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Vom Glück des Überlebens

29. April 2010 | Von | Kategorie: 2007: Hinz&Kunzt-Ausgaben 167 – 178, Archiv, Hinz&Kunzt 174/August 2007

Warum der Dalai Lama Mitgefühl und Warmherzigkeit als die notwendigen Grundwerte der Gesellschaft sieht

(aus Hinz&Kunzt 174/August 2007)

„Wenn Sie finden, dass meine Gedanken klug sind, dann denken Sie weiter darüber nach. Und wenn Sie glauben, der Dalai Lama hat Unsinn geredet, dann vergessen Sie’s einfach!“ Der Dalai Lama lacht laut, wie so oft, steht auf aus dem Sessel, in dem er stundenlang im Schneidersitz gesessen hat, legt die Hände zum Gruß aneinander und geht. Das 72-jährige geistige und weltliche Oberhaupt der Tibeter hat gut lachen: Er weiß, dass die rund 10.000 Menschen, die ihm zugehört haben, mit Sicherheit seine Worte nicht als Blabla abtun werden. Schwieriger ist die Frage, ob sie die schlichte Botschaft beherzigen können. Eine Botschaft, die übrigens die Grundlagen des Christentums berührt und – wie der Dalai Lama sagt – allen anderen Weltreligionen auch inne wohnt. Umso erstaunlicher, dass der „berühmteste Asylant der Welt“ (Erich Follath im „Spiegel“) eine Woche lang das Stadion am Rothenbaum füllen kann. Annegrethe Stoltenberg, Hamburgs Diakoniechefin, Herausgeberin von Hinz&Kunzt und eine der Gesprächspartnerinnen des Dalai Lamas, erklärt sich seine Faszination so: „Manchmal muss anscheinend Allzuvertrautes in neuem Gewand auftauchen, damit ich aufmerksam werde.“ Bei christlichen Worten dächten viele Menschen gleich an die Kirchen, an komplizierte Institutionen – „und wir wissen bei der Religion unseres Kulturraums von den Schattenseiten; wir wissen, dass die Glaubenssätze von Menschen aus niederen Beweggründen in ihr Gegenteil verkehrt worden sind, dass Gottes Name vereinnahmt und missbraucht wurde und wird.“ Das alles wisse man aus Tibet nicht. „Wir können die Worte unbelastet und rein hören“, sagt die Diakoniechefin. Und offenbar befriedigt der Dalai Lama ein tiefes Bedürfnis nach Glaubwürdigkeit und nach einem Leben in einer besseren Welt. Dem Tibeter nimmt man ab, dass er das, was er sagt, auch lebt, zumindest zu leben versucht. Zumal er es weder in seiner Kindheit noch jetzt leicht gehabt hat. Das Leben im Palast als Wiedergeburt Buddhas war alles andere als bequem. Oft fror er in den kalten Gemäuern, und oft war er einsam. Hatte „keine anderen Spielkameraden als die Mäuse, die auf den Gardinen hin- und hergesprungen sind und ihren Urin heruntertröpfeln ließen“ („Der Spiegel“). Später musste er vor den chinesischen Verfolgern fliehen und im indischen Dharamsala Zuflucht suchen. Bis heute wird er zwar von allen geliebt, aber von keinem Staatsmann ebenbürtig empfangen, weil es sich niemand mit der Wirtschaftsmacht China verderben will. Trotzdem hält der Dalai Lama Mitgefühl, Warmherzigkeit und Gewaltlosigkeit für die wichtigsten Grundwerte, sogar seinen chinesischen Gegnern gegenüber. Ein Mann wie er darf deshalb Sätze sagen, die aus dem Munde anderer naiv oder gar banal klängen. Aus seinem Munde klingen sie überzeugend und wie ein realistisches Gegenkonzept zu einer fast ausschließlich an materiellen Werten orientierten Welt. Genau das: soziale Ungerechtigkeit und Gewalt, zu viel Konsum im Westen und das Streben nach Profitmaximierung kritisiert der Dalai Lama. „Grundsätzlich ist die Wirtschaft wichtig, weil sie das physische Überleben sichert und Wohlstand bringt“, sagt er. „Aber die Kluft zwischen Norden und Süden ist nicht nur moralisch falsch, sondern realistisch betrachtet auch Ursache für viele der Probleme, mit denen wir heute konfrontiert sind.“ Allerdings wäre er nicht der Dalai Lama, wenn er nicht positiv denken würde: „Probleme, die Menschen verursachen, können Menschen auch wieder beheben.