Sorgenkind Sonnenland

Billstedt macht mal wieder Schlagzeilen. Mit Bandenterror, polizeilicher Sonderkommission und einem jetzt doch wieder geförderten Stadtteilprojekt. Genug Gründe, um genauer hinzuschauen
(aus Hinz&Kunzt 196/Juni 2009)


Jürgen Wolff arbeitet ehrenamtlich im „Sonnenland“. Das Projekt will Jugendlichen mehr bieten, aber die Mittel sind knapp
Jürgen Wolff arbeitet ehrenamtlich im „Sonnenland“. Das Projekt will Jugendlichen mehr bieten, aber die Mittel sind knapp

Auf der Straße Sonnenland sind junge Familien zu sehen, keine Intensivtäter. Vom Schulhof sind spielende Kinder zu hören, keine Schusswaffen. Keine bedrohliche Stimmung weit und breit – entgegen der Medienberichte der vergangenen Tage. Dagegen verwahrt sich Anatol Herold auch. Er ist Vorsitzender des Stadtteilprojekts Sonnenland, das zur Pressekonferenz geladen hat. „Das Sonnenland ist kein Hort des Terrors. Hier leben mehr als 4000 Menschen. In organisierten Banden sind wenige Einzelpersonen involviert, die sicher weniger als 0,5 Prozent der Bevölkerung ausmachen.“

Er findet, dass die Familien aus Billstedt und dem Sonnenland Opfer seien. Opfer der Armut: „Mehr als 50 Prozent der Sonnenländer leben von Sozialleistungen.“ Und Opfer des Bildungssystems, „das Kinder und Jugendliche aus bildungsfernen Familien oder mit Migrationshintergrund nicht genug fördert“. Herold sagt auch: „Viele Sonnenländer aller Generationen lassen sich aber nicht entmutigen.“ Er gibt sich kämpferisch.

Einen kleinen Sieg haben er und die Mitarbeiter des Stadtteilvereins vor Kurzem errungen. Seit dem 1. Mai wird ihre Arbeit vom Bezirk Mitte wieder gefördert – mit 30.000 Euro für acht Monate. Vor zwei Jahren waren dem Projekt sämtliche Mittel gestrichen worden, damals 300.000 Euro im Jahr. Ein Zusammenhang zwischen der Streichung und der zugespitzten Situation im Sonnenland heute lässt sich natürlich nicht beweisen. Sicher ist aber: Als plötzlich das Geld fehlte, wurde alles anders. Die fest angestellten Sozialarbeiter mussten sich neue Jobs suchen, das Angebot wurde eingeschränkt, die Arbeit mit Jugendlichen praktisch eingestellt. „Ehrenamtliche allein können das doch gar nicht alles leisten“, sagt Herold. Er freut sich über die vom Jugendhilfeausschuss bewilligten 30.000 Euro. Sie sind eine Anerkennung – aber nicht viel mehr. „Von dem Geld können wir niemanden einstellen“, sagt Herold. „Wenn wir Stellen für den Jugendbereich hätten, könnten wir Jugendliche ab 14 Jahren wieder viel intensiver betreuen.“ So weit die Theorie.

„Hier ist es gar nicht so schlimm.“

Die Praxis lehnt im hinteren Teil des Raumes an einer Wand. Die beiden jungen Menschen – zu alt, um sie Kinder zu nennen, aber Männer sind sie auch noch nicht – versuchen uninteressiert zu gucken. Doch dass sie überhaupt gekommen sind, verrät sie.

Sascha und Mike (Namen der Jugendlichen geändert) erzählen wortkarg, aber bereitwillig, von sich. Sie sind 14 und 15 Jahre alt, und beide sind im Stadtteil aufgewachsen. Von Bandenterror wissen sie nichts, sagen sie. Die Zeitungen, die davon berichtet haben, übertreiben, finden sie. Sascha geht zurzeit nicht zur Schule. Er ist suspendiert worden, weil er „nicht auf die Lehrer gehört hat“. Wenn ihm Fragen nicht gefallen, wird er still und dreht den Kopf zur Seite. Vom Zusammenhalt im Viertel erzählen die Jungs lieber. „Hier kennen sich alle“, sagen sie. Und: „Hier ist es gar nicht so schlimm.“ Zur Schule kann Sascha nicht, ins Stadtteilprojekt, wo er sonst manchmal zum Billard spielen war, auch nicht: Hausverbot. Also hängt er mit seinen „Kollegen“ rum.

„Nette Jungs“, denke ich, als ich das Sonnenland verlasse. Die haben zwar ein paar Probleme, aber da ist anscheinend nichts, was man nicht mit ein paar wohlüberlegten Konzepten wieder hinbiegen könnte.

