Von lütte Lüüd im Alten Land

Von ihrer Oma hat Elke Alma Paulussen den zweiten Vornamen, aber auch ihre fröhliche Offenheit und ein großes Herz geerbt. Über ihre Familie und ihre Kindheit im Alten Land hat die Neuenfelderin jetzt sogar ein Buch geschrieben. Dabei war das Leben an der Waterkant nicht immer einfach.

(aus Hinz&Kunzt 211/September 2010)

Bild 3Keine Fährfahrt ohne Brühe! Frisch zubereitet wurde sie immer serviert, auf halber Strecke zwischen Neuenfelde und Blankenese. Wie oft Elke Paulussen als Kind diesen Weg zurücklegte, weiß sie nicht. „Die Elbe war schließlich unsere einzige Stadtverbindung“, erzählt die 65-Jährige. „Wir hatten ja kein Auto.“ An die Hühnerbrühe erinnert sie sich noch genau: „Köstlich! Und so heiß, dass man sie nie rechtzeitig bis zum Anlegen austrinken konnte.“ Elkes Großmutter zeigte dann einen Trick: etwas Brühe auf die Untertasse schütten, pusten und langsam schlürfen. „Ich dachte, das macht man überall so. Erst Jahre später wurde ich auf einer vornehmen Feier eines Besseren belehrt.“ Elke Paulussen steht lachend auf dem Deich in Neuenfelde, ihrem Heimatdorf. Sie zeigt auf ihre ehemalige Schule. Schräg gegenüber liegt die Sietas-Werft, die einem Cousin ihrer Großmutter gehörte. Kaum ist Elke Paulussen an den Ort ihrer Kindheit zurückgekommen, sprudeln die Erinnerungen: An das Leben an und mit der
Elbe, das Haus des Großonkels, in dem sie mit den Eltern und Großeltern aufwuchs, ans Spielen auf dem Werftgelände, an Streifzüge durch die Apfelplantagen und Sträucher voll saftiger Brombeeren. Beziehungsweise „Brommelbeern“ – denn es wurde natürlich Plattdüütsch gesprochen.
Ihre Erinnerungen hat Elke Paulussen in ihrem Buch
„Alma“ verewigt. Ein Roman über ihre Familie, über „lütte Lüüd“, wie sie sagt. Einfache Leute also, die in der Nachkriegszeit direkt an der Waterkant lebten. Elke heißt Alma mit zweitem Vornamen – so hieß auch Elkes geliebte Oma, eine herzliche Frau, Mittelpunkt der Familie und bis heute Elkes Vorbild. Almas Mann gehörte die Barkasse „Alte Land“, die Marktleute, Bauern und Besucher über die Elbe brachte. Der Unterhalt des Schiffs war teuer und die Familie wirtschaftete immer knapp an der Armutsgrenze. Trotzdem wies Alma nie jemanden ab, der vor ihrer Tür bettelte. „Hatte sie kein Geld, gab’s zumindest einen Kaffee“, sagt Elke Paulussen. „Ihr Motto war: Sei immer gastfreundlich, vielleicht ist es ein Engel!“ Während des Krieges nahm Alma sogar eine Frau mit Mutter und Tochter bei sich auf, deren Haus zerbombt war. Alma machte keine große Sache daraus, selbst als sich herausstellte, dass die Familie jüdisch war. „Helfen war für sie eine Selbstverständlichkeit.“
1944 wurde Elke geboren. „Hurra, unser Sonnenschein ist da!“, freute sich die Großmutter. In den ersten Monaten trug Elkes Mutter Marianne das Baby bei Bombenalarm in einem Wäschekörbchen in den Bunker. Elkes Vater, ursprünglich aus Tönning in Schleswig-Holstein, war damals noch als Funker in Norwegen stationiert. Dass er überhaupt Elkes Vater wurde – „Zufall“, sagt sie. „Oder Schicksal?“
Marianne hatte einen Brief mit beigelegtem Foto an
einen unbekannten, im Ausland stationierten Soldaten ge­schickt, wie es damals für ledige Frauen üblich war. „Die
Männer waren ja alle weg. Wie sollten sie sonst jemanden
kennenlernen?“ Die Briefe wurden nach bestimmten Codes
verteilt. Der von Elkes Mutter landete schließlich bei Elkes Vater, der sich sofort in sie verliebte. Als er bei Mariannes Vater während eines Heimatbesuchs um ihre Hand anhielt, „Kann ick dien Dochter kriegen?“, erwiderte dieser knapp: „Du büst jo keen Quiddje (Nicht-Plattdeutscher), du kannst ehr hebben.“ Elke Paulussen lacht wieder. „So einfach war das damals“, sagt sie.
Das Leben der Großfamilie war sonst selten einfach. Es gab keinerlei Komfort. Das Plumpsklo, die „Tante Meier“, stand auf dem Hof, drei Generationen lebten zusammen mit etwas Vieh auf engstem Raum – und oft wurde es auch noch nass. Denn das Haus stand nicht hinter dem schützenden Deich, sondern davor, direkt am Este-Arm. „Die Herbst- und Frühjahrsfluten haben das Erdgeschoss fast jedes Jahr überspült“, sagt Elke Paulussen. „Unsere Milchziege Gretl wurde dann über Holzplanken in die Nachbarwohnung gezerrt.“
Heute steht das Haus nicht mehr, das Grundstück gehört seit vielen Jahren zur Sietas-Werft. Hier spielte Elke oft, vor allem mit dem Nachbarsmädchen Maria, Mia genannt. Die Freundschaft der beiden hält bis heute, als Kind war Elke aber manchmal auch ein bisschen neidisch: „Mias Familie bekam Care-Pakete von Verwandten aus New York“, erzählt sie. „Und ich dachte: Jork? Das ist doch ganz bei uns in der Nähe, warum kriegen wir nie so tolle Pakete?“
Elke war eine gute Schülerin, hatte gegenüber ihren Mitschülern außerdem zwei entscheidende Vorteile: Zum einen war der Lehrer in ihre Großmutter verliebt. „Wenn ich mal zu spät war oder etwas ausgefressen hatte, bin ich einfach mit ihr zusammen in die Klasse gekommen und alles war gut.“ Zum anderen hatte sie schon zu Hause Hochdeutsch gelernt. „Plattdeutsch war in der Schule nämlich absolut tabu.“ Wer nicht korrekt Hochdeutsch sprach, bekam Schläge. Selbst auf die Toilette durften die Kinder erst dann, wenn sie ein einwandfreies „Herr Lehrer, bitte, ich müsste mal austreten.“ vorgebracht hatten. „Bis es so weit war, ist schon mal das ein oder andere Malheur passiert.“