“ Seine Heiligkeit sieht Deutschland in besonderer Verantwortung. „Sie haben Ihr Land aus den Trümmern wieder aufgebaut“, sagt er. „Sie haben die Wiedervereinigung geschafft ohne Gewalt. Hier leben tüchtige und genaue Menschen. Sie sind in einer glücklichen Lage und haben die Chance und die Aufgabe, noch mehr Verantwortung zu übernehmen.“ Ganz besonders beeindruckt ist er von der Europäischen Union. „Früher wart ihr Europäer richtig böse!“, sagt er mit einem Augenzwinkern. „Von euch kam der Imperialismus, der Kolonialismus, heute hat die Europäische Union Vorbildcharakter für die ganze Welt.“ 27 Länder, die autonom bleiben, ihre eigene Kultur bewahren und trotzdem eine Einheit bilden. Dann macht das tibetische Oberhaupt einen Vorschlag, den er selbst als „eine verrückte Idee“ bezeichnet. Die EU müsste ihren Hauptsitz von Brüssel gen Osten verlagern. Genauer gesagt: nach Moskau. Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks hätten es die Länder schwer, innerhalb so kurzer Zeit ein demokratisches System aufzubauen. „Es hilft nichts, sie immer nur zu kritisieren“, so der Dalai Lama. Russland und die anderen Staaten bräuchten stattdessen „unsere Unterstützung und unsere Hilfe auf dem Weg zu einer echten Demokratie“. Diese Botschaft gefällt den Zuhörern weniger gut, ein dezentes Raunen geht durch die Halle. Kritik an US-Präsident George W. Bush ist mehr nach Geschmack des Publikums. Das spürt auch der Dalai Lama und fügt schnell an, dass er Bush persönlich kenne und ihn als einen „netten Menschen, wirklich!“ schätzt, „der geradeaus ist und mit dem man leicht in Kontakt kommt“. Aber mit seiner Politik stimme er nicht überein. Nach den Anschlägen aufs World Trade Center am 11. September 2001 hatte er ihm ein Beileidsschreiben geschickt und seiner Hoffnung Ausdruck verliehen, dass Bush nicht mit Gewalt antworten möge. Doch Bush begann den Krieg im Irak. Den Dalai Lama wundert es nicht, dass der Krieg nicht zu Frieden, sondern zu noch mehr Gewalt und viel mehr Toten geführt hat. Statt sich zu rächen, müsse man viel stärker mit den Muslimen in Dialog treten, ihre Bedürfnisse ernsthaft berücksichtigen. Nur wenn es gelinge, die Atmosphäre für die Muslime zu verbessern, ihnen zu zeigen, „dass wir ihre Religion, die mitnichten Gewalt predigt“, akzeptieren, hätten die Terroristen keine Chance. „Sonst“, warnte der Dalai Lama, „haben wir heute einen Bin Laden, morgen zehn und übermorgen einhundert.“ Immer wieder betont der Dalai Lama, dass die Frage der höchstmöglichen Gewaltlosigkeit, des Mitgefühls und der Warmherzigkeit eine Frage der physischen und psychischen Gesundheit ist, „was auch wissenschaftlich erwiesen ist“ – und eine Frage des eigenen Überlebens. Im politischen Bereich und im privaten. „Wer seinen Feind aus Rache umbringt, ist nur einen Moment lang der Sieger.“ Dann habe er selbst wieder neue Probleme verursacht, auch für sich selbst. „Unsere so genannten Feinde sind doch immer auch ein Teil von uns selbst“, ist seine Meinung. „Seinen Feinden zu schaden heißt, auch sich selbst zu schaden.“ Der Dalai Lama weiß, dass er für seine Anhänger im Westen so eine Art Popstar ist, ein Hoffnungsträger und eine Entschädigung für all die Enttäuschungen, die wir tagtäglich mit unseren Politikern und Kirchenfürsten erleben. Aber so freundlich und humorvoll, wie er auf uns wirkt, ist das tibetische Oberhaupt durchaus nicht in allen Lebenslagen. Als seine Brüder beispielsweise ihr Mönchsgelübde zurückgaben und heirateten, redete er monatelang nicht mehr mit ihnen. Und auch unter tibetischen Mönchen gab es Machtmissbrauch und Intrigen. So sollen einige Gottkönige in früheren Jahrhunderten ermordet worden sein. Es ist also keine Koketterie, wenn der Dalai Lama bescheiden auftritt und immer wieder mahnt, dass es besser ist, sich der eigenen Religion und Kultur zuzuwenden. „Denn die Botschaft von Mitgefühl und Gewaltlosigkeit beinhalten alle Religionen.“

