Vom anderen Stern

Warum der Schanzenpark ohne ein Hotel im Wasserturm viel schöner ist

(aus Hinz&Kunzt 130/Dezember 2003)

Für Parks werden ja bislang noch keine Sterne verteilt. Doch wenn es welche gäbe, dann würde der Schanzenpark wahrscheinlich mit fünf Sternen ausgezeichnet – jedenfalls von denen, die ihn nutzen. Zwar gibt es hier keine Springbrunnen, keine raffinierten Rabatten wie in Planten un Blomen und auch keine weitschweifige Wegeführung mit spektakulären Aussichten wie im Jenischpark. Nein, der Schanzenpark besteht aus drei Rasenflächen, die am Ende des Sommers ziemlich abgeschabt sind, Bäumen, die alt genug sind, um Schatten zu werfen, es aber auch nicht übel nehmen, wenn sie mal einen Ball an die Krone kriegen, zwei eingezäunten Spielplätzen und zwei Fußballfeldern. Und natürlich aus dem fast 100 Jahre alten Wasserturm, immerhin der größte Europas. Der soll nun ein Vier-Sterne-Hotel werden.

Bis jetzt thront er als eine Art Wahrzeichen fürs ganze Viertel mitten im Park auf dem Hügel und versucht, sich nicht anmerken zu lassen, dass weder die städtische Denkmalpflege noch sein stolzer Besitzer in letzter Zeit viel für ihn getan haben. An seinem Fuß entsteht in den seltenen schneereichen Wintern eine der längsten Rodelbahnen der Stadt. Im Sommer findet unter seinen Augen all das statt, was den Park zur Fünf-Sterne-Anlage macht: Menschen jeden Alters, meist männlich, rennen Bällen unterschiedlichster Größe hinterher, werfen mit Boule-Kugeln oder Frisbee-Scheiben. Andere rennen sich die Lunge aus dem Leib. Auf dem Hang sitzen Trommler, Jongleure, Biertrinker, Kaffeetrinker, Teetrinker und auch Kiffer. Kinder erproben die Geländetauglichkeit von Bobbycars, Dreirädern und ihrem ersten Fahrrad, Hunde lernen zu apportieren – oder auch nicht. Männer, Frauen und Kinder sammeln sich um Feuerstellen mit riesigen Fleischstücken. Einzelgänger lesen, Pärchen liegen stundenlang bewegungslos auf dem Rasen. Manche, zu wenige eigentlich, küssen sich auch. Dazwischen laufen von Zeit zu Zeit Männer umher, die so unauffällig aussehen, dass sie nur Zivil-Polizis-ten sein können.

All das passiert auf insgesamt knapp acht Hektar, ohne dass es zwischen den unterschiedlichen Nutzern bisher zum offenen Krieg gekommen wäre. Manche glauben deshalb, der Park verfüge über geheimnisvolle Kräfte und dehne sich bei schönem Wetter vielleicht einfach aus. Ein Gutachten von 1996 stellt nüchterner fest, der Park sei gewissermaßen „übernutzt“.

Jürgen Mantell, Leiter des zuständigen Bezirksamts Eimsbüttel, weiß das. Er hat nämlich auch keinen Garten und läuft „des öfteren auch privat durch den Park“. Trotzdem findet er es kein Problem, ausgerechnet hier ein Vier-Sterne-Hotel zu bauen, sondern freut sich, „dass jetzt endlich was passiert mit dem Turm“. Schließlich hatte man den schon 1990 für 39.000 Mark an den Münchner Investor Ernst Joachim Storr verkauft. Der sollte ihn nutzen und dadurch erhalten, ließ ihn aber so lange weiter verrotten, dass einige im Bezirk schon darüber nachdachten, ihm die Baugenehmigung zu entziehen.

Doch bevor es soweit kam, tat Storr sich mit dem Schweizer Hotel- und Gastronomie-Unternehmen Mövenpick und der Augsburger Immobilien-Gruppe Patrizia AG zusammen. Die wollen im nächsten Frühjahr die Bagger anrücken lassen. 16 hundertjährige Bäume werden gefällt, und mindestens eine Saison lang wird der Hügel dann Baustelle sein. Denn im Wasserturm sollen auf 16 Stockwerken 226 Zimmer entstehen, darunter acht Juniorsuiten und zwei Towersuiten. Natürlich wird es ein Fitnesscenter geben, ein Restaurant mit 150 Plätzen und Terrasse, eine Tiefgarage und einen unterirdischen Zugang von der zur Bahn hin gelegenen Seite. Dort, am Rande des Parks, soll sich die Hotellobby befinden, von der aus die Hotelgäste auf 75 Meter langen Rollbändern ins eigentliche Turm-Gebäude gebracht werden.

