Viel zu tun

In der Kritik stehen die sogenannten Ein-Euro-Jobs schon lange. Nun wird die Zahl dieser Maßnahmen massiv gekürzt. Das gefährdet allerdings Projekte wie die der Arbeitsloseninitiative Wilhelmsburg, von denen auch die Menschen im Stadtteil profitieren.

(aus Hinz&Kunzt 223/September 2011)

Vor dem „Sammelsurium“ steht Arno Beuchel und winkt freundlich. Seit mehr als zwei Jahren organisiert der ehemals Langzeitarbeitslose das Sortiment des Sozialkaufhauses der Arbeitsloseninitiative Wilhelmsburg (AIW), verkauft, nimmt Sachspenden an und berät Kunden. Nur dass jetzt nicht mehr so viele Kunden kommen.  Als Arno Beuchel hier als Ein-Euro-Jobber angefangen hat, war das noch anders. Da hatten sie das Sammelsurium in anderen Räumen. „Der alte Laden war drei Mal so groß“, sagt Arno Beuchel. Jetzt ist kein Platz mehr für die beliebtesten Waren, Möbel zum Beispiel, die bisher den meisten Umsatz im Sozialkaufhaus gebracht haben.  „Früher hatten wir manchmal 5000 Euro im Monat in der Kasse“, sagt Beuchel. „Jetzt sind es nur noch 500.“

Arno Beuchel managt das Sozialkaufhaus Sammelsurium, Jürgen Anklam bringt in der Fahrradwerkstatt der AIW alte Drahtesel auf Vordermann. Goran Nikolic ist als 16e-Kraft in der Grünpflege beschäftigt
Arno Beuchel managt das Sozialkaufhaus Sammelsurium, Jürgen Anklam bringt in der Fahrradwerkstatt der AIW alte Drahtesel auf Vordermann. Goran Nikolic ist als 16e-Kraft in der Grünpflege beschäftigt

Im April ist das Sammelsurium in neue, kleinere Räume in der Wilhelmsburger Industriestraße gezogen. Die AIW muss Miete sparen. Sie muss auch an Mitarbeitern sparen. Zwei Mitarbeiter gibt es im Sammelsurium jetzt noch, früher waren es vier feste, dazu kamen noch Ein-Euro-Jobber. Die kommen jetzt nicht mehr, besser gesagt: Das Amt schickt keine mehr nach Wilhelmsburg.

1984 war die Arbeitsloseninitiative
als Selbsthilfeverein für arbeitslose Werftarbeiter gestartet. „Die Idee war von Anfang an, Möglichkeiten zum Treffen und zum Arbeiten zu schaffen“, sagt Geschäftsführer Joachim Januschek. Bald wurden eine Lebensmittelausgabe und eine Kleiderkammer eingerichtet. Die arbeitslosen Mitglieder der Initiative hielten sie in Schwung, später kamen auch Einzelne in sogenannten ABM – Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen – dazu. Hartz IV änderte alles (siehe Seite 19). Erst eine Handvoll, dann immer mehr Langzeitarbeitslose schickte das Amt als Ein-Euro-Jobber zur AIW. Arbeit gab es immer genug. Die Projekte wuchsen, allein die Wilhelmsburger Tafel versorgt mittlerweile rund 1000 Haushalte im Stadtteil mit Lebensmitteln. Es kamen auch neue Projekte hinzu: die Möbelhilfe, eine Fahrradwerkstatt, die Grünpflege und zuletzt das Sammelsurium.

Vor zwei Jahren beschäftigte die AIW 175 Ein-Euro-Jobber und nochmal 43 16e-Kräfte. Das sind sozialversicherungspflichtig beschäftigte Langzeitarbeitslose, von deren Lohn das Jobcenter bis zu 75 Prozent übernimmt, wenn die Aufnahme einer regulären Arbeit in den folgenden 24 Monaten voraussichtlich nicht möglich ist. Alle fest angestellten Kollegen mitgezählt, kam die Wilhelmsburger Initiative im Jahr 2009 so auf insgesamt 260 Mitarbeiter.
Im vergangenen Jahr hat die Bundesregierung beschlossen, die Zahl der Ein-Euro-Jobs massiv zu kürzen. Nun gibt es bei der AIW nur noch halb so viele Mitarbeiter wie vor zwei Jahren. Das betrifft vor allem Ein-Euro-Jobber, von denen die AIW jetzt nur noch 70 beschäftigt, aber auch 16e-Kräfte. Das hat auch Folgen für die fest angestellten Mitarbeiter, „die fast alle selbst aus der Arbeitslosigkeit kommen und sich hier hochgearbeitet haben“, sagt Januschek. Von den 25 festen Mitarbeitern sind jetzt noch zwölf da.

