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Smudos Unterbewusstsein

29. April 2010 | Von | Kategorie: 2003: Hinz&Kunzt-Ausgaben 119 – 130, Archiv, Hinz&Kunzt 121/März 2003

Ein Interview mit dem Rapper der Fantastischen Vier

(aus Hinz&Kunzt 121/März 2003 – Die Jugendausgabe)

Smudo, eigentlich Michael B. Schmidt, wird in diesem Monat 35. Der Rapper von den Fantastischen Vier sprach mit uns über Freiheit, kreative Brunnen und darüber, warum er mit Politik eigentlich nichts zu tun haben möchte.

Hinz&Kunzt: Für uns ist Musik ein wichtiger Teil der persönlichen Freiheit. Du hast dich für den Beruf Musiker entschieden. Ist es wirklich so, dass du bei deiner Arbeit ein Freiheitsgefühl auslebst, oder ist Musik für dich ein alltäglicher Job geworden?

Smudo: Nicht das Musik machen ist Freiheit. Freiheit ist, zu machen, was einem gefällt und davon leben zu können. Vielleicht ist Kunst für viele ein Symbol für Freiheit. Ich empfinde es nicht mehr so: Was als Hobby angefangen hat, ist zu meinem Beruf geworden. Wie alles, was von der Exotik zur Routine wird, ist auch das Musikerdasein irgendwann entmystifiziert.

H&K: Fällt es dir schwer, immer noch regelmäßig kreativ zu sein?

Smudo: Also, das ist ein total kompliziertes Thema. Der Mensch ist zunächst einmal von Natur aus kreativ. Schließlich sind wir die Affen, die irgendwann mal die zwei Kisten übereinander gestellt haben, um die Banane zu pflücken. Wenn es zum Beispiel darum geht, sich Gründe auszudenken, warum man dieses oder jenes gerade nicht mit seiner Freundin besprechen möchte, dann ist das auch eine Form von Kreativität. Der Unterschied ist, dass ein Künstler seine Kreativität gezielt irgendwo hinbaut, was eine gewisse Disziplin erfordert. Ich brauche heute allerdings mehr Disziplin als früher, behascht im Jugendzimmer. Da war das Pflichtleben die Schule, und die Kreativität war Rebellion und Freiheit. Jetzt ist es genau andersherum. Heute muss ich mich dazu zwingen, jeden Tag einige Stunden lang irgendetwas zu schreiben, egal was.

H&K:Aber hat man nicht irgendwann das Gefühl, alles schon einmal gesagt zu haben?

Smudo: Nein. Dadurch, dass man älter wird und immer noch ständig neue Erfahrungen macht, bekommt man immer neue Ideen. Innerhalb der Band haben sich darüber hinaus die Beziehungen nivelliert, jeder lebt sein eigenes Leben. Was auch ein Motor für neue Impulse ist.

H&K: Woher nehmt Ihr in der Band außerdem eure Inspiration?

Smudo: Ich finde das Bild schön, wenn man sagt, man hat einen kreativen Brunnen, aus dem man eimerweise Ideen schöpft. Dieser Brunnen muss gezielt gefüllt werden. Da gehen wir als Band mittlerweile sehr professionell vor. Jeder von uns bringt seine eigene Musik, Bücher und Filme mit. So etwas bringt viel aus dem Unterbewusstsein hervor.

H&K:Wenn Ihr so sehr auf das Unterbewusstsein setzt, wie kommt dann eine bewusste Message in eure Musik?

Smudo: Es ist wichtig, dass mein Gefühl mit der Musik zusammenpasst und dadurch hörbar wird. Die Message steht für mich dabei eher im Hintergrund. Bei MFG („Mit freundlichen Grüßen“ – Erfolgssingle aus dem Album 4:99) war es zum Beispiel so, dass wir uns erst im Nachhinein überlegt haben, welche Aussage der Song haben könnte. Wichtiger für mich ist, dass die Songs in Gemeinsamkeit entstehen, damit der Soul in der Musik stimmt.

H&K: Ihr arbeitet gerade an einem Album, das voraussichtlich Ende dieses Jahres erscheinen wird. Wie wird es deiner Meinung nach ankommen?