Elke Alma Paulussen 1947
Elke Alma Paulussen 1947

Das Dorfleben bestimmte Elke Paulussens Alltag, für besondere Unternehmungen fehlte schlicht das Geld. Schon ein Betriebsausflug in die Wingst, bei dem Elke ihre Eltern einmal begleiten durfte, kam ihr deshalb wie eine Weltreise vor: „Da habe ich das erste Mal in meinem Leben einen Wald gesehen. Das kannte ich bisher nur aus Märchen.“
Ihre nächste Umgebung kannte sie hingegen in- und auswendig. „Wir hatten weder eigene Kinderzimmer noch Fernseher. Deswegen waren wir immer draußen.“ Erst im Teenageralter, als „Backfisch“, ging es für Elke auch ein paar Kilometer weiter, da trampte sie regelmäßig mit Freundinnen zum Tanzen nach Buxtehude. Dass ihre sonst so ängstliche und strenge Mutter diese Touren erlaubte, findet Elke bis heute überraschend.
Zu ihrem Vater hatte sie immer ein sehr gutes Verhältnis: „Er war ein großzügiger, gutmütiger Mensch, der nie die Hand erhoben oder an der typischen Rollenverteilung von Mann und Frau festgehalten hat.“ Stattdessen durfte Elke mit ihm auf dem Motorrad am Deich entlangbrettern. Zu Hause beschlagnahmte sie unterdessen immer öfter den Schallplattenspieler ihrer Eltern, um statt Freddy Quinn „Elvis Presskopp“ aufzulegen, wie ihr Vater ihn nannte.
Nach Bestehen der Mittleren Reife wollte Elke eigentlich zur Kunsthochschule nach Hamburg gehen. „So ’n verrückter Kram“, kommentierte die Mutter. Und dann auch noch teures Schulgeld zahlen! Die Mutter legte ihr stattdessen eine Bürotätigkeit nahe. „Und ich dachte: Wenn schon Büro, dann wenigsten Reisebüro.“ Also machte sie eine Ausbildung zur Reiseverkehrskauffrau – Skireisen oder Studienfahrten an die englische Riviera inklusive. Dauerhaft ins Ausland zog es Elke aber nie, sie blieb dem platten Land und der Waterkant treu, vor allem wegen der Menschen dort: „Das waren noch richtige Originale.“
Auch später, als sie selbst geheiratet hatte und Mutter wurde, lebten Elke und ihre Familie noch lange im Haus ihrer Eltern. Heute hat sie drei Kinder – „zwei Lieblingssöhne, eine Lieblingstochter“ –, wohnt in Buxtehude, schreibt Gedichte und Lieder „op Platt“, gibt Plattdeutschkurse und im Museumsdorf Am Kiekeberg Führungen für Schulklassen.
Wenn sie den Schülern von ihrer Kindheit erzählt, können die sich „so ein Leben überhaupt nicht mehr vorstellen“. Manchmal singt Elke Paulussen ihnen etwas vor. Das Lied von „Marita aus dem Böhmerwald“, das sie beim Ausflug in die Wingst zum ersten und einzigen Mal hörte. „Ich war so überwältigt, dass ich dachte, die Wingst sei der  Böhmerwald. Das Lied kann ich bis heute auswendig.“ Gleich legt sie mit kräftiger Stimme los: „Marrrrittta aus dem Böhmerwald, die küsst mich immer, dass es knallt.“ Die Werftarbeiter schauen staunend zu ihr hoch. Da steht sie nun oben auf dem Deich, eine energische, fröhliche Frau, trifft jeden Ton und strahlt. Eine von den „lütten Lüüd“, ganz groß.

Text: Maren Albertsen
Fotos: Danie Cramer, privat

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