Von einem Mädchen, das auszog, eine Heimat zu schaffen

Als sie 15 Jahre alt war, wurde Eleonore Fleth von ihrer Mutter weggerissen und in ein Heim gesperrt

(aus Hinz&Kunzt 190/Dezember 2008)

Draußen spielen Kinder. Durch ein offenes Fenster dringt Lachen von einer Wiese hinauf in das Besprechungszimmer des gemeinnützigen Unternehmens fördern und wohnen. „Hier leben Menschen, die sonst keine Unterkunft finden würden“, sagt Eleonore Fleth. In der Stellinger Siedlung betreut die 58-Jährige Zuwanderer und Hartz-IV-Empfänger, hilft ihnen bei Anträgen und Konflikten. Vielleicht werden diese Familien von einigen als zerrüttet bezeichnet, manche sind es vielleicht auch. Aber Eleonore Fleth ist vorsichtig mit solchen Wertungen. Sie weiß, wie schnell daraus Urteile werden. Sie hat es selbst erlebt.

Es ist der 19. Februar 1965 in einem Dorf im Sauerland, als es an der Wohnungstür klingelt. Eleonore ist kurz zuvor 15 Jahre alt geworden, von ihren Schwestern wird sie Lore genannt, auch von ihrem Freund. Fünf Männer stehen vor der Tür und sagen, sie muss mitkommen, zusammen mit den Schwestern. Eine Begründung geben sie nicht. Die Mädchen dürfen nichts mitnehmen. Nach Stunden kommen sie nahe Bielefeld an, im Mädchen- und Frauenheim Ummeln der Diakonie.

Ein großes Gelände, Klinkerbauten. Eine Schranke geht auf, ein Schornstein ragt über ein Heizkraftwerk. Eine Diakonissin öffnet die Tür. Die Mädchen sollen sich ausziehen – „Wascht euch!“ –, sie bekommen ein Hemd und werden getrennt. Eine Treppe rauf, 1. Stock: ein Zimmer mit einem Eisenbett. Auf einem Gestell mit drei Beinen steht ein emaillierter Waschzuber, daneben eine Schüssel, das Klo. Lore schaut sich um. Das Fenster lässt sich nur einen Spalt weit öffnen, es gibt keinen Lichtschalter. Die Tür fällt zu. Sie hat keine Klinke.

Eleonore schreit und schreit und schreit. So lange, bis ihr eine Diakonissin Beruhigungsmittel gibt. „Sie versucht“, steht in einem Gerichtsgutachten vom 6. August 1965, „die Erzieher zu reizen“. Unterschrieben ist es von einem Oberamtsrichter, Dr. Heinemann, der nicht mit ihr gesprochen hat. Sie weigert sich, das Gutachten zu unterzeichnen.

Eleonore Fleth macht eine Pause vom Erzählen, greift zu der Packung auf dem Tisch und zündet sich eine Zigarette an. Vor ihr liegt ihre Personalakte aus dieser Zeit. Erst vor zwei Jahren wurde sie nach langem Drängen aus Ummeln geschickt, „mit den besten Wünschen für Ihre Zukunft“. Sie bläst den Rauch aus. „Ich weiß nicht, warum das alles passiert ist“, sagt sie. Aber sie hat einen Verdacht.

Deutschland 1952: Ihre Eltern fliehen aus Rostock und leben später im Sauerland auf dem Dorf. Der Vater findet zunächst keine Arbeit, weil er in der DDR Polizist war und ihn die Behörden nicht einstellen wollen. Die Mutter muss mit Putzen Geld verdienen. 1963 trennen sie sich. Drei Jahre später werden sie wieder zusammenkommen, doch da ist es schon zu spät. Nachbarn tuscheln nach der Trennung über die alleinerziehende Mutter mit den drei Töchtern. Sie hat einen Freund. Für die Nachbarn sind es zahlreiche Männerbekanntschaften.

Eleonore Fleth schaut in ihre Akte. In dem Gerichtsurteil, das ihre Unterbringung anordnet, steht: „Der Mutter ist der Vorwurf zu machen, dass sie sich nicht um die Kinder gekümmert hat.“ Dort steht auch, dass Maßnahmen der Jugendfürsorge zuvor nicht gefruchtet hätten. „Bei uns zu Hause habe ich nie eine Fürsorgerin gesehen“, sagt Eleonore Fleth und schüttelt den Kopf. „Wozu auch? Meine Mutter musste arbeiten, aber eine Fürsorge war gar nicht nötig.“ Doch irgendjemand sieht das anders. Eleonore Fleth ist sich sicher: „Der Vater meines Freundes hat uns bei der Fürsorge angezeigt.“ Jahrelang ernährte ihr Freund seine Familie. Als Eleonore in die Eifel zog, wollte er das nicht mehr, blieb lieber in der Nähe seiner Freundin. Zwei Wochen später musste sie ins Heim.