Smudo: Egal wie das Album aussieht – nur wenn du mindestens eine Single drauf hast, die signalisiert, da kommt was Neues, kann es ein Erfolg werden. Wenn es bei uns diesmal nicht so gut läuft, dann verkaufen wir 100.000, und wenn es gut läuft, werden es 300.000. Mit mehr ist nicht zu rechnen. Die Zeiten sind hart.

H&K: Woran liegt das?

Smudo: Es gibt immer mehr Leute, die Musik nur als Hintergrundberieselung in Anspruch nehmen und denen Radio und Fernsehen ausreichen. Wer sich darüber hinaus interessiert, zieht sich Songs aus dem Internet oder hat einen CD-Brenner. Der moralische Wert der Musik ist stark gesunken, und keiner kauft mehr Platten. Die Tonträgerindustrie lässt sich meiner Meinung nach nicht mehr retten, worunter vor allem die Künstler leiden, denen die Einnahmen bald nicht mehr zum Leben reichen.

H&K:Kommerziell gesehen ist Hip-Hop weit weniger hip als noch vor einiger Zeit. Es scheint keine neuen Impulse mehr zu geben. Wie sieht die Zukunft der Rapmusik aus?

Smudo: Dadurch, dass Rapmusik sich gut mit anderen Stilrichtungen kreuzen lässt, wird sie eine relativ hohe Überlebenschance behalten. Deutscher Hip-Hop speziell dreht sich allerdings im Moment sehr im Kreis. Ich habe zurzeit nichts auf der Uhr, was ich für unser Label Four Music gerne signen würde. Entweder es ist langweilig oder es ist zu speziell, um es vermarkten zu können. Aber ich glaube an Zyklen. Deutsche Musik ist nicht tot, sie ist nur gerade nicht populär.

H&K: Bei der letzten Bundestagswahl hast du dich für Rot-Grün eingesetzt. Hast du vor, dich auch in Zukunft politisch zu engagieren?

Smudo: Nee, ich bin sogar der Meinung, die Fantas sollten nichts mit Politik zu tun haben.

H&K: Warum nicht?

Smudo:Weil wir keine politische Band sind. Wir sind zwar politische Menschen und haben jeder unsere eigene Meinung, aber wenn unsere Musik in einen politischen Kontext gestellt wird, sehe ich unsere künstlerische Freiheit gefährdet. Politik ist mir zu schlammschlachtig, damit will ich nichts zu tun haben. Ich möchte nicht auf eine politische Aussage festgenagelt werden, die ich mal in der Öffentlichkeit zu einem bestimmten Thema gemacht habe, in dem ich eventuell gar nicht kompetent bin. Die Leute sollen mich nach meiner Musik beurteilen und nicht nach meiner politischen Meinung.

H&K: Warum hast du dich dann für Rot-Grün engagiert?

Smudo:Bei der Wahl bin ich über meinen Schatten gesprungen, weil mir die Kombination Stoiber – Beckstein so brutal Angst gemacht hat. Sie stehen für ein überholtes Gesellschaftsbild, das schwarze, asiatisch und südländisch aussehende Menschen nicht selbstverständlich als Deutsche akzeptiert. Ich habe in meinem Bekanntenkreis viele, die dadurch regelmäßig Probleme haben. Meiner Freundin, die schwarze Deutsche ist, wird an der Kasse im Supermarkt oft nicht geglaubt, dass die EC-Karte wirklich ihr gehört. Da wird grundsätzlich angenommen: Die bescheißen mich doch, die Bimbos. Das ist Rassismus! Und ich denke, dass vor allem die Grünen da für eine moderne, offene Politik stehen.

H&K: Du hast mit den Fantas bereits sehr viel Erfolg gehabt. Wird es so weitergehen oder kommt demnächst ein bürgerliches Leben?

Smudo: Das Thema sitzt einem natürlich im Nacken. Andererseits ist Hip-Hop noch zu jung, als dass man Beispiele dafür hätte, wie sich ein alter Rapper verhalten sollte. Wir werden sehen, wie es sich anfühlt, mit dem neuen Album auf Tour zu sein, und das wird darüber entscheiden, wie es weitergeht. Wenn es gut läuft, machen wir weiter, wenn nicht, dann haben wir natürlich auch unser Label, an dem wir noch einige Jahre arbeiten können. Ansonsten schreibe ich gerade an einem Drehbuch – das ist aber bisher ein ungelegtes Ei. Langfristigere Planungen gibt es noch nicht.

Interview: Marco Kasang, Neil Huggett und Philipp Ratfisch

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