Vater, Mutter, Lynn

Die Hinz&Künztler Karin und Thorsten leben trotz ihrer Drogenabhängigkeit mit ihrer kleinen Tochter zusammen

(aus Hinz&Kunzt 159/Mai 2006)

Lynn sitzt in ihrem knallroten Plastikstühlchen, patscht im Essen herum, bietet Mama Karin oder Papa Thorsten ein paar Bissen an und lacht. „Sie entwickelt sich toll“, sagt die Familienhelferin anerkennend über die Anderthalbjährige. Das ist gar nicht so selbstverständlich. Denn die Hinz&Kunzt-Verkäufer Thorsten (43) und Karin (38) waren abhängig von Heroin und nehmen jetzt die Ersatzdroge Polamidon. Im März 2005 haben wir eine Titelgeschichte über die junge Familie gebracht. Jetzt haben wir die drei wieder besucht.

Lynn ist im ganzen Stadtteil bekannt. Wenn Karin mit ihr durchs Schanzenviertel radelt und in den Kneipen Hinz&Kunzt verkauft, wird die Kleine von einem Kellner durch die Luft geworfen, die Inhaberin der nächsten Kneipe knuddelt sie. Dieses öffentliche Leben hat natürlich auch seine Kehrseite. Karin wird oft von Fremden besorgt gefragt: „Habt ihr denn überhaupt eine Wohnung?“ Und ob! Karin und Thorsten sind stolz auf ihre „Oase“, wie sie ihre Zweizimmerwohnung nennen.

Bis zur Geburt von Lynn haben die beiden in Hotels gewohnt. Und damit ist nicht das Atlantic gemeint, sondern Notunterkünfte für Obdachlose. Ein eigenes Zuhause ist da ganz anders. Ein Ruhepol – und zugleich eine Herausforderung. Denn auch nach anderthalb Jahren sieht es nicht gerade aus wie bei „Schöner Wohnen“. Aber man merkt, dass hier ein Kind lebt. Das Wohn-Schlafzimmer ist eine große Spielwiese: Die Betten der Eltern so niedrig, dass Lynn gefahrlos darauf herumtollen kann, eine Wohnlandschaft so zusammengeschoben, dass das Kind nicht hinunterpurzelt – und viel Spielzeug. „Aber es fällt mir schwer, es richtig gemütlich zu machen“, sagt Karin selbstkritisch. „Ich habe zu lange auf der Straße gelebt, da ist viel verschütt gegangen.“ Und Thorsten fügt hinzu: „Wir müssen das Wohnen erst wieder richtig lernen.“

Karin und Thorsten versuchen sich gegenseitig zu erziehen: Nach jedem Essen wird sofort durchgewischt, der Abwasch erledigt. „Das Kochen will ich noch besser hinkriegen“, sagt Karin unzufrieden. „Das geht doch alles schon viel besser“, tröstet sie Thorsten. Und auf die Qualität des Essens achten die beiden. „Für Lynn kaufen wir oft im Öko-Supermarkt um die Ecke ein. Wir haben in unserem Leben so viel Geld für Mist ausgegeben“, sagt Thorsten und spielt dabei auf die Drogen an. „Da sollten uns die paar Cent mehr für gute Lebensmittel nicht zu viel sein.“

Das Leben mit Lynn verändert sich gerade. „Sie hat ihren eigenen Kopf und weiß genau, was sie will“, sagt Karin. Zum Beispiel will sie nicht mehr so lange mit auf dem Fahrrad sitzen und Hinz&Kunzt verkaufen. „Sie will lieber auf den Spielplatz“, sagt Karin. Trotzdem will Karin Lynn erst in den Kindergarten geben, wenn sie drei Jahre alt ist. „Das sind doch die einzigen Jahre, die man so zusammen hat, wo man selbst bestimmen kann“, sagt sie. Viel schwieriger als früher ist es jetzt, Arbeit und Lynn und das Leben mit Thorsten unter einen Hut zu kriegen. Zumal Thorsten zeitweise als Unterstützung ausfällt.

