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Tatort Hafen

29. April 2010 | Von | Kategorie: 2003: Hinz&Kunzt-Ausgaben 119 – 130, Archiv, Hinz&Kunzt 123/Mai 2003

Der Zöllner Volker Biermann über die „Schwarze Gang“ und Rauschgift-Schmuggler

(aus Hinz&Kunzt 123/Mai 2003)

Eine Sommernacht. Niemand beachtet das kleine Motorboot, das sich dem kolumbianischen Frachter im Hafen nähert. Lautlos gleitet ein Taucher ins Wasser. Er weiß, was er sucht: einen anderthalb Kubikmeter großen Kasten, der an der Außenhaut des Schiffes montiert ist. Einige Zeit später taucht der Mann im Neoprenanzug auf – mit dem Kasten. Jetzt wird es hektisch an Bord.

Der Komplize hievt die Beute an Deck. Das Sportboot verschwindet wieder in der Nacht. An Land werden die Männer den Kasten aufschweißen und rund 60 Kilogramm Marihuana bergen. Die Schmuggler sind über alle Berge, aber der Zollbeamte Volker Biermann und seine Kollegen von der Schwarzen Gang stehen nicht mit leeren Händen da. Offensichtlich wurden die Männer gestört. Denn später finden die Rauschgiftfahnder den Neoprenanzug und die aufgeflexte Kiste. Eindeutige Hinweise auf die Arbeitsmethoden der Schmuggler. Und was die Tricks der Rauschgiftmafia angeht, kommt den Fahndern noch ein Zufall zu Hilfe: Ein Seemann hat ausgepackt.

Was nur selten geschieht. Wer sich mit dem organisierten Verbrechen einlässt, weiß, dass er besser schweigt. „Wer auspackt, ist dran“, sagt Biermann. Wer den Mund hält, kann sich halbwegs sicher sein, dass seine Kinder weiter unbehelligt zur Schule gehen dürfen und der Familie kein Härchen gekrümmt wird.

Früher suchte der 52-Jährige in den Seezollhäfen nach Schnaps, Zigaretten und sonstigen verbotenen Waren. „Man kann sich vorstellen, dass wir im Hafen nicht gerade beliebt waren“, sagt er. Dann allerdings wurde das Drogenproblem immer größer. 1986 wurde eine zusätzliche Abteilung, die „Rauschgiftgang“, gegründet. Einsatzgebiet ist der Freihafen. Bevor Volker Biermann beim Zoll anfing, fuhr er 14 Jahre lang zur See. Angefangen hat er als Schiffsjunge, später dann sein Kapitänspatent gemacht. Biermann ist übrigens kein Einzelfall: Fast alle 15 Kollegen in seiner Gang sind Seeleute. Ist ja auch sinnvoll: „Wir kennen uns an Bord der Schiffe aus und wissen, wo man etwas verstecken kann.“

Immer wieder finden die Beamten Päckchen in Luken oder im Maschinenraum. Wobei die Suche im Maschinenraum durch den Geruch von Schmieröl deutlich erschwert wird. Der Einsatz von Spürhunden ist dabei fast unmöglich. „Da verlieren die Hunde die Witterung“, sagt Biermann. Häufig wird der Stoff im Laderaum unter den Holzgrätings versteckt, eine Art Holzfußboden mit Hohlraum, damit die Luft zirkulieren kann. „Dort fanden wir oft auch so genannte Schmuggelwesten“, erzählt Biermann. Das sind Westen mit Taschen im Futter, sodass Pakete unauffällig transportiert werden können. Besonders beliebt ist das im Winter. Wer mit einer solchen Weste bei Schichtwechsel mit dem Pulk den Hafen verlässt, hat beste Chancen, nicht erwischt zu werden.

Meistens ist nur einer aus der Mannschaft in den Schmuggel verwickelt, so die Erfahrung der „Schwarzen Gang“. Wenn Biermann von diesen Männern spricht, schwingt Mitgefühl in seiner Stimme. „Ich bin so lange zur See gefahren und weiß, wie arm die Menschen in den betreffenden Ländern sind, so ohne jede Perspektive.“ Deswegen seien sie auch anfällig, wenn sie ein Angebot bekämen: Rund 3000 Dollar bekommen die Schmuggler oft für ihren ersten Job. Dass sie danach nie wieder aussteigen können und für immer in den Händen der Mafia sind, ist ihnen meistens nicht klar. „Das Schlimme ist, dass wir immer nur die Kleinen erwischen“, sagt Biermann. „Und die Großen lässt man laufen.“

Neuerdings wird auch der Seekasten gerne als Versteck genutzt, eine Öffnung in der Außenhaut, wo das Kühlwasser für die Maschine angesogen wird, oder der Schlingerkiel (eine Art Stabilisator) des Schiffes: „Da können wir nichts machen, da müssen wir Polizeitaucher anfordern.“ Oder die Drogenpakete werden nicht im Hafen, sondern schon irgendwo auf der Elbe außenbords geworfen. Gut verpackt und beispielsweise an einen leeren Bohnerwachska-nister gebunden, der als Auftrieb fungiert. Ein Motorboot nimmt die Fracht auf, und die Schmuggler lagern die Ware in Erddepots im Alten Land. „Klappe zu, Grasnarbe drauf, und keiner kann etwas erkennen.“

Die Suche nach den Drogen ist wie die Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen. Biermann „nervt es, dass die Schnaps- und Zigarettengang zwei bis drei Mal in der Woche fündig wird“ – und seine Gang alle zwei bis drei Monate mal einen Coup landet. Immerhin ist seit 1996 auch eine Containerprüfanlage im Einsatz. Mit der kann ein ganzer Container geröntgt werden. „Ein geschultes Auge kann durch diese Technik die Ladung identifizieren und Abweichungen von den Zollpapieren feststellen“, sagt Biermann.

Nicht immer haben die Beamten so viel Glück wie neulich. Die Schwarze Gang hatte einen Tipp bekommen. Auf einem bestimmten Schiff sollte Rauschgift zu finden sein. Und dann fuhr ein schwarzer Mercedes in den Freihafen, und ein elegant gekleideter Mann fragte, ob ein bestimmter Container – der just an Bord besagten Schiffes stand – schon da sei. „Es fragen zwar viele Spediteure nach ihren Containern, aber diesen Mann kannte keiner.“

Ein Mitarbeiter in der Umschlagsfirma verständigte die Schwarze Gang. Vorsichtshalber hatte er sich auch gleich die Autonummer seines Besuchers gemerkt. „Wenn es um Rauschgift geht, hält der ganze Hafen zusammen wie eine Familie. Das ist völlig anders als früher in der Schnaps- und Zigarettengang“, sagt Biermann. „Denn jeder Schauermann, jeder Festmacher, jeder Schlepperfahrer und jeder Hafenarbeiter hat Kinder – und jeder von denen hat ein großes Interesse daran, dass wir auftreten“, sagt Volker Biermann. „Auch wenn wir selten erfolgreich sind, so zeigen wir doch Flagge.“

Birgit Müller

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