„Wir sind am Limit“,
sagt Januschek. Er versucht, alles einigermaßen sozialverträglich abzuwickeln. „Die 16e-Leute wollen wir auf jeden Fall behalten. Langzeitarbeitslose sind auch mit großen Anstrengungen schwer zu vermitteln.“ Er lasse eher, aber nicht gerne, die kostenintensiven Festangestellten gehen – in der Hoffnung, dass sie es leichter haben, beruflich woanders wieder anzuknüpfen. Aber: „Da mussten auch Leute dran glauben, die man aus sozialen und menschlichen Gesichtspunkten eigentlich nicht kündigen dürfte.“

Weniger Menschen schaffen auch weniger Arbeit, das ist klar. Trotzdem: „Kein einziges Projekt ist abgewickelt worden“, sagt Januschek. Aber die Struktur der AIW hat sich verändert: Wo früher Sozialkaufhaus und Buchladen eigene Zweige mit eigenen Standorten im Stadtteil waren, sind sie heute mit Fahrradwerkstatt und Möbelhilfe im Bereich „Non-Food“ zusammengefasst. Alle Projekte, bis auf die Wilhelmsburger Tafel,  sind in ein Areal an der Industriestraße gezogen, wo bald auch die Verwaltung ihren Sitz haben wird. Das spart Mietkosten, gleichzeitig wird es aber auch enger. Anders, sagt Januschek, sind die Projekte nicht zu halten.

Der größte Bereich bei der AIW ist die Grünpflege. 20 Personen jobben hier zurzeit, in der ersten Jahreshälfte waren es noch 43. Walter Stendera ist ein Grünpflege-Profi. Das sei jetzt hier schon sein fünfter Ein-Euro-Job in dem Bereich, aber der erste bei der AIW. Seit Mai harkt er Wege, rupft Unkraut und beschneidet Büsche. Heute im Park hinter dem Deichhaus. Dass er noch mal einen regulären Job findet, glaubt der 51-Jährige nicht: „Die wollen junge Leute haben, ist ja klar.“ Zu Hause zu bleiben kommt für den Hartz-IV-Empfänger aber nicht infrage. „Das ist blöde, wenn du nur rumliegst. Außerdem muss das hier gemacht werden, das macht sonst keiner“, sagt er und harkt eifrig weiter.

Wolfgang Hinrichs leitet die Ein-Euro-Jobber seit drei Jahren an. Der ausgebildete Landschaftsgärtner ist bei der AIW fest angestellt. „Ich sehe hier Sinn drin“, sagt er, „nicht nur grünpflegetechnisch. Die Leute blühen hier auf, wenn sie wieder unter Menschen kommen.“ Die meisten seiner Jobber hätten auf dem ersten Arbeitsmarkt keine Chance: „Viele sind schon älter und überhaupt nicht qualifiziert.“ Hinrichs misst den Erfolg seines Bereichs nicht an der Vermittlungsquote. „Da geht’s mir gar nicht drum. Es geht um soziale Kontakte, sich bewegen, Anerkennung bekommen.“

Tolle Sachen hätten sie schon gemacht, sagt Hinrichs. Hinten bei der Altentagesstätte, da sei alles total verwildert gewesen, die Gehwegplatten krumm und schräg, überall Gestrüpp. „Die vom Bezirk können das mit ihren paar Leuten nicht schaffen.“ Nachdem die Grünpfleger von der AIW angerückt waren, sei das nun ein richtiger Park. „Die alten Leute freuen sich da so drüber“, so Hinrichs. „Wenn die uns auf die Schulter klopfen, gibt das wieder neue Motivation.“