Manchmal, für Thorsten viel zu oft, da will Lynn nicht, dass er sie anzieht, dass er ihr das Essen gibt, dann will sie nur zu ihrer Mama. Nicht leicht für den Neu-Vater. Das tut weh. Das macht ihn nervös. Er will doch so viel. Vor allem alles richtig machen, oft weiß er nur nicht wie. Und die Nervösität und Unsicherheit übertragen sich auf Lynn, die dann erst recht zu ihrer Mama will. Gar nicht so ungewöhnlich, solche Probleme, gibt’s auch in anderen Familien. Aber Karin und Thorsten haben noch zig andere Sorgen dazu.

Da ist zum Beispiel die Drogensucht, die sie beide in den Griff bekommen wollen. Beide nehmen die Ersatzdroge Polamidon. Thorsten hat ein massives Alkoholproblem entwickelt. Warum? Fühlte er sich überfordert? Thorsten zuckt die Achseln, schaut auf den Boden. Hilflos. „Er ist zusammengeschlagen worden“, sagt Karin, danach hat er angefangen, immer mehr zu trinken. Immer schneller geriet er unter Hochspannung. Zu Hause spitzte sich die Lage zu. „Er war schnell genervt, hat gar nichts auf die Reihe gekriegt“, sagt Karin. Thorsten ist das Ganze furchtbar peinlich. „Ich arbeite deshalb hauptsächlich mit Karin“, sagt die sozialpädogogische Familienhelferin. Sie besucht Karin, Thorsten und Lynn einmal in der Woche. „Einmal in anderthalb Jahren hat Karin einen Termin abgesagt“, sagt sie. „Karin ist wirklich zuverlässig.“

Und die Familienhelferin begleitet die Erziehung von Lynn. „Sie ist ein sehr aufgewecktes, bewegungsfreudiges, altersgerecht entwickeltes kleines Mädchen – und gesund ist sie auch.“ Besonders wichtig für die Familienhelferin: „Lynn hat eine sichere Bindung zur Mutter.“ Gut findet sie auch, dass die Familie einen regelmäßigen Tagesablauf hat. „Das ist sehr gut für die Kindesentwicklung. Karin macht sich auch viele Gedanken über die Erziehung, man spürt, dass sie schon Erfahrung hat.“

Natürlich sind diese Hausbesuche nicht ganz freiwillig. Nur so hat das Paar die Chance, Lynn bei sich zu behalten. Karin weiß das. Sie hat früher ihre beiden ersten Kinder abgeben müssen. Das, so hat sie sich geschworen, soll ihr mit Lynn nicht passieren. Deswegen kooperiert sie, so gut sie nur kann. Und mehr als das. „Ich brauche jemanden, bei dem ich mich rückversichern kann, dass ich alles richtig mache“, sagt sie. Längst empfindet sie „ihre“ Familienhelferin nicht mehr nur als Aufpasserin, sondern vielmehr als Unterstützung. Neulich erst, da hatte sie Ärger mit der ARGE und eine viel zu saftige Nachzahlung für die Heizung, auch bei solchen Dingen kann die Familienhelferin sie unterstützen.

Thorsten hat gute Vorsätze. Er will nicht mehr trinken. Auch das nicht ganz freiwillig. „Ich wollte schon lange aufhören“, sagt Thorsten. „Komm, sei ehrlich“, sagt Karin. „Wenn die Krankheit nicht gekommen wäre, dann hättest du dich so schnell nicht aufgerafft.“ Thorsten nickt bedrückt. Die Krankheit. Irgendwann hat er Blut gespuckt. Ein Loch in der Leber wurde diagnostiziert. Wochenlang lag er im Krankenhaus. Immerhin: Thorsten hat aufgehört zu trinken, ist wieder viel ansprechbarer und gar nicht mehr so angespannt und nervös. Sogar zur Erziehungskonferenz will er demnächst mit. Wenn nichts dazwischenkommt. Karin würde sich freuen, aber sie verlässt sich nicht darauf. Zur Not muss sie es auch alleine schaffen.

Birgit Müller

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