Öffentliche Unterbringung

„System vor dem Kollaps“

Der Geschäftsführer von fördern und wohnen prophezeit den Zusammenbruch der Unterbringung von Wohnungslosen und Zuwanderern. Die Bedingungen nennt er „katastrophal“. Die Stadt bemüht sich, neue Plätze zu schaffen. Doch das dauert zu lang.

f&w-Geschäftsführer Rembert Vaerst spricht vom Ende des Winternotprogramms in der Spaldingstraße. Sozialsenator Detlef Scheele sieht das anders.
f&w-Geschäftsführer Rembert Vaerst meint: Ein Winternotprogramms „in dieser Form und in dieser Größenordnung“ wie dieses Jahr zum Beispiel in der Spaldingstraße wird es nicht mehr geben. Sozialsenator Detlef Scheele sieht das anders.

Kurz vor dem Ende des Winternotprogramms startet Rembert Vaerst, Geschäftsführer des städtischen Unterkunftsbetreibers fördern und wohnen (f&w), einen Hilferuf. „Das System der öffentlichen Unterbringung steht vor dem Kollaps“, sagte er gegenüber der Bildzeitung. Die Stadt hat 8500 Plätze für Wohnungslose und Asylbewerber, 1500 sollen noch dazu kommen. „Unsere Prognose“, so Vaerst „Auch das wird nicht reichen.“

Das Thema ist nicht neu, aber so dramatisch hat es noch niemand formuliert. „Alle 8500 Plätze in der öffentlichen Unterbringung sind belegt“, sagt Rembert Vaerst auf Nachfrage von Hinz&Kunzt. „Wir können nur noch die Menschen unterbringen, die wir unbedingt unterbringen müssen – und diese unter zum Teil katastrophalen Bedingungen.“
Spitze des Eisbergs ist das Winternotprogramm für Obdachlose, das am 15. April endet. Statt ursprünglich geplanter 252 Plätze hat die Stadt knapp 1000 Schlafplätze bereitgestellt. Trotzdem: Teilweise müssen die Menschen in der großen Unterkunft in der Spaldingstraße und in der Notschlafstätte Pik As auf dem Fußboden oder auf Stühlen schlafen.

„Die Welle, die uns durch die Zuwanderer aus Osteuropa und die Schwarzafrikaner aus Italien erreicht hat, haben wir nicht vorhergesehen“, sagte Vaerst. „Wir haben einfach nicht die Plätze, die wir eigentlich bräuchten. Und es dauert zu lange, bis neue Unterkünfte geöffnet werden.“

Hintergrund: Bis 2001 hatte Hamburg noch 20.500 Plätze für Asylbewerber und Wohnungslose. Von 2001 bis 2010 wurden diese abgebaut. 2010 war dann der Tiefstand erreicht: Hamburg verfügte nur noch über 7800 Plätze. Seit Mitte 2011 versucht die Sozialbehörde „im ernsthaften Willen“, so Vaerst, zusammen mit den Bezirken, 1500 neue Plätze zu schaffen. Aber es dauert zu lange, bis die Häuser geöffnet werden. Der Grund: „Den Bezirken wird ein Mitspracherecht eingeräumt, und die Politik unterstützt eine Zunahme der Bürgerbeteiligung“, so Vaerst. „So können sich die Nachbarschaften positionieren.“ Aber selbst wenn diese Plätze schnell in Betrieb genommen werden könnten: „Auch diese 1500 Plätze werden nicht ausreichen. Unsere Prognosen sind höher.“

Vaerst geht nicht davon aus, dass es im kommenden Winter wieder ein Notprogramm „in dieser Form und in dieser Größenordnung“ wie 2012/2013 geben wird. „Die Spaldingstraße werden wir abgeben, und im Pik As kann es so nicht weitergehen.“ Hierzu hat sich Sozialsenator Scheele allerdings schon im Hinz&Kunzt-Interview eindeutig und anders geäußert: „Es wird wieder ein Winternotprogramm geben – für alle, die ein Bett brauchen. Und wir erwarten, dass die meisten, die das diesjährige Winternotprogramm genutzt haben, am Ende des Jahres noch in Hamburg sind.“

Text: Birgit Müller
Fotos: Mauricio Bustamante, Dmitrij Leltschuk

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