wieder gehen und sprechen. Und hat ein großes Ziel vor Augen: Er will wieder selbstständig essen können – so weit es möglich ist. Durch die lange Zeit im Koma kann er momentan nicht schlucken. Aber es wird langsam besser, bald geht es zum vierten Mal in eine Rehaklinik. „Eine Schweinshaxe werd’ ich nie mehr essen können“, sagt er lachend. Aber neulich hat es schon mit ein paar Löffeln Rinderbrühe geklappt. Er lächelt: „Was soll ich sagen“, sagt er: „Mir geht es gut. Ich bin wie ein Millionär ohne Geld – mit meiner Einstellung.“

Text: Frank Keil

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