Überraschungen zwischen Herbstlaub

Auf Klingeltour im Theresenweg in Nienstedten

(aus Hinz&Kunzt 129/November 2003)

Eon | Hanse präsentiert die Dart-Reportage: Hamburg hat viele unbekannte Ecken. Mit Häusern voller Geschichte und Menschen mit besonderen Lebensläufen. Um sie zu finden, werfen die Reporter einen Dartpfeil auf den Stadtplan. Die Geschichten erzählen von viel menschlicher Wärme oder dem Mangel daran. Diesmal: der Theresenweg.

Falls es so etwas gibt wie das ideale Nienstedten-Wetter, dann dies: Genau in dem Moment, als wir in den Theresenweg einbiegen, hebt sich der Morgennebel über der Elbe. Golden beleuchtet die Herbstsonne Eichen, Kastanien, wilden Wein. Sogar die Spinnennetze wirken in diesem Licht edel. Aber eben nicht auf die bemühte, aufgetakelte Art, sondern mit natürlichem Charme. So wie die zehn Häuser des Theresenwegs.

Entspannt stehen sie in ihren Gärten, in denen nicht jede verblühte Rose sofort abgeschnitten wird und das fallende Laub auch mal liegen bleiben darf. Acht der Häuser gibt es sicher schon länger als 20 Jahre, die anderen beiden sind noch jung. Eins, ein betont sachlicher Backsteinbau, trägt so ein aggressives Wachdienst-Schild am Zaun – das einzige hier. Bei vielen anderen stehen die in Würde verwitterten Gartenpförtchen offen. Alarmanlagen haben sie wahrscheinlich trotzdem, aber man sieht sie nicht.

Dafür liegt bei Nummer vier Kinderspielzeug im Vorgarten und durch die gardinenlosen Scheiben sehe ich etwas, das aussieht wie behauener Stein oder Skulpturen. Wohnt hier vielleicht ein berühmter Künstler? Neugierig drücke ich auf die Klingel – keiner zu Hause! Auf der Straße ist auch niemand zu sehen, bis auf einen eiligen Mann mittleren Alters, der einen Eimer weißer Farbe aus dem Kofferraum eines roten Kleinwagens wuchtet. Nein, leider hat er überhaupt keine Zeit, er renoviert gerade das Zimmer seiner Tochter. Aha, auch im wohlhabenden Nienstedten hat man Freude am Heimwerkern und schon längst nicht mehr für alles Personal. Mit meinen Klischees von den reichen Elbvororten wird an diesem Tag sowieso gründlich aufgeräumt.

Den Anfang dabei macht Monika Krüger. Sie öffnet die Tür des Hauses Nummer zwei, gleich an der Ecke zum Schulkamp. Von allen anderen der Straße unterscheidet es sich nicht nur durch die beiden mächtigen, sicher hundertjährigen Kastanien an seiner Seite, sondern vor allem durch ein Firmenschild am Eingang. „Cream“ steht da in schwarzen und roten Buchstaben auf einer Messingplatte. Mehr nicht. Monika Krüger bittet uns erst mal herein. Keine Spur von Misstrauen, kein „kommen Sie später wieder“, sondern ein lächelnder, geradezu herzlicher Empfang.

Natürlich kenne sie Hinz & Kunzt, „mal sehen, ob ich Ihnen helfen kann. Mein Chef ist nämlich nicht da, der könnte Ihnen alles viel besser erklären!“, ruft sie lachend aus. Das Wohnzimmer mit den weißen Chintz-Sesseln, einer beeindruckenden Whiskey-Sammlung auf der Anrichte und einer Polo-Zeitschrift auf dem Couchtisch ist nämlich ihr Arbeitsplatz. Darauf lassen allerdings nur der schwarze Laptop und ein paar Ordner auf dem gläsernen Esstisch schließen. „Cream“ ist weder ein Whiskeyvertrieb noch ein Kosmetikstudio, sondern eine Firma, die Landwirte bei der Umstellung auf ökologische Landwirtschaft berät, damit weniger giftige Nitrate ins Grundwasser gelangen und die Lebensmittel gesünder werden. Das erfahren wir allerdings erst später, denn Monika Krüger besteht darauf, dass nur ihr Chef, Heinrich Seul, etwas über seine Firma sagen soll. Sie hilft ihm nur bei der Büroarbeit, auf 400-Euro-Basis.

