Der Mann der Farben

Daniel Man ist der Künstler unserer dritten ­StrassenKunzt Edition. Sein Weg führte ihn von der Straße ins Atelier und von der Großstadt raus aufs Land.

Am Anfang besprayte  Daniel Man flache Wände, und Fassaden, heute geht er auch mal in die Tiefe.
Am Anfang besprayte
Daniel Man flache Wände, und Fassaden, heute geht er auch mal in die Tiefe.

Daniel Man läuft vor seinem Haus auf und ab und hofft, dass der Funkkontakt nicht abbricht. Er wohnt in Affing, gut 60 Kilometer von München entfernt. Also zu weit weg für uns, um ihn persönlich zu treffen. Das Telefon muss reichen. „Wo ich gerade stehe? Auf unserem Wiesengrund. In dem Haus, in dem wir leben, ist auch mein Atelier, und 20 Meter von mir weg steht so eine typisch bayerische Dorfkirche“, spricht er ins Handy. „Und der Wiesengrund ist auch mein Bogenschießplatz.“ Affing hat 5261 Einwohner, davon sind 4012 katholisch und 362 evangelisch. Und es gibt 153 Ausländer.

Aber nun zu ihm: Geboren wird er 1969 in London. Seine Eltern sind Chinesen. Als er sieben Jahre alt ist, zieht die Familie nach Deutschland, und er wächst in Augsburg auf. ­Eine nicht allzu große, gemütliche bayerische Stadt, wo alles seine Ordnung hat, sollte man meinen. Aber in Augsburg sind Anfang der 80er noch jede Menge amerikanischer Soldaten stationiert. „Die GIs waren damals die Ersten, die in den Tunneln und Straßenunterführungen ihre Tags an die Wände kritzelten, die Graffiti sprayten und die so Augsburg bunt machten.“ Daniel Man und seine Kumpels lassen sich inspirieren, lieben das Skaten und aus dem Gettoblaster, wie das Kofferradio jetzt heißt, dröhnt Hip-Hop. Seine ­Eltern, die ein Chinarestaurant führen, sind damit alles andere als einverstanden und zu Hause kracht es entsprechend: „Ich bin mit 16 ausgezogen, richtig über Nacht, mit Sack und Pack.“ Anfangs ist er in der Obhut des Jugendamtes, wohnt betreut: „Ich war das Lämmchen unter lauter Schwererziehbaren, aber ganz so das Lämmchen war ich dann doch nicht: Nachts kletterte ich vom Balkon und ging sprayen.“ Halt und Sicherheit gibt ihm die Szene. Sie fördert ihn künstlerisch und ist mehr eine Ersatz­familie. „Hauptsache frei sein und mal schauen, was passiert – dieses Leben ging so bis in die 90er.“ Bis er merkte, dass ihn die Graffitiszene künstlerisch nicht mehr weiterbrachte. Und bis er begann, sich mit sich selbst zu beschäftigen: „Dadurch, dass ich so früh von zu Hause ausgezogen bin, hatte ich ja auch meine Wurzeln abgeschnitten. Nun schaute ich in den Spiegel, fragte mich: Was bin ich? Bin ich ein Chinese? Oder bin ich ein Deutscher? Denn ich sah zwar aus wie ein Chinese, aber ich sprach nicht so. Und diesen Zwiespalt, der ja eine enorme Kraft hat, hab ich über meine Kunst ausgelebt.“

Der Titel: „the words of the prophets are written in the streets“ Die Technik: Nitrokombi-Lack, Acryl auf Papier Das Format: 30 x 21 Zentimeter. Die Auflage: 99 Exemplare Der Preis: 99 Euro
Der Titel: „the words of the prophets are written in the streets“
Die Technik: Nitrokombi-Lack, Acryl auf Papier
Das Format: 30 x 21 Zentimeter. Die Auflage: 99 Exemplare
Der Preis: 99 Euro

Schon immer haben ihn die Bilderwelten der Fantasy-Kultur und von Science-Fiktion geprägt; er ist fasziniert von japanischen Mangas, auch von der düsteren Malerei des Schweizer Airbrush-Künstlers HR Giger aus den Alienfilmen: „Das hat zu meinem Weltschmerz, den ich damals hatte, sehr gut gepasst.“ Nun tauchen in seinen Bildern jede Menge Phönixe auf, viele Drachen und Mönche. Er fragt sich, was es mit diesem Tao auf sich hat, mit Yin und Yang. „Ich bin zurückgegangen zu dem, was ich von zu Hause her kannte: Im Restaurant meiner Eltern gab es diese Drachenlampen und es gab ein großes Wandbild, dass ein thailändischer Tattookünstler gemalt hatte, als ich noch ein Kind war – ein Drachen in einer Sonnenlandschaft. Und ich habe damals immer wieder so kleine Kinder gemalt, die in irgendwas eingezwängt waren – daran kannst du sehen, wie tief ich in mir gegraben habe.“ Seinen Kollegen und Freunden entgeht seine Sinnsuche nicht. Sie raten ihm: Studiere doch Kunst!

