Von der Kneipe ins KZ

Eine Initiative gedenkt mit „Stolpersteinen“ homosexueller Wohnungsloser, die von den Nazis ermordet wurden

(aus Hinz&Kunzt 165/November 2006)

Frank Keil

Wäre er nur nicht in diese Gaststätte gegangen! Aber Walter Makowski, Hilfsarbeiter, Hausierer und gelegentlicher Strichjunge, wählt im Mai 1938 genau diese Kneipe; zusammen mit einem Mann, den er gerade kennen gelernt hat. Die beiden fallen dem Kellner auf, der ruft die Polizei. Die nimmt Makowski fest, verurteilt wird er zu drei Jahren Haft wegen „gewerbsmäßiger Unzucht“. Frei kommt er danach nicht. Er wird Ende Dezember 1941 im KZ Neuengamme ermordet. Walter Makowski ist eines von zehn bisher bekannten Opfern, an die die Initiative „Gemeinsam gegen das Vergessen – Stolpersteine für homosexuelle NS-Opfer“ erinnern will.

Ihr Vergehen: Sie waren homosexuell, und sie waren wohnungslos. So wie Günter Brackemeier, dem zum Verhängnis wird, dass ein emsiger Bürger zwei Stunden lang beobachtet haben will, wie er in einem Pissoir am Millerntor sexuelle Kontakte zu Männern aufnahm. Über mehrere Zwangs- und Arbeitslager kommt Brackemeier am Ende ebenfalls ins KZ Neuengamme. Seine Spur verliert sich mit dem Untergang des Häftlingsschiffes „Cap Arcona“.

Gelegt werden zunächst sechs Stolpersteine – vor dem Pik As in der Neustadt. Damals ein zwiespältiger Ort. Einerseits Unterkunft für die Nacht, andererseits Schauplatz von polizeilichen Razzien und Übergriffen gegen Obdachlose. Allein bei der berüchtigten Aktion „Arbeitsscheu Reich“ im Juni 1938 wurden mehr als 60 Obdachlose ins Konzentrationslager Fuhlsbüttel verschleppt.

Bernhard Rosenkranz, einer der Initiatoren, möchte auch die Verteilung der 1000 Stolpersteine in der Stadt korrigieren. Bisher mahnen die meisten in besseren Vierteln. Selten auf St. Pauli, in Altona und der Neustadt. „Unsere Opfer waren arme Schlucker. Häufig gibt es die Wohnhäuser nicht mehr, wenn sie überhaupt einen festen Wohnsitz hatten. Sie besaßen kein Geschäft, kein Unternehmen. Und es fragt niemand nach diesen Menschen.“ Oft haben sie auch keine glatten, bürgerlichen Biografien. „Manche haben geklaut“, erklärt Rosenkranz. „Andere haben als Stricher gearbeitet, um über die Runden zu kommen.“

Er gibt zu, dass mancher Pate für einen Stolperstein kurz zögert, wenn er von diesen Lebensläufen erfährt. „Wir reden dann mit den Leuten, und sie sind schnell überzeugt. Denn selbst wenn diese Menschen etwas Unrechtes getan haben: Sie kamen nicht wieder frei, auch wenn sie ihre Strafe längst verbüßt hatten.“ Eine Gruppe aber haben sie nach langen Diskussionen ausgenommen: Erpresser und Denunzianten. „Ein junger Mann, der später hingerichtet wurde, hat seine Freier der Polizei genannt, als er inhaftiert wurde“, erzählt Rosenkranz. „Viele der Denunzierten, die er vorher erpresst hatte, sind ins KZ gekommen. Das kann man nicht vermitteln: für jemanden die Patenschaft zu übernehmen, der Menschen ins KZ gebracht hat.“ Auch wenn gilt: Niemals hätte man ihn hinrichten oder selbst ins KZ verschleppen dürfen.

Derzeit ist die Initiative mit dem Schöpfer der Stolpersteine, dem Künstler Gunter Demnig, im Gespräch, ob das Prinzip der Steine auf homosexuelle Opfer bis 1969 ausgeweitet werden soll. Denn der unter den Nazis verschärfte Paragraf 175 (Verbot sexueller Handlungen unter Männern) galt nach 1945 weiter. Rosenkranz: „Natürlich wurden Homosexuelle nicht mehr deportiert. Aber die Akten wurden weitergeführt, zum Teil vom selben Personal.“

Auch habe die Initiative schon einige Selbstmorde aufgedeckt: von Homosexuellen, denen der Staat in den 50er- und 60er-Jahren aufgrund ihrer sexuellen Orientierung den Prozess machen wollte. Die Recherche ist mühsam für Rosenkranz und seine Mitstreiter. „Zwei vor zwölf“ sei es und immer schwieriger, überhaupt noch jemanden zu finden. Aber: „Diesen Menschen ihre Geschichte zurückzugeben, ist für uns eine Lebensaufgabe geworden.“

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