Erzählen tut sie dann aber doch. Darüber, dass sie eigentlich seit einem Jahr in Rente ist und zuvor in der Verwaltung des Hamburger Konservatoriums gearbeitet hat, und dass sie gleich um die Ecke „Up der Schanze“ lebt. Wieder in dem Haus, in dem sie auch geboren wurde, damals, als es in der Gegend sogar noch ein oder zwei Bauern gab. „Das haben mir meine Eltern vererbt, heute könnte ich mir ein Haus in Nienstedten natürlich niemals leisten.“

Dann kommt überraschend ihr Chef zurück, hat aber nur Zeit für ein ganz schnelles Foto, aber ein andermal gerne auch zu einem längeren Gespräch über seine Arbeit. Wie er so mit seiner Zigarre vor seinem Haus steht, sieht er schon eher so aus, wie ich mir Nienstedtener vorstelle. Da müsse man ganz vorsichtig sein, meint Monika Krüger, denn hier sehe man es den Leuten nie an, wer Geld habe und wer nicht. „Ich bin mal beim Grünhöker nicht weiter bedient worden, weil der Inhaber einer Frau Gräfin die Einkäufe zum Wagen tragen musste“, erzählt sie lachend, „der hätten Sie das auch niemals angesehen!“

„Ich habe hier alte Damen mit 600 Euro Rente im Monat, und davon geht mehr als die Hälfte für die Miete weg“, sagt kurz darauf Ingrid Lachmann. Als Rentnerin hilft sie jetzt ehrenamtlich im Kirchenbüro, in dem sie früher auch gearbeitet hat. Es liegt gleich um die Ecke vom Theresenweg, ein bisschen versteckt am Nienstedtener Marktplatz. Zur Straße hin findet man ein paar Geschäfte, eine Mercedes-Benz-Niederlassung und einen Immobilienmakler. Direkt gegenüber vom Kirchenbüro betreibt die Diakonie eine Kleiderkammer.

Frau Lachmann hat gerade gar keine Zeit, aber weil sie sich so gut auskennt, kann sie in knappen Worten alles Wichtige aus der Gemeinde berichten. Vor allem, dass das Klischee vom reichen Nienstedten eben so nicht stimme, „denn manche der Älteren hier haben früher als Kaltmamsell oder sonst was in den vornehmen Häusern gearbeitet und die müssen jetzt ganz schön knapsen.“ Auch sonst sei das hier eine ganz normale Gemeinde, mit dem üblichen Angebot für Senioren, Frauen und Kinder. Allerdings, fügt sie dann noch schmunzelnd hinzu, „mit überdurchschnittlich vielen Hochzeiten“.

Aus ganz Hamburg kämen die Paare, um sich in der schönen Nienstedtener Kirche trauen zu lassen und anschließend im feinen Hotel Louis C. Jakob mit Elbblick zu feiern. „Für Mai nächsten Jahres gibt es keinen einzigen freien Termin mehr.“ So, und jetzt muss die resolute Dame mit dem grauen Kurzhaarschnitt aber wirklich los, verweist aber noch auf den berühmten Nienstedtener Friedhof, der hinter dem Haus beginnt. Hier sind Prominente wie der Dichter Hanns-Henny Jahn oder der ehemalige Bürgermeister Sieveking begraben, erzählen nicht ohne Stolz die Gärtner, die wir in ihrer Mittagspause mit Pflaumenkuchen und Schlagsahne stören.

Im Theresenweg schließt Monika Krüger ihr Fahrrad vom Zaun los. Ihr Bürotag ist für heute beendet. Ob sich in den vergangenen Jahren etwas verändert habe hier in der Gegend? „Ja, es gibt endlich wieder mehr Familien mit Kindern. Der Stadtteil drohte ja total zu überaltern!“ Sie sieht richtig glücklich aus, als sie das sagt. Dann – „ich merke, dass Sie mich ausfragen!“– erzählt sie schließlich, dass ihre Tochter, eine Designerin, jetzt auch eine Etage des Familienhauses bewohnt und im Januar ihr erstes Kind erwartet. Monika Krüger findet das „ganz schön aufregend, aber Oma möchte ich trotzdem nicht genannt werden!“ Dann lacht sie wieder, schwingt sich aufs Rad und fährt durch den Theresenweg davon.

Sigrun Matthiesen

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