Zahlen lügen nicht. Die Kriminalstatistik der Hamburger Polizei sagt: Bei den Raubüberfällen, bei Körperverletzungen und bei der Gewaltkriminalität liegt Billstedt hamburgweit auf Platz drei. Getoppt nur von St. Pauli und St. Georg.

1030 Fälle von Körperverletzungen hat die Polizei 2008 in Billstedt erfasst, also fast drei am Tag. 354 Wohnungseinbruchsdiebstähle sind aufgeführt und 986 Sachbeschädigungen. „Wir haben nicht das Gefühl, dass es in Billstedt dramatischer ist als in anderen Stadtteilen“, sagt Polizeisprecherin Ulrike Sweden. Trotzdem ist die Situation in Billstedt eine besondere. Im April dieses Jahres hat die Polizei eine Besondere Aufbauorganisation (BAO) „Sola“ gegründet, besser bekannt als Soko Sonnenland. Grund: „Im Bereich des Billstedter Polizeikommissariats wurden Zeugen eingeschüchtert und Polizisten bedroht“, sagt Sweden. Das gibt es so in anderen Stadtteilen nicht.

Zu einem zweiten Treffen werden Mike und Sascha begleitet. Von Daniel und Phil, die 15 und 16 Jahre alt sind. Die Jungs sind freundlich. Sie beantworten meine Fragen knapp und im Kollektiv.

Autorin Beatrice Blank im Gespräch mit Sonnenland-Kids
Autorin Beatrice Blank im Gespräch mit Sonnenland-Kids

„Hast du schon mal mit der Polizei zu tun gehabt?“, frage ich Mike. Das Kollektiv antwortet: „Ja, klar.“ Jeder von ihnen sei schon mal vor Gericht gewesen. „Wegen Körperverletzung und wegen Raub.“ „Ich nur wegen Raub.“ „Und wenn du älter wirst, kommen die Drogen dazu“, sagt Phil. Er ist der älteste der vier und kann sich am besten ausdrücken. Er macht ein freundliches Gesicht, als er erzählt, was er in den letzten Märzferien gemacht hat: „Ich war Läufer.“ Läufer sein heißt, für andere Drogen von A nach B und Geld von B nach A zu bringen. „Ich war nur unterwegs, und ständig hat mein Handy geklingelt“, sagt Phil. Das sei ihm dann schnell zu stressig geworden und er habe damit wieder aufgehört.

Die vier sind höflich, siezen mich und gehen sparsam mit Kraftausdrücken um. Das Gespräch mit ihnen ist trotzdem schwierig. Sie können sich kaum auf meine Fragen konzentrieren.
Ich frage Sascha, wann er wieder zurück in die Schule kann. Er macht während seiner Suspendierung ein Praktikum. Danach soll es entschieden werden. „Da gehst du eh nie hin“, sagt Mike. „Halt die Klappe“, sagt Sascha. „Ich geh aufs Gymnasium“, sagt Daniel. „Stimmt gar nicht“, sagt Phil. „Ja gut, Gesamtschule.“ „Ich bin schon von zwei Schulen geflogen“, informiert Phil sachlich. Ich möchte auch mal wieder was sagen: „Kennt ihr jemanden, der gern zur Schule geht?“ Die Frage, die ich eigentlich vorher stellen müsste, nämlich ob einer der vier die Schule mag, scheint überflüssig. Tatsächlich: kollektives Kopfschütteln.

„Sascha, gefällt dir dein Praktikum?“– „Ja.“ – Kannst du dir vorstellen, das auch mal beruflich zu machen?“ – „Ja.“ – „Brauchst du dafür einen Schulabschluss?“ – „Ja.“ – „Und wirst du den auch machen?“ – „Kommt drauf an.“ – „Worauf?“ – „Vielleicht werd ich auch Mechaniker.“ – „Braucht man dafür einen Schulabschluss?“ Sascha dreht sich weg und guckt auf den Boden. Ich habe den Faden zu ihm verloren. Von einem Draht mag ich gar nicht sprechen.

„Meistens hängen wir rum“

Ich frage die Jungs nach Hobbys. „Wir spielen Fußball“, sagt Mike. „Ich rappe“, sagt Phil. „Aber meistens hängen wir rum“, sagt Sascha. Mike: „Und manchmal nehmen wir Fahrräder.“ Ich denke: „Wessen Fahrräder?“ und sage nichts. Sascha springt ein: „Er meint unsere eigenen.“

Im Viertel rund ums Sonnenland gibt es praktisch nichts. Nur sehr viele, sehr hohe Häuser. Ich frage bei den Jungs nach, wo sie so hingehen. Ein Café gibt es nicht, sagen sie. Das nächste Kino ist in Wandsbek. „Aber wir haben Stress mit Wandsbek.“ Soll heißen, mit Jugendlichen aus Wandsbek.

