Sing mir das Lied vom Dorsch

Als Kind half Eddy Winkelmann im Wilhelmsburger Fischgeschäft seiner Großeltern, später lernte er Feinmechaniker, arbeitete in einer Druckerei, er studierte, und Seemann war er auch. Nur der Musik blieb er treu. Wenn er spielt, dann „volle Kanne“, egal ob vor 15 oder 150 Leuten.

(aus Hinz&Kunzt 232/Juni 2012)

Als Kind machte Eddy Winkelmann mit Mama und Papa Hausmusik. Der Spaß am gemeinsamen Musizieren blieb. Seit 1988 steht der 55-Jährige mit seiner Band auf der Bühne.

Es nieselt, und ein feuchter Film legt sich über alles. Über die struppig-grauen Büsche am Straßenrand, die abgestellten Lkw-Hänger, die lang gestreckten Hallen, zwischen denen Gabelstapler kurven. Hier auf der Peute hat der Musiker und Songwriter Eddy Winkelmann im Gebäude ­einer ehemaligen Werft seinen Probenraum. „Schade“, sagt er und zieht die Gardine wieder zu. „Hätte gerne die Gegend gezeigt. Ist nämlich wildromantisch hier: Industrie und Natur gleichzeitig, weil die Elbe liegt vor der Tür.“ Tee? Einen grünen Tee vielleicht?

Eddy Winkelmann setzt erst mal Wasser auf. Gitarren, überall lümmeln Gitarren ­herum. Auf den zwei Rechnern ist gerade ein Soundprogramm aufgespielt. Mi­krofone stehen bereit. „Das ist hier mein Kreativraum“, sagt er. Hier textet und komponiert er seine Lieder über den einsamen Dorsch an Land, über Hausfrauenmusik und den Klacks Sahne auf dem Keks; über das Glück, das manchmal himmelblau und kaum zu fassen ist. Hier nimmt er mit seiner Band die akustischen Gitarren und die Gesangsstimmen auf. Mit dem Material gehen sie dann später ins Studio.

Er kommt von drüben, von der ­Insel, von Wilhelmsburg, ist dort 1957 geboren. Die Eltern: Wilhelmsburger. Deren Eltern: Wilhelmsburger. Er gießt den Tee auf, lässt den Beutel hoch und runter wippen, während er anfängt zu erzählen: „Meine Großeltern hatten ein Fischgeschäft; fischiger ging’s nicht. In den Ferien bin ich frühmorgens um vier Uhr aufgestanden und dann mit Opa zum Fischmarkt gefahren, rüber nach St. Pauli. Durch den alten Freihafen, wo die Straßenbahn noch fuhr, die Elf und nachher die Drei. Morgens um acht musstest du wieder im Laden sein, das Auto war voller Heringe – für mich war das ein geiler Job.“

Und später die Jugendjahre? Na ja, ging so. Er holt tief Luft und sagt: „Wenn ich so daran denke – schrecklich! Es war die Zeit, wo ich mit nichts ­zurecht kam, auch nicht mit den Mädels. Eine Kreidler war angesagt und Sport natürlich. Aber alles andere … schon gar nicht Schule …“ Er nuschelt das so weg, drückt den Teebeutel mit einem Löffel aus, reicht den Becher. Jedenfalls – ­damals kam er zur Gitarre. Brachte sich das Spielen bei. Viel Moll-Akkorde, lange nur Moll. Erst später kam Dur dazu.

Er geht zunächst aufs Gymnasium. „Aber das sagte man nicht. Man sagte: Oberschule!“ Lange ist er dort nicht. „Ich war damit total überfordert; ich war noch nicht so weit.“ Nach einem halben Jahr ist Schluss und Eddy wechselt auf die Realschule, die damals natürlich Mittelschule hieß. „Dass ich da wieder runter musste, das war okay. Das wurde von meinen Eltern auch überhaupt nicht als eine Niederlage angesehen. Da hieß es: ‚Das war auch nix für ihn.‘“ Und Eddy Winkelmann spricht mit leicht verstellten Stimmen nach, wie man damals in der Wilhelmsburger Nachbarschaft über das Gymnasium redete: „Du, da werden die Kinder morgens mit dem Auto gebracht! – Nee! – Doch! – Nich’ mit dem Fahrrad? – Mit dem Auto! – Na, da gehört der Eddy auch nich’ hin.“ Er ist jedenfalls froh, dass er den Druck los ist.

Die Grundlagen für seine Musikalität sieht er in seinem Elternhaus: „Meine Mama hat Akkordeon gespielt. Mein Papa konnte zwar kein Instrument, aber er hat wunderbar laut und falsch gesungen, ohne jede Hemmungen. Und zu Weihnachten musste man sich Gedichte und ­Geschichten ausdenken und aufsagen – ein Achtzeiler war Pflicht, ein Vierzeiler Minimum, und das atmest du alles so mit ein.“ Anfangs, Eddy lernt noch fleißig Griffe und Akkorde, spielt er zusammen mit seiner Mutter: „Das hat ihr gut gefallen, und das hat auch gut Spaß ­gemacht.“ Aber es soll ja nicht bei Hausmusik bleiben. Er sucht sich Kumpels zum Mitspielen, steht plötzlich das erste Mal auf einer Bühne. Und dann noch mal. Aber daraus einen Beruf machen? Nein, lieber was Ordentliches lernen, ein Handwerk.

Nach der Schule macht er eine Lehre als Feinmechaniker, arbeitet danach bei einer Firma, die Kopierer herstellt, seinerzeit eine große Sache. „Das war geil, aber ich war überfordert, wenn ich ehrlich bin. Das Unternehmen war völlig amerikanisiert, ich hab da so Führungskurse gehabt. Ich war vielleicht 24, 25 Jahