Vermintes Gebiet

Wie Schüler den Aufbau in der Balkanregion unterstützen

(aus Hinz&Kunzt 118/Dezember 2002)

Seit zehn Jahren sammelt eine Schülerinitiative Geld, um Jugendliche in der Balkanregion zu unterstützen. Serjoscha Gerhard, Freiwilliger bei „Schüler Helfen Leben“ in Neumünster, hat die Projekte vor Ort besucht.

In einem Haus in Sarajewo spielen Kinder. Nichts Besonderes? Das Haus ist eine Ruine, Granaten und Schüsse haben es getroffen. Keiner weiß, ob nicht irgendwo noch eine Sprengfalle oder Mine lauert. Das ist Alltag an der ehemaligen Frontlinie in Sarajevo, der Hauptstadt von Bosnien-Herzegowina.

Ich bin zusammen mit meiner Kollegin Alexandra unterwegs. Normalerweise sitzen wir im Bundesbüro von „Schüler Helfen Leben“ (SHL) in Neumünster vor unseren Rechnern oder telefonieren. Aber jetzt sind wir vor Ort. Zwei Wochen lang besichtigen wir Projekte von SHL in Bosnien und im Kosovo.

Die Mitarbeiter aus unserem Seminarhaus in Sarajevo führen uns durch die Stadt. An der früheren Frontlinie erklären sie uns die Trennung der Stadt. „Wir stehen gerade zwischen dem serbischen Teil des Landes und der Föderation aus Kroaten und Bosniaken“, erklärt uns die gebürtige Bosnierin Alma. „Hier können wir durch“, meint Steffen, Friedensfachkraft bei SHL, und zeigt auf eine Grünfläche. „Auf diesem Trampelpfad liegen keine Minen“, fügt er hinzu. Wer ansonsten sicher gehen will, muss sich auf Asphalt bewegen.

Der Krieg ist seit sieben Jahren vorbei, eigentlich herrscht Frieden. Aber nicht nur Minen sind vom Kampf zwischen den Volksgruppen geblieben. Immer wieder stößt man auf Vorurteile und Abneigung gegen die jeweils andere Seite.

SHL bringt Serben, Kroaten und bosnische Muslime zusammen – etwa in Jugendzentren, mit Zeitschriften- und Radioprojekten oder in Kunst-Workshops. Ein wichtiges Projekt ist auch der Aufbau einer Schülervertretung, um Demokratie und Mitbestimmung kennen zu lernen. Denn viele Jugendliche meinen immer noch, dass „die Internationalen“, die Schutztruppen SFOR in Bosnien und KFOR im Kosovo, alles schon richten.

„Let’s things make better“, verkünden Werbeplakate von Philips überall in Sarajevo. Doch die meisten jungen Menschen wollen weg aus ihrem Land. Wieder nach Deutschland etwa, wo sie während des Krieges gelebt haben. So wie der bosnische Koch, der im bayerischen Oberstdorf arbeitet. Wir treffen ihn im Bus in Sarajevo, wo er gerade seine Familie besucht. Er ist überrascht, was zwei Deutsche in sein Land treibt: „Hier gibt es doch nichts, ist alles kaputt!“ Er sieht keine Chance, in Bosnien Arbeit zu finden. In ländlichen Gebieten ist eine Arbeitslosenquote von mehr als 50 Prozent keine Seltenheit.

Im Kosovo, der zweiten Station unserer Reise, sind die Ethnien noch weiter voneinander entfernt. Im kleinen Ort Orahovac hat SHL ein Jugendzentrum aufgebaut, aber bislang laufen die Programme getrennt: Albaner und Serben haben auch fast drei Jahre nach dem Krieg praktisch keinen Kontakt.