Im Sommer könnten sie zum Baden fahren. Sascha und Mike waren manchmal zum Billardspielen in der „Kate“, so nennen sie das Stadtteilprojekt Sonnenland. Aber da hat Sascha ja Hausverbot. Das soll wieder aufgehoben werden, wenn er im Jugendbereich mithilft. Er soll einen Schaden wieder gutmachen. „Wahrscheinlich mach ich das“, sagt Sascha. Und dann: „Aber es ist eh blöd in der Kate geworden.“ – „Was ist anders geworden?“ – „Da sind nur noch Jüngere.“ – „War das früher nicht so?“ – „Früher haben wir immer gewartet, dass wir älter werden und in den Jugendbereich dürfen.“ – „Und jetzt?“ – „Da sind nur noch Jüngere.“ – „Seit wann ist das so?“ – „Seit ein oder zwei Jahren.“

Die Jungs werden ungeduldig, wollen weiterziehen. Vorher wollen sie sich noch in die Büsche schlagen, um geschützt vor den Augen von Phils Mutter eine Zigarette zu rauchen.
Dass die vier so unbekümmert von Raub und Körperverletzung erzählen, lässt mich nicht los.

Eine Frage will ich unbedingt noch stellen: „Warum macht ihr das?“ – „Wegen Geld. Man braucht doch Geld.“ – „Aber wenn man jemanden zusammenschlägt, hat man davon ja noch kein Geld, oder?“ – „Dann kann man aber sein Geld und sein Handy nehmen.“ – „Dann ist es ja Raub, oder?“ Gelächter, das ich nicht einordnen kann. Die vier scheinen nicht wirklich von ihren Taten zu sprechen, sondern vielmehr die Betreffzeile ihrer Gerichtsvorladungen zu wiederholen. Ob ihnen nicht klar ist, dass Raub und Körperverletzung bedeuten, dass das Opfer Schmerzen hat und Angst? Dass ein Mensch vielleicht nie wieder ganz heil wird? „Das, was ihr macht, findet ihr das kriminell?“, frage ich. Die Jungs drucksen herum. Sie kennen die richtige Antwort. Sie sagen: „Nö, macht doch jeder.“

„Jeder ist zu retten“

„Wie soll das weitergehen mit euch? Leute abziehen, Schlägereien, wie lange kann man das machen?“, frage ich weiter. Diesmal keine Gruppenantwort. Nachdenklichere Gesichter. „Wenn man einen Job oder eine Ausbildung hat, muss man das nicht machen“, sagt Mike. „Wer könnte euch helfen, einen Job oder eine Ausbildung zu kriegen?“ – „Das Arbeitsamt. Ach nee, von denen kriegt man nur Hartz IV.“ Dann fällt ihnen nichts mehr ein. „Eltern, Lehrer, Freunde? Sozialarbeiter, Politiker, Pfarrer? Irgendjemand?“, will ich schreien. Stattdessen schweigen wir zu fünft. „Aber mal ehrlich“, sagt Phil plötzlich. „Jeder will legal Geld machen. Jeder.“

Daniels Handy klingelt. Sie wollen jetzt wirklich los. „Dürfen wir gehen?“, fragt Sascha. Auf ihre Lehrer hören sie nicht, von Sozialarbeitern lassen sie sich nichts sagen, Polizisten beeindrucken sie nicht. Doch sie rauchen heimlich im Gebüsch, und bitten mich um Erlaubnis, gehen zu dürfen. Was ist das, das mit dieser Frage aufblitzt? Anstand? Respekt? Der Wunsch, es anderen recht zu machen?

„Sind die noch zu retten?“, frage ich zwei Tage später Volkert Ruhe, den Vorsitzenden des Vereins Gefangene helfen Jugendlichen. „Jeder ist zu retten“, sagt Ruhe, der als Jugendlicher selbst straffällig wurde. Aber auch: „Das ist der Beginn eines verpfuschten Lebens. Es fängt immer mit kleineren Straftaten an.“ Schnell würden die Delikte härter. Und dann? „Knast“, sagt Ruhe. „Irgendwann gibt es kein ‚du, du‘ und keine Bewährung mehr.“

Sein Vorschlag, um das zu verhindern: „Die Eltern sollten aus dem Stadtteil wegziehen.“ Dabei weiß er genau: „Die meisten Familien können sich einen Umzug gar nicht leisten. Die müssen leben, wo sie sind.“ Auf jeden Fall bräuchten die Jungs Eins-zu-eins-Betreuer, die sie tagtäglich treffen. Einmal in der Woche auf den Bolzplatz gehen und hin und wieder ein gutes Gespräch führen – das reicht einfach nicht. Dass es so eine intensive Betreuung nicht gratis gibt, ist auch klar. „Da muss richtig Geld in die Hand genommen werden.“

Text: Beatrice Blank

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