Wie viele Millionen dieser aufwendige Umbau genau kostet, will die Patrizia AG nicht verraten, aber es sei auf jeden Fall teurer als ein Neubau. Auf schriftliche Nachfrage – denn zum Telefonieren hat er keine Zeit – lässt Projektleiter Jürgen Kolper dann noch wissen, dass kein Zaun, sondern nur ein Sichtschutz die Hotelterrasse vom Park trennen soll. Und dass er den Park natürlich kenne und schätze, und zwar ganz besonders die Spielplätze und die Schanzenspiele.

Nein, natürlich solle die bisherige Nutzung des Parks durch das schicke Hotel nicht beeinträchtigt werden, versichert auch Bezirksamtsleiter Mantell. Das habe er extra in den Vertrag schreiben lassen, „da ist der Trommler sogar als Beispiel wörtlich erwähnt.“ Klingt fortschrittlich. Allerdings nur, wenn man nicht weiß, dass in dem Vertrag auch mal stand, dass der Käufer des Wasserturms verpflichtet ist, mindestens 50 Prozent des Gebäudes für öffentliche Nutzung zur Verfügung zu stellen. Ja, dieser Passus habe leider geändert werden müssen, sagt der Bezirksamtsleiter. „Mitte der 90er-Jahre sagte Herr Storr, wegen der gesunkenen Gewerbemieten könne er den Turm nur noch finanzieren, wenn er ihn zu 100 Prozent als Hotel nutzen dürfe.“ Deshalb habe man den städtebaulichen Vertrag geändert und den Investor verpflichtet, zwei Millionen Mark, also eine Million Euro für den Stadtteil bereitzustellen.

„Was sind solche Verträge denn wert, wenn sie jederzeit geändert werden können“, regt sich Ralf auf. Ralf wohnt seit 20 Jahren im Viertel, und seine Tochter ist quasi im Schanzenpark groß geworden. Zusammen mit anderen hat er sich im vergangenen Sommer erfolgreich darum gekümmert, dass der kleine Park hinter der Flora wieder von den Anwohnern genutzt wird. Jetzt sorgt er sich, dass all die Versprechungen von „Bestandsschutz“ nichts wert sind. „Wenn sich die Hotelbetreiber das erste Mal ernsthaft über Lärm oder sonst was beschweren, dann geben die Politiker doch sofort nach.“ Tatsächlich hat der Bauausschuss erst vor ein paar Wochen schon wieder einer Änderung zugestimmt: Der gläserne Anbau fürs Restaurant soll jetzt nicht vier, sondern acht Meter hoch werden und 25 Meter lang. Eine Kleinigkeit nur, aber symptomatisch dafür, dass dieses Hotel mehr Raum einnehmen wird, als die 3.000 Quadratmeter, die eigentlich dafür vorgesehen sind.

„Mindestens 30 Meter rund um die Anlage wird niemand mehr auf der Wiese liegen,“ meint Winfried Kölsch, der für die GAL im Planungsausschuss sitzt. „Auch wenn meine Kollegen immer betonen, man könne da trotzdem noch spazieren gehen. So ein Bau verändert den Charakter, das ist dann kein Park mehr, sondern eine Grünfläche.“ Trotzdem hat die GAL den Plänen zugestimmt, damit mit dem Wasserturm endlich etwas passiert. Jetzt berät jedenfalls der Kerngebietsausschuss darüber, an welche Projekte die Euro-Million verteilt wird. Doch egal wer sie bekommt, man wird davon weder die Schäferkampsallee zur Liegewiese umbauen, noch andere Freiflächen schaffen können. Hunde, Kinder, Jogger, Faulenzer, Griller, Boulespieler, Bobbycarfahrer und Fußballer werden im Schanzenpark noch enger zusammenrücken müssen. Und ob dessen geheimnisvolle Kräfte dann noch ausreichen, ernsthafte Konflikte zu verhindern, ist fraglich. Es sei denn, alle gemeinsam würden durch offensives Freizeitverhalten ihren Fünf-Sterne-Park vor dem Vier-Sterne-Hotel in Schutz nehmen. Bloße Grünfächen gibt es schließlich schon genug.

Sigrun Matthiesen

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