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Gut aufgehoben oder nur abgeschoben?

27. Juli 2010 | Von | Kategorie: 2010: Hinz&Kunzt-Ausgaben 203 – 214, Archiv, Hinz&Kunzt 210/August 2010

(aus Hinz&Kunzt 210/August 2010)

Die Bezirke Hamburg-Mitte und Altona wollen Trinkräume einrichten: staatlich finanzierte Treffpunkte, die den Alkoholkonsum in der Öffentlichkeit eindämmen sollen. In Kiel existiert seit 2003 ein erfolgreiches Vorbild. Aber auch in Harburg läuft seit zwölf Jahren ein ähnliches Projekt – und die Nutzer verwalten es selbst.

Für die Besucher ist der Platz an der Knoopstraße ein Ort, an dem sie sich in Ruhe aufhalten können,  so wie ein wohnzimmer. Ihren Treffpunkt verwalten sie gemeinsam selbst. Das ist einer der Gründe dafür, dass sich alle an die Hausordnung halten und es nur ganz selten Streit gibt.

Für die Besucher ist der Platz an der Knoopstraße ein Ort, an dem sie sich in Ruhe aufhalten können, so wie ein wohnzimmer. Ihren Treffpunkt verwalten sie gemeinsam selbst. Das ist einer der Gründe dafür, dass sich alle an die Hausordnung halten und es nur ganz selten Streit gibt.

Der Platz ist richtig idyllisch. Ein großes Gelände an der Knoopstraße, mitten in Harburg, keine 100 Meter vom Bezirksamt entfernt. Zwischen großen Bäumen und dichten Hecken stehen drei große blaue Container und drei Dixi-Klos. Auf alten Sofas sitzen zehn Leute beisammen, hören Radio und trinken Bier. Der erste Eindruck liegt irgendwo zwischen Schrebergarten, Clubheim und Dauercamping.

Terry gefällt das. Der 40-Jährige mit der blauen Schirmmütze sitzt auf einem abgewetzten Ledersessel und öffnet gerade eine Flasche Bier. Wie die meisten Besucher des Platzes, der seit 1998 vom Verein „Projekt Freizeitgestaltung Harburg“ betrieben wird, kommt er fast täglich hierher. „Das ist mehr oder weniger unser Wohnzimmer“, sagt Terry. Der gelernte Dachdecker findet es gut, dass er sich hier tagsüber aufhalten kann, ohne dabei – wie er das ausdrückt – wie auf dem Präsentierteller zu sitzen. „Hier wird man nicht gleich wie ein Leprakranker angeguckt, weil man morgens gern sein Bier trinkt.“ Die anderen in der Runde nicken. Die meisten wohnen um die Ecke, sie beziehen Hartz IV, einige machen Ein-Euro-Jobs. Alle sind froh über den Platz: Hier können sie Bier trinken, aber auch Probleme besprechen, grillen oder Karten spielen. Seit es das Projekt gibt, ist es auch am Harburger Rathausplatz ruhiger geworden, wo früher viele von ihnen den Tag verbrachten und ständig Ärger mit der Polizei hatten. „Wir sind wie eine Familie“, sagt ein großer Mann mit Schnurrbart. „Man kennt sich, man hält zusammen. Das ist ’ne gute Sache.“

Orte wie der Platz an der Knoopstraße sind derzeit deutschlandweit Gegenstand heftiger Debatten. Anwohner, Ladenbesitzer oder Politiker stören sich vielerorts an Gruppen, die sich auf Straßen und Plätzen treffen und dabei oft Alkohol trinken. Immer häufiger ist der Vorschlag zu hören, für diese Menschen „Trinkräume“ einzurichten: öffentlich finanzierte Treffpunkte, an denen sie sich tagsüber aufhalten und sich ihren billigen Alkohol selbst mitbringen dürfen. Befürworter sagen, dass Trinkräume Schutzräume sein könnten und unter Umständen dazu beitragen, dass ihre Besucher besser mit Hilfsangeboten erreicht werden. Kritiker befürchten dagegen, dass Trink­räume nur dazu dienen sollen, unerwünschte Personen einfach aus dem Stadtbild zu verbannen.

Diese Diskussion wurde auch in Kiel lange geführt. Hier betreibt die Stadt zusammen mit dem Verein „Hempels“, der das gleichnamige Straßenmagazin herausgibt, schon seit 2003 einen Trinkraum. Die Gäste bringen Bier oder Wein selbst mit, Hochprozentiges ist verboten (siehe Hinz&Kunzt 179/Januar 2008). Auch hier entstand das Projekt, weil das Stadtbild sauberer werden sollte: Wegen ständiger Beschwerden über Alkoholkonsum in der Innenstadt verhängte die Stadt Kiel ein Trinkverbot. Das wurde allerdings vom Oberverwaltungsgericht Schleswig gekippt. Daraufhin kam die Stadt auf das Team vom Verein Hempels zu. Dass der Trinkraum dann wirklich eröffnet wurde, lag vor allem an den vielen Leuten aus der lokalen Trinkerszene, die sich für die Idee starkmachten. „Das war für uns das Entscheidende“, sagt Jo Tein vom Hempels-Vorstand. „Die wichtigste Frage ist doch immer, ob ein Trinkraum zu den Bedürfnissen der potenziellen Besucher passt.“ Den Kieler Trinkraum wertet Tein daher als Erfolg: Er werde gut angenommen, die Sozialarbeiterin von Hempels betreue bei Bedarf die Gäste, das Projekt habe unterschiedliche Interessen versöhnt.

