Opfergedenken

Stolperstein gegen das Vergessen

Der geistig behinderte Rolf wurde als Kind von den Nazis getötet. An sein Schicksal erinnert ein neuer Stolperstein in Osdorf. Rolfs Nichte Karen Haubenreisser hat die grausame Geschichte an die Öffentlichkeit gebracht – und will, dass sie nicht vergessen wird.

Stolperstein für Rolf Haubenreisser am Hemmingstedter Weg, Foto: A. Soller
Stolperstein für Rolf Haubenreisser am Hemmingstedter Weg, Foto: A. Soller

Rolf wurde nur neun Jahre alt. Unter der Aufsicht derer, denen der geistig behinderte Junge anvertraut war, verhungerte er 1945 in einer bayrischen Heil- und Pflegeanstalt. Ein grausames Schicksal, das Rolf Haubenreisser mit hunderten Kindern und Erwachsenen teilte: Systematisch wurde den Bewohnern der Anstalt Mainkofen während des Zweiten Weltkrieges Essen, Kleidung und Wärme vorenthalten – weil die nationalsozialistischen Herrscher es so erlassen hatten.

66 Jahre nach Rolfs Tod erzählt Karen Haubenreisser die Geschichte ihres Onkels. Im August hat sie einen metallenen Pflasterstein im Hemmingstedter Weg in Osdorf eingelassen, darin eingraviert seinen Namen und sein Geburts- und Sterbedatum. Vor Rolfs Elternhaus soll dieser Stolperstein dazu beitragen, dass nicht vergessen wird, was dem Jungen angetan wurde.

Karen Haubenreisser an der Gedenkstelle für ihren Onkel, Foto: privat
Karen Haubenreisser an der Gedenkstelle für ihren Onkel, Foto: Gesche-M. Cordes

Lange wusste Karen Haubenreisser selbst nicht um das Schicksal ihres Onkels. „Dass es ein behindertes Kind in meiner Familie gab, das von den Nazis getötet wurde, war ein Tabuthema“, sagt sie. Sie habe weder mit ihren Eltern noch mit ihren Großeltern je über Rolf und seine Geschichte gesprochen. „Ich kann mich gar nicht erinnern, wie ich von Rolf überhaupt erfahren habe. Irgendwie wusste ich das einfach“, sagt sie weiter. „Aus Interesse“ nahm Karen an einer Gedenkfeier für Opfer der Naziherrschaft teil. „Diese Gedenkfeier in Ohlsdorf war dann der Anlass mich mit Rolf zu beschäftigen“, sagt sie. Erst dort hat sie von der Stolpersteinbewegung erfahren, dass es im Archiv der Evangelischen Stiftung Alsterdorf die Akte von Rolf und weiterer Hamburger Euthanasie-Opfer gab.

„Die Gesundheit der Mutter und des jüngeren Bruders leidet erheblich unter Rolf“, heißt es in Rolfs Akte. Auf Anraten ihres Arztes hätten Rolfs Eltern ihn in die „Alsterdorfer Anstalten“ gegeben, steht dort weiter. Von dort wurde der Junge vier Jahre später in die „Heil- und Pflegeanstalt Mainkofen“ deportiert, wo er – wie 500 andere Menschen – verhungerte. Gerne hätte Karen Haubenreisser gelesen, dass sich ihre Großeltern gewehrt hätten gegen Rolfs Einlieferung in die „Alsterdorfer Anstalten“, die damals als Nazi-Musterbetrieb galten. „Leider habe ich aber kein solches Anzeichen finden können“, sagt sie.

Undatiertes Foto: der kleine Rolf
Der kleine Rolf auf einem undatierten Foto, Foto: privat

„Rolf ist ein lebhaftes Kind. Er steigt gerne auf Tische und spielt am liebsten mit Gegenständen, die sich drehen lassen“, heißt es im Nazi-Dokument weiter. Karen Haubenreisser wollte wissen, wer Rolf wirklich war und habe versucht die Akteneinträge zwischen den Zeilen zu lesen. „Es ist hart, dass die einzigen Informationen, die ich über Rolf habe, von denen stammen, die seine Ausgrenzung und Tötung organisierten“, sagt sie. In der Hoffnung, mehr erfahren zu können, reiste sie sogar nach Niederbayern – an den Ort, wo Rolf starb. Im Bezirksklinikum Mainkofen führte sie der stellvertretende Klinikleiter durch das wunderschöne Gebäude, in dem die Nazis vor siebzig Jahren Menschen verhungern ließen.

Was sie außerdem sieht, schockiert Karen Haubenreisser: Die meisten der Gräber von Opfern der Nazis auf dem Gelände der Klinik sind als solche gar nicht mehr zu erkennen – auch Rolfs Grab nicht. Vorhandene Grabkreuze seien abgebaut worden, erzählt sie, ein Teil des Friedhofs habe einer öffentlichen Parkanlage weichen müssen. Der Rest der Ruhestätte verwildere. Rolf und seine Leidensgenossen scheinen an diesem Ort vergessen worden zu sein.

Karen Haubenreisser und ihre Familie will das nicht auf sich beruhen lassen: Sie schreibt an die Klinikleitung, bittet darum, die Gräber wieder herzurichten und eine Gedenkstätte auf dem Gelände einzurichten. Eine Antwort bekam sie bisher nicht. Doch jetzt verspricht Krankenhausdirektor Lothar Zimmermann auf Anfrage von Hinz&Kunzt, das ehemalige Leichenhaus des Friedhofes bis Ende Jahr als Gedenkstätte einrichten und die bestehenden Grabplatten pflegen zu lassen. Karen Haubenreisser freut sich über dieses Zugeständnis – aber sie will mehr: „Ich werde mich dafür einsetzen, dass jedes einzelne Opfer des Nationalsozialismus im Mainkofen sichtbar wird und dass die Angehörigen bei der Gestaltung des Friedhofes miteinbezogen werden.“

Text: Adrian Soller
Fotos: Gesche-M. Cordes, Adrian Soller, privat

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