Im Jugendzentrum bietet SHL Computer-, Kunst- und Englischkurse an – um das auszugleichen, was die Schule an Bildung nicht leisten kann. Die Jugendlichen können im Internet surfen oder sich mit Brettspielen die Zeit vertreiben. Gerade im Winter füllt sich das Haus noch mehr – denn hier funktioniert die Heizung auch, wenn im Rest der Kleinstadt mal wieder der Strom ausfällt. Arbeitsplätze gibt es in der Gegend fast nur von den „Internationalen“, es sei denn, man kann sich ein eigenes kleines Geschäft aufbauen. Die meisten Familien leben von der Unterstützung durch Verwandte aus dem Ausland.

Zusammen mit einer der beiden SHL-Freiwilligen im Kosovo und einem Übersetzer besuchen wir das Gymnasium in einem nahe gelegenen Dorf. Wir wollen eine Umfrage zu unserem Jugendzentrum machen. Die Langeweile scheint groß. Der Schulhof ist überfüllt von Schülern, die im Regen darauf warten, dass die Pause zu Ende geht. Ein Lehrer kommt mit einer Glocke nach draußen und läutet zum Beginn der Stunde – Bilder aus einer vergangenen Zeit. Über eine aufgerissene Wasserleitung steigen wir ins Hauptgebäude. An der Wand ist Holz zum Heizen aufgestapelt, im Lehrerzimmer wird Tee auf einem Ofen gekocht. Über einem Schrank hängt noch ein Plakat der albanischen Befreiungsarmee UCK.

Die Fensterscheiben der Schule sind zersplittert, überall an der Fassade finden sich Einschusslöcher. Neben zerbombten Silos und gesprengten Brücken ein deutliches Zeichen für die erbitterten Kämpfe, nicht zuletzt auch für die NATO-Luftangriffe. Inzwischen ist die internationale Schutztruppe der Puffer zwischen Serben und Albanern. Immer wieder treffen wir auf unseren Spaziergängen durch Orahovac auf Kontrollpunkte der deutschen KFOR-Soldaden, von Sandsäcken abgeschirmt.

Am nächsten Abend haben wir Gelegenheit, mit zwei Soldaten selbst zu sprechen. Als wir in der einzigen Kneipe des serbischen Viertels sitzen, kommt eine KFOR-Patrouille herein. Beide in voller Montur, mit schusssicherer Weste und geladenen Waffen. Das erste Mal in meinem Leben hält jemand eine Waffe so, dass mir der Lauf übers Knie kratzt. Mein serbischer Tischnachbar erklärt mir auf Englisch, dass er sich sicher fühlt, wenn KFOR-Soldaten in der Nähe sind. Doch zu meiner Beruhigung tragen geladene Waffen nicht bei.

Die Soldaten sind erstaunt, dass wir uns trauen, ohne Schutz im Krisengebiet umherzulaufen. Warum sollte uns etwas passieren? Schließlich sind wir doch hier, um zu helfen. – So unterschiedlich kann man die Situation in einem Krisengebiet erleben.

Eine Weihnachtsgeschichte
Die Geschichte von „Schüler Helfen Leben“ (SHL) beginnt Weihnachten 1992 im rheinland-pfälzischen Bad Kreuznach. Ein kroatischer Geschäftsmann erzählt Jugendlichen vom Bürgerkrieg in seiner Heimat – und die starten in den Weihnachtsferien mit Privatwagen zum ersten Hilfstransport.
Die Idee zieht Kreise, nach einem halben Jahr sind knapp 1,5 Millionen Mark Spenden gesammelt. 1998 organisiert „Schüler Helfen Leben“ in Schleswig-Holstein erstmals einen „Sozialen Tag“: Jugendliche bekommen schulfrei und suchen sich für diesen Tag einen Job; der „Lohn“ geht an die Jugendprojekte von SHL auf dem Balkan. An der jüngsten Aktion im vergangenen Juni beteiligten sich mehr als 200.000 Schüler in Schleswig-Holstein, Hamburg, Niedersachsen und Berlin. Dadurch kamen mehr als 3,6 Millionen Euro zusammen. SHL erhielt dieses Jahr den Westfälischen Friedenspreis – gemeinsam mit der Chefanklägerin des UN-Kriegsverbrechertribunals in Den Haag, Carla Del Ponte.

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