Dass es bei Trinkräumen vor allem auf die Interessen vor Ort ankommt, glaubt auch Stephan Karrenbauer, Sozialarbeiter bei Hinz&Kunzt. „Wenn so ein Raum gut finanziert ist und gut angenommen wird, dann kann er schon hilfreich sein“, sagt der 47-Jährige. Die Stadt dürfe aber niemanden mit Druck oder Platzverweisen dazu zwingen, solche Räume zu nutzen. Trinkräume seien kein billiges Projekt zur Reinigung des Stadtbildes von missliebigen Menschen. „Wenn man wirklich helfen will mit so einem Raum, dann müssen da Sozialarbeiter und eine Schuldenberatung rein“, so Karrenbauer. „So ein Projekt kostet Geld, und es eignet sich auch nicht für jeden Stadtteil.“

In Hamburg wird derzeit in zwei Bezirken überlegt, Trinkräume einzurichten. Der Bezirk Altona hat eine Studie in Auftrag gegeben, um herauszufinden, ob solche Einrichtungen sinnvoll sein könnten. Die Studie wird vom Suchtpräventionszentrum an der Uniklinik Eppendorf erstellt und soll im September vorliegen – der Bezirk überlegt aber jetzt schon, wo Trinkräume gebraucht werden könnten. In Hamburg-Mitte hat die Bezirksversammlung im Mai einem Antrag von SPD und GAL zugestimmt, die Trinkräume nach dem „Kieler Modell“ fordern. „Wir wollen Angebote schaffen, um an diese Leute besser heranzukommen“, sagt Kerstin Gröhn von der SPD-Fraktion Mitte, die den Antrag mit erarbeitet hat. Um Vertreibung ginge es dabei aber nicht: „Diese Menschen sind ja Teil unserer Gesellschaft, so muss man sie auch behandeln.“ Bezirksamtsleiter Markus Schreiber (SPD) spricht sich schon lange für die Einrichtung von Trinkräumen aus. Er fordert allerdings auch eine Änderung des Hamburger Wegerechts, damit die Polizei leichter einen Platzverweis gegen Menschen aussprechen kann, die in der Öffentlichkeit Alkohol trinken. Konkret sieht der Antrag von SPD und GAL vor, Trinkräume am Berta-Kröger-Platz in Wilhelmsburg und am U-Bahnhof Legienstraße in Billstedt einzurichten. An beiden Orten treffen sich tagsüber Gruppen, die dort auch Alkohol trinken. An der U-Bahn Legienstraße ist man von der Idee eines Trinkraums wenig begeistert. „Bei gutem Wetter setz ich mich doch nicht in so einen Raum“, winkt einer aus der Gruppe ab. „So ’nen Scheiß brauchen wir nicht.“ Viele stimmen ihm zu. Lediglich Michi, ein groß gewachsener Mann mit Vollbart, kann der Idee etwas abgewinnen. „So ein Raum nach Kieler Vorbild wäre gar nicht mal schlecht“, findet er. „Wenn wir hier abends mit 20 Leuten stehen, ist das für die Fahrgäste ja oft nicht so schön.“

Am Berta-Kröger-Platz ist man aufgeschlossener. Lefty ist in der Gegend aufgewachsen und trifft sich an den Parkbänken in der Nähe des S-Bahnhofs schon ewig mit alten Freunden. „Wir sind eine alteingesessene Clique“, sagt der 42-Jährige. Man könne ja nicht den ganzen Tag drinnen sitzen, daher treffe man sich hier. „Das war schon immer so in Wilhelmsburg, ich kenne das gar nicht anders.“ Für einen Trinkraum müssten natürlich zuerst eine Finanzierung und ein Träger gefunden werden, meint Lefty. „Aber sonst finde ich die Idee gut, da würden wir unter uns auch jemanden finden, der dafür die Verantwortung übernimmt.“

In Harburg, an der Knoopstraße, wird diese Verantwortung von Claudia Jammeh übernommen. Die 43-jährige Hartz-IV-Empfängerin ist Vorsitzende des Vereins „Projekt Freizeitgestaltung Harburg“ und sorgt dafür, dass das Projekt gut läuft. Dafür bekommt sie vom Bezirk eine kleine Aufwandsentschädigung. Sie achtet auch auf die Einhaltung der Hausordnung – keine Drogen, kein Schnaps, keine Pöbeleien. „Sozialarbeit mache ich auch, so gut es geht“, sagt Jammeh mit einem Augenzwinkern. „Gelernt hab ich das nie, aber ich kenne ja meine Leute. Mittlerweile bin ich ganz gut.“

Der Treffpunkt an der Knoopstraße entstand 1998. Damals gab es häufig Beschwerden über eine Gruppe, die sich am Harburger Rathausmarkt traf. Claus Niemann, der zuständige bürgernahe Beamte, richtete gemeinsam mit der Gruppe den Platz an der Knoopstraße her. Heute hat der Verein  „Projekt Freizeitgestaltung Harburg“ 80 Mitglieder, die meisten von ihnen sind Stammgäste. Die Stadt Hamburg stellt das Gelände kostenlos zur Verfügung, der Bezirk Harburg finanziert Strom, Toiletten und Telefon mit etwa 10.000 Euro im Jahr.

Text: Hanning Voigts
Foto: Mauricio Bustamante

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