AIW-Geschäftsführer Joachim Januschek erzählt, dass viele nach dem Ablauf ihrer Maßnahme bleiben oder wiederkommen wollen und beim Amt Folgeanträge stellen. „Dann sind sie plötzlich wieder da.“ Das sei dann zwar jedes Mal eine Bestätigung für das Konzept der Initiative – aber kein Erfolg. „Wir wollen, dass die Leute sich entwickeln.“

Arbeitsgelegenheiten
seien kein Instrument, um Menschen arbeitsfähig zu machen, sondern notwendig, um Langzeitarbeitslosigkeit nicht noch zu verhärten. „Nach der AGH müssen weitere Fortbildungen kommen“, sagt Joachim Januschek. Vom Ein-Euro- in den regulären Job, das findet er unrealistisch. Arbeitsgelegenheiten hätten dafür viele andere gute Seiten: Es wird Leistung gefordert, aber nicht überfordert. Es sind Regeln einzuhalten und eine gewisse Verbindlichkeit ist auch da: Ich kann nicht einfach wegbleiben. Belohnt wird das mit Geld, auch wenn es nicht viel und offiziell kein Lohn ist. Einen gewissen Druck gibt es: Man muss anrufen, wenn man nicht kommt, und kann zum Beispiel nicht rund um die Uhr Alkohol trinken.

Das sind erste Schritte zurück ins Leben, wie sie auch Goran Nikolic gemacht hat: Er arbeitet ebenfalls im Bereich Grünplege, hat hier als Jobber angefangen und hat nun eine 16e-Stelle. Nikolics Frau wiederum hat eine 16e-Stelle bei der Wilhelmsburger Tafel. Für das Paar und seine beiden Kinder hängt die gesamte Existenz an der AIW. Was Nikolic von den Kürzungen hört, macht ihm Angst: „Wenn die hier zumachen, würden wir vor dem Nichts stehen.“ Alternativen, ist der kräftige 33-Jährige sicher, gibt es für ihn beruflich nicht: „Ich hab keine Ausbildung und keine Schule abgeschlossen. Und wenn ich mit meinen Körpermaßen zum Vorstellungsgespräch gekommen bin, ist das nie was geworden.“ In Wilhelmsburg nehmen sie ihn, wie er ist. „Wir duzen uns alle, lachen zusammen und erzählen uns auch Probleme.“ Das hat er vorher nie erlebt.

In der Fahrradwerkstatt
der AIW poliert Jürgen Anklam das Schutzblech an einem in die Jahre gekommenen roten Damenrad. Er arbeitet hier eine gerichtliche Geldstrafe ab. „Wenn das vorbei ist“, sagt der 42-jährige Hartz-IV-Empfänger, „will ich ehrenamtlich weitermachen. Hier lernt man was und es macht Spaß.“ In der Werkstatt werden die Fahrräder der Wilhelmsburger fachkundig repariert und beschädigte Zweiräder aus Spenden oder vom Fundbüro wieder auf Vordermann gebracht. Dann werden sie im Stadtteil zu unschlagbaren Preisen verkauft an Menschen, die nachweisen, dass sie nicht viel Geld haben.
Die Nachfrage nach den hergerichteten, günstigen Fahrrädern ist groß. Es gibt also immer viel zu tun. Aber in der Werkstatt sind sie bloß noch zu viert, seit keine Ein-Euro-Jobber mehr mithelfen. Nur, die Leute brauchen trotzdem Fahrräder für ihre Kinder oder ein Reifenwechsel wird fällig. „Das ist traurig, wenn wir eine Familie mit drei Kindern wegschicken müssen, weil wir es nicht schaffen“, sagt Janine S., Aushilfe in der Fahrradwerkstatt. „Woanders können die sich gar keine Fahrräder leisten. Die sind teuer.“

Wie es weitergehen soll im Sammelsurium, in der Fahrradwerkstatt und bei den Grünpflegern, weiß bisher noch keiner. Wo die Wilhelmsburger bezahlbare Fahrräder oder günstige Möbel bekommen sollen und wer dann die Parks in Schuss hält, auch nicht. „Das Drama ist“, sagt Joachim Januschek, „dass wir hier so viel mehr tun könnten. Wenn wir die Leute dafür hätten.“
Ein-Euro-Jobs: eine Misserfolgsgeschichte?

