We are visual

Video-Clip gegen Verdrängung

Das Künstlerkollektiv We are visual hat im Rahmen einer Kunstaktion einen Entlüftungsschacht auf St. Pauli zu einem Schlafplatz für Obdachlose umgebaut. Mit der Aktion machen sie auf deren stille Verdrängung aufmerksam.

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Ein Screenshot aus dem Video des Künstlerkollektivs WAV zeigt das neue „Doppelbett“ auf St. Pauli.

Mit einer Kunstaktion macht das Künstlerkollektiv We are visual (WAV) auf die Verdrängung der Obdachlosen an der Simon-von-Utrecht-Straße aufmerksam. Über Jahre diente die Freifläche zwischen Budnikowsky und der Kneipe Blauer Peter Obdachlosen als Schlafplatz. Auf den Entlüftungsgittern hatten sie ihr Lager aufgebaut. Die aufsteigende warme Luft bot im Winter zumindest ein bisschen Schutz gegen die Kälte.

Doch im Frühjahr wurde ein metallenes Gehäuse mit einem Schrägdach auf das Entlüftungsgitter gesetzt, der seitdem die warme Luft an den Obdachlosen vorbei in den Himmel pustet. Der – vermutlich beabsichtigte – Effekt: Die Obdachlosen sind von dort verschwunden.

Die stille Verdrängung der Obdachlosen-Szene nahmen die WAV-Künstler zum Anlass für ihre Aktion: Das am 18. Juni veröffentlichte Video zur Kunstaktion zeigt, wie zwei Handwerker am hellichten Tag die vordere Wand demontieren und in das verbliebene Gehäuse ein Doppelbett einsetzen.

Es ist nicht die erste Aktionsform der Hamburger Künstler. Seit mehr als zwei Jahren intervenieren WAV mit ihren Aktionen im öffentlichen Raum. Ihre Videos und Aktionen sollen in Vergessenheit geratene Missstände aufzeigen, heißt es auf der Homepage der Künstler. Sie wollen subtile Fragen stellen und den Betrachter dadurch aus dem Alltag rütteln und einen anderen Blick auf die Stadt ermöglichen.

„Die Aktion schafft Aufmerksamkeit für die Situation der Obdachlosen“, ist sich Hinz&Kunzt-Sozialarbeiter Stephan Karrenbauer sicher. Auch im Sommer müssten weiterhin Hunderte auf der Straße schlafen. „Es bleibt dabei: ‚Platte machen’ ist kein Campingurlaub.“

Von Dauer waren die neuen Schlafplätze in der Simon-von-Utrecht-Straße allerdings nicht. Denn genehmigt hatte die Demontage der umgebauten Lüftungsanlage niemand. Nach wenigen Stunden rückten Beamte an und transportierten die Betten ab. Der Regelübertritt wird von WAV allerdings bewusst forciert: Ihre Kunstaktion „darf stören, sie darf auch erfreuen, auch verärgern“, heißt es auf der Seite der Aktivisten.

Text: Jonas Füllner
Foto: Screenshot

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