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Spenden reicht nicht, Mr. Gates!

31. August 2010 | Von | Kategorie: 2010: Hinz&Kunzt-Ausgaben 203 – 214, Archiv, Hinz&Kunzt 211/September 2010

Der Hamburger Reeder Peter Krämer über soziales Engagement von Milliardären und warum er dafür ist, dass nicht von Privatleuten bezahlte Spenden, sondern vom Staat eingenommene Steuern die Gesellschaft am Laufen halten.

(aus Hinz&Kunzt 211/September 2010)

211-KraemerHinz&Kunzt: Herr Krämer, die Milliardäre Bill Gates und Warren Buffet rufen in den USA Reiche dazu auf, mindestens die Hälfte ihres Vermögens für wohltätige Zwecke zu spenden. Das ist ein Zeichen dafür, dass Menschen mit viel Geld sich für die Gesellschaft einsetzen. Sehen Sie das anders?
Peter Krämer:
Das sehe ich grundlegend an­ders. In Amerika können Sie quasi wäh­­len, ob Sie Steuern zahlen oder spen­den. Das amerikanische Steuersys­tem ist bei Spenden wesentlich großzü­giger, dort können viel größere Teile des Einkommens als Spende von der Steuer abgesetzt werden. Viele Reiche benutzen auch Stiftungen, um die hohe Erbschafts­steuer zu umgehen.

H&K: Aber Bill Gates und Warren Buffett wollen doch mit ihrem Geld Gutes tun.
Krämer: Ich kenne weder Herrn Gates noch Herrn Buffett persönlich. Aber ich glaube, beide sind Menschen, die Gutes wollen, aber dabei auch an ihr eigenes Ego denken. Sie geben ihr Geld nicht den amerikanischen Gemeinden, die unter einer unglaublichen Geldnot leiden, sondern verteilen es nach eigenen Vorlieben. Bisher hat kein Mensch veröffentlicht, wofür die eigentlich spenden wollen.

H&K: Die Milliardäre sagen, sie spenden für gemeinnützige Zwecke.
Krämer: Bei so riesigen Summen drängt sich mir die Frage auf, ob diese Leute nicht den demokratisch legitimierten Staat aushöhlen. Ich kann doch nicht einfach einen Staat im Staate gründen und solche Milliardensummen bewegen, wie ich will. Ich handele zwar gemeinnützig und aus höchst ehrenwerten Motiven, aber ich setze eigene Prioritäten anstelle demokratischen Volkswillens.

H&K: Sie setzen also auf den Staat anstatt auf private Initiativen?
Krämer: Spenden und Stiftungen sind ungeheuer wertvoll, aber sie können immer nur eine Ergänzung sein, um unser Ge­meinwesen schön zu gestalten. Die Daseinsfürsorge des Gemeinwesens muss durch den Staat gewährleistet werden. Damit meine ich, dass auch ein Hartz-IV-Empfänger mit seiner Familie ins Schwimmbad gehen kann. Jeder will gute Straßen, gute Krankenhäuser, gute Schulen, eine funktionierende Infrastruktur. Wenn jeder das will, muss das aus Steuergeldern bezahlt werden.

H&K: Setzen Sie sich deshalb für eine höhere Vermögenssteuer ein?
Krämer: Genau. Ich persönlich sehe überhaupt nicht ein, dass in Frankreich, Großbritannien, USA oder Japan drei- oder viermal so viel Steuern auf Vermögen bezahlt werden wie in Deutschland. Wenn wir nur auf den europäischen Durch­schnitt gehen würden, hätten wir jedes Jahr zusätzliche Steuereinnahmen im zweistelligen Milliardenbereich.

H&K: Sie engagieren sich für Unicef und ha­-ben das Projekt Schulen für Afrika angestoßen. Wo ist der Unterschied zu Bill Gates?
Krämer: Der Unterschied ist sehr einfach. Ich glaube, dass wir keine Alternative zum Primat des demokratischen Staates haben. In Deutschland ist es Aufgabe des Staates, einen Ausgleich zu schaffen zwischen denen, die es dicke haben, und denen, die wenig haben. Es ist nicht Aufgabe von Stiftern, das auszugleichen.

H&K: Aber trotzdem engagieren Sie sich mit Ihrem Geld für Afrika.
Krämer: Der Grund ist: Bildung ist der Roh­stoff des 21. Jahrhunderts. Ich habe mich ja auch für die Schulreform in Ham­burg engagiert, mit meinem Namen und mit Geld. Aber es ist generell ein Privileg, hier geboren und maximal einer relativen Armut ausgesetzt zu sein. Wer in einem halbwegs ordentlichen Elternhaus aufgewachsen ist, eine halbwegs vernünftige Schule und sogar eine Universität besucht hat, der ist privilegiert und hat eine Pflicht, etwas zurückzugeben. In Afrika gibt es absolute Armut.

H&K: Glauben Sie, dass Sie mit Ihren Ansichten unter Hamburger Reichen beliebt sind?
Krämer: Ich habe selten intensiven Kontakt mit meinesgleichen. Ein Hamburger Politiker hat mir vor Kurzem gesagt: „Ihre steuerpolitischen Vorstellungen teilt man in Hamburg ja nicht so, aber man achtet Sie, weil Sie glaubwürdig und beständig sind.“ Ich denke, dass man merkt: Der Kerl macht weiter. Es kann passieren, was will, der Kerl macht einfach weiter.

Interview: Birgit Müller und Hanning Voigts
Foto: Daniel Cramer

Der 59-jährige Reeder und Millionär Peter Krämer und seine „Hamburger Gesellschaft zur Förderung der Demokratie und des Völkerrechts“ riefen 2004 das Hilfsprojekt „Schulen für Afrika“ ins Leben. Die Zusammenarbeit von Unice, zu dessen deutschem Vorstand Krämer gehört, und der Nelson-Mandela-Stiftung ermöglichte einer Million Kinder in elf afrikanischen Staaten, eine Schule zu besuchen. Außerdem wurden 80.000 Lehrer weitergebildet. Bald wird das Projekt die 1000. Schule einweihen.

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