Text: Beatrice Blank
Fotos: Mauricio Bustamante

Ein-Euro-Jobs: eine Misserfolgsgeschichte?

„Arbeitsgelegenheiten mit Mehraufwandsentschädigung“ gab es schon vor der Einführung von Arbeitslosengeld II, bekannt als Hartz IV. Doch erst mit den Hartz-Reformen, die zum 1. Januar 2005 in Kraft traten, wurden Arbeitsgelegenheiten als Ein-Euro-Jobs bekannt. Die Idee: Langzeitarbeitslose, die dann nicht mehr als arbeitslos gelten, verrichten gemeinnützige, zusätzliche Arbeit. Dafür bekommen sie zum Arbeitslosengeld zwischen einem und 2,50 Euro pro Stunde Aufwandsentschädigung, keinen Lohn. Die Tätigkeiten sollen sie auf einen Job im sogenannten Ersten Arbeitsmarkt, der nicht öffentlich gefördert wird, vorbereiten. Wer sich weigert, einen Ein-Euro-Job anzunehmen, muss mit Kürzungen seiner Hilfe rechnen. Bald gab es von Sozialverbänden, Gewerkschaften und politischer Opposition massive Kritik an den Ein-Euro-Jobs. Immer wieder wurden Projekte bekannt, bei denen Arbeitslose (scheinbar) sinnlose Arbeit zu verrichten hatten. Auch gab es schnell Zweifel, ob tatsächlich alle Arbeitsgelegenheiten „zusätzlich“ sind. Der Vorwurf: Ein-Euro-Jobber nehmen so, ungewollt, anderen feste Arbeitsstellen weg.

Im vergangenen Jahr beschloss die Bundesregierung, die Zahl der Maßnahmen massiv zu kürzen. Die Begründung: Die Ein-Euro-Jobs erfüllen ihren Zweck nicht, denn sie bringen keine ausreichend hohe Zahl von Langzeitarbeitslosen in eine reguläre Anstellung. Eine vor Kurzem veröffentlichte Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) speziell zuArbeitsgelegenheiten in Hamburg bestätigt das. Mehr noch: Laut der Studie erschweren Ein-Euro-Jobs sogar die Aufnahme einer regulären Arbeit. Je länger und je häufiger Arbeitslose Ein-Euro-Jobs haben, desto seltener und später treten sie in den Ersten Arbeitsmarkt (wieder) ein. Als nutzlos kann man Ein-
Euro-Jobs aber nicht bezeichnen: Sie werden von 70 Prozent der Jobber als sinnvoll empfunden, so die IAB-Studie, und helfen dabei, das Leben zu strukturieren und einen Arbeitsalltag bewältigen zu können. Im Vergleich zu 2009 gibt es jetzt schon hamburgweit viel weniger Arbeitsgelegenheiten. Vor zwei Jahren waren es rund 10.000, nun sind es rund 6000. Für 2012 sind 4000 Ein-Euro-Jobs für Hamburg vorgesehen. Träger wie die Arbeitsloseninitiative Wilhelmsburg können sich in einem „Interessenbekundungsverfahren“ um die Plätze bewerben.

Das Diakonische Werk (DW) Hamburg begrüßt die Reduzierung von Ein-Euro-Jobs, betont aber, dass es Alternativen für Erwerbslose geben muss. Konkret fordert der Verband, dass Arbeitsgelegenheiten in Arbeitsverhältnisse umgewandelt werden und es zusätzliche 16e-Stellen (sozialversicherungspflichtige Stellen für Langzeitarbeitslose, von deren Lohn das Jobcenter bis zu 75 Prozent übernimmt) geben muss. „Erwerbslose brauchen Arbeit statt einem perspektivlosen Hin und Her zwischen untauglichen Maßnahmen, kurzfristiger Beschäftigung und erneuter Arbeitslosigkeit“, so der Sozialverband. Das DW Hamburg will ein „Landesprogramm öffentlich geförderter Arbeit“ mit 1350 zusätzlichen sozialversicherungspflichtigen Jobs für Langzeitarbeitslose. Zwei Drittel der veranschlagten Kosten von 30 Millionen Euro sollen durch Umschichtungen und Verwendung von Restmitteln finanziert werden.

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