Lore muss täglich bis zu zwölf Stunden in der Großküche arbeiten, sieben Tage in der Woche. Lohn gibt es nicht, auch keine Ausbildung. 200 Mädchen leben unter der Aufsicht von 80 Mitarbeitern der Diakonie. Wer ausbrechen will oder einen Fehler macht, wird in eine Zelle mit Eisentüren ohne Fenster gesteckt.

Im August 1966 bekommt Lore sogenannten Arbeitsurlaub – sie muss in einer fremden Familie den Haushalt führen. Dann wird sie zurückgeschickt und muss bis 31. Dezember 1968 in Ummeln bleiben. Zu dieser Zeit sind ihre Eltern wieder zusammen, das Jugendamt entlässt Lore zu ihnen.

„Es ging um billige Arbeitskräfte“, sagt Eleonore Fleth heute. Schließlich hatte das Heim auch eine Wäscherei, in der sie arbeiten musste, um für Kunden zu waschen und zu bügeln. Eine Firma ließ von Jugendlichen Frotteetücher nähen, eine andere Scheinwerfer montieren. Wirtschaftswunder Deutschland: Während unter Kanzler Ludwig Erhard der Wohlstand wächst, müssen Tausende Jugendliche zwangsarbeiten. 30.000 Heime mit einer halben Million Kindern gibt es zu dieser Zeit. 80 Prozent der Heime werden von Kirchen geführt.

Die beiden jüngeren Schwestern von Eleonore Fleth zerbrechen an dem Heim. Beide werden krank. Sie aber geht ihren Weg, holt alles nach, die mittlere Reife, die Ausbildung. „Ich hatte Glück“, sagt Eleonore Fleth. Und Kraft. Mit 19 heiratet sie, um aus den Fängen des Jugendamts zu kommen, zieht nach Hamburg und wohnt im Karoviertel. „Von da an bin ich meinen Weg gegangen. Ich musste immer tun, was andere wollen. Damit war nun Schluss.“

Heute betreut die vierfache Mutter selbst Menschen – seit November wieder als Leiterin des Winternotprogramms in der Sportallee. Dort hat sie einen Ort für Hamburger ohne Wohnung geschaffen (Hinz&Kunzt Nr. 182, April 2008). Sie selbst würde das so nie sagen, aber sie schafft heute eine Heimat, die sie als Mädchen im Heim nie erfahren hat.

Das Buch des Spiegel-Redakteurs Jürgen Wensierski, „Schläge im Namen des Herrn“, das 2006 erschien und die systematische Misshandlung von Heimkindern in den 60er-Jahren beschreibt, half ihr, sich der Vergangenheit zu stellen. Seitdem engagiert sie sich im Verein ehemaliger Heimkinder. Die Anwälte des Vereins reichten eine Petition im Bundestag ein. Eleonore Fleth berichtete Mitgliedern des Petitionsausschusses vom Leben im Heim. In den nächsten Monaten entscheiden diese womöglich über die Petition, die das Unrecht anerkennen würde.

Im Diakoniewerk Ummeln sieht man für eine Aufarbeitung der Geschichte keine Notwendigkeit. Dafür gebe es zu wenig Personal, sagt ein Sprecher. Manche Bewohner hätten in den 50er- und 60er-Jahren sehr gelitten, „und das bedauern wir sehr“. Doch: „Wir setzen uns lieber für eine Weiterentwicklung der heutigen Arbeit ein, als zurückzuschauen.“

Das Trauma ihrer Geschichte wird für Eleonore Fleth jetzt langsam sichtbar. Im Heim wurde ein sogenannter Beobachtungsbogen über sie geführt, in dem über die junge Lore steht: „Intelligenz unter dem Durchschnitt.“ Sie schaut aus der Akte auf: „Es tut weh, das zu lesen.“ Sie ließ sich zur Sozialmanagerin ausbilden, stieg zur stellvertretenden Abteilungsleiterin in einem Pflegeheim auf und nimmt seit Jahren Leitungsfunktionen bei fördern und wohnen wahr. „Ich will, dass diese Urteile aufgehoben werden. Ich möchte rehabilitiert werden.“ Sie zündet eine Zigarette an, der Rauch zieht aus dem offenen Fenster. Draußen spielen Kinder

Joachim Wehnelt

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