Hinz&Kunzt beim Dalai Lama

Eine der Gesprächspartnerinnen des Dalai Lama war Annegrethe Stoltenberg, Hamburgs Diakoniechefin, Landespastorin und Herausgeberin von Hinz&Kunzt. Mitarbeiter des Tibetischen Zentrums in Hamburg hatten ein Interview mit ihr in Hinz&Kunzt gelesen mit der Überschrift: „Eine Gesellschaft von Egoisten funktioniert nicht.“ Also genau das Motto, das der Dalai Lama immer predigt. Was die Organisatoren bei ihrer Einladung noch nicht wussten: Annegrethe Stoltenberg hat den Weg zum Christentum über den Buddhismus gefunden. Sie war als junge Frau aus der Kirche ausgetreten und wurde Deutsch- und Politiklehrerin. Nach sieben Jahren Berufspraxis suchte sie aber neu nach ihrem Lebensweg. Mit 28 Jahren gab sie ihr Beamtendasein auf und reiste nach Asien. Dort stellte sie allerdings fest: „So schön der Buddhismus ist, er ist nicht meine Kultur. Und ich brauche mehr Nähe zwischen religiöser Überzeugung und sozialem Handeln.“ Zurück in Deutschland jobbte sie in der Erwachsenenbildung, immer weiter auf der Suche. Mit 30 begann sie ihr Theologiestudium und fand zum Christentum zurück. Dem Dalai Lama präsentierte sie das diakonische Projekt Hinz&Kunzt, „ein Beispiel dafür, wie Mitgefühl den Frieden in der Gesellschaft fördert“. Und bei Hinz&Kunzt sei auch Platz für das (buddhistische) kleine und das große Mitgefühl. Das kleine, indem Hinz&Kunzt durch die Möglichkeit des Geldverdienens und durch Sozialarbeit direkte Hilfe bietet. „Aber die Obdachlosen bestimmen selbst, welche Hilfe für sie gut ist.“ Und das große Mitgefühl, „denn eine Zeitung kann auf Ursachen von Ungerechtigkeit, Not und Armut hinweisen, um diese schrittweise zu beheben.“ Auch die Hinz&Künztler, Hauptamtliche wie Verkäufer hätten ein tiefes Bedürfnis nach Spiritualität, so Annegrethe Stoltenberg. Das werde immer angesichts des Todes eines Verkäufers deutlich. Auf dem Öjendorfer Friedhof gibt es einen Gedenkbaum, an dem die Namen der Verstorbenen zu lesen seien. Einmal im Jahr besuchen Mitarbeiter und Verkäufer den Baum mit „ihren“ Toten. Und für die Verkäufer sei es ein großer Trost zu wissen, dass, wenn sie eines Tages sterben, ihr Name dort auch verewigt sein wird. Annegrethe Stoltenberg bedauert allerdings, dass in der diakonischen Arbeit die soziale Handlung großgeschrieben wird, das Gebet und die Meditation als Kraftquellen jedoch nicht so genutzt würden. „Ich empfinde eine große Bewunderung und Wertschätzung für Ihre Arbeit“, sagte der Dalai Lama zu Annegrethe Stoltenberg und meinte damit alle sozial engagierten Menschen. „Und ich muss zugeben, dass auch ich die Grenzen des Gebetes sehe. Ein Gebet kann Hoffnung geben, aber das konkrete soziale Handeln ist wesentlich.“ Und für die hauptamtlichen und ehrenamtlichen Helfer hatte er eine besondere Botschaft. „Man muss sich selbst lieben und diese Liebe ausdehnen auf die anderen. Das muss die Grundlage sein.“ Wer dies beherzige laufe weniger Gefahr, ausgebrannt zu sein oder ein Helfersyndrom zu entwickeln.

Birgit Müller

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