Daniel Man bewirbt sich an der einen Kunsthochschule, dann an der nächsten, hat schließlich 15 Bewerbungen losgeschickt – und wird nirgends genommen. Er zweifelt: Ist er einfach nicht geeignet? Oder ist er zu gut? Dabei möchte er sich so gerne auch theoretisch mit Kunst beschäftigen, die für ihn längst mehr ist als nur ein ­Lebensgefühl. Als seine Freundin in Hildesheim zu studieren beginnt, schreibt er sich dort als Gasthörer für Kulturwissenschaften ein, ist begeistert von all den Anregungen, die er täglich aufsaugt. Eines Tages trifft er auf dem örtlichen Bahnhof einen Kunstprofessor, den er von seinem Gaststudium her kennt. Der wundert sich sehr, warum ihn niemand als ordentlichen Studenten aufnehmen will und ermuntert ihn, es noch mal zu versuchen. Man bewirbt sich noch einmal, nebenan in Braunschweig, lässt aber diesmal ­seine Graffitiarbeiten weg – und wird prompt genommen. Er landet erst bei Walter Dahn, wechselt dann zu Albert Oehlen in München – beides Malergrößen der Jungen Wilden, echte Kunstrüpel, aber dabei sehr gebildet.

Für Daniel Man ist das Studium eine echte Konfrontation mit seiner künstlerischen Herkunft: „Ich wollte zunächst Graffiti mit der akademischen Kunst verbinden, aber da ­kamen sehr konstruierte, sehr gezwungene Sachen bei raus.“ Und statt schnellem Beifall, wie er ihn aus der Szene gewohnt war, gab es zunächst Kritik: „Ich musste ja für jede Arbeit, die ich vorlegte, Rede und Antwort stehen.“ Mir wurde gesagt: „Bevor du den Leuten die Welt erklärst, schaue erst mal, was dich interessiert und halt den Ball dabei schön flach!“ Kunst machen, das sei mehr als nur einem überbordenden Lebensgefühl zu folgen. Das sei, wie ein Wissenschaftler eine Idee zu untersuchen. 2005 beendet er sein Studium, arbeitet seitdem erfolgreich als freier Künstler.

Zieht es ihn auf die Straße zurück? Würde er gerne mal wieder vor einer leeren Hauswand stehen, die Spraydose zücken und schauen, was er jetzt anders machen würde? Oh, doch. Er würde gerne wissen, was er jetzt anders machen würde. Aber er kommt einfach nicht dazu! Er sagt: „Ich bin ja Papa von drei Kindern und muss auch schauen, wie ich das Geld reinkriege.“ Überhaupt die Arbeitswelt: „Ich habe lange Zeit in den Tag gelebt, weil ich meine Freiheit brauchte, aber der Alltag mit den Kindern nimmt so viel Zeit.“ Er holt tief Luft: „Ich denke, ich habe den ganzen Vormittag Zeit, ich schreibe schnell ein paar E-Mails, erledige einen wichtigen Anruf, da muss ich schon los, die Kinder abholen, Mittagessen kochen – also meine Stunden im Atelier, die muss ich mir hart erkämpfen.“

Daniel Man ist jetzt bei den beiden Hochbeeten angekommen, in denen er Gemüse zieht. Die Funkverbindung hat gehalten. Vielleicht noch ein Resümee für seinen Weg von München hier raus in die Provinz: „Ich genieße es, in meinem Atelier mitten in der Natur und am Arsch der Welt zu sein, denn hier kann ich in Ruhe meine Sachen entwickeln.“ Und die Stadt laufe ihm ja nicht weg. Und ich müsste ihn unbedingt mal besuchen kommen, bald, und wenn es Herbst wird: „Im Herbst setzen wir uns dann ins Atelier, dann mache ich meinen Holzofen an, das liebe ich so sehr.“

Text: Frank Keil
Foto: Volvo Artsession/Chrigi B.

Die StrassenKunzt Edition erscheint seit Herbst 2012. Pro Jahr werden zwei Kunstwerke von je einem renommierten Street Artist zum Verkauf angeboten. Die Auswahl übernimmt der Hamburger Kunstsammler Rik Reinking, Experte für Street Art. Neben der aktuellen Arbeit von Daniel Man können Sie weiterhin das erste Werk der Edition des Hamburger Künstlers DAIM sowie die Arbeit des Berliners Boxi kaufen. Bei Hinz&Kunzt, Altstädter Twiete, oder im Online-Shop. Limitierte Auflage: 99 Stück zum Preis von je 99 Euro. Der Erlös aus dem Verkauf der Edition geht zur Hälfte an die Künstler, zur Hälfte an Hinz&Kunzt. Infos und Bestellung: www.hinzundkunzt.de/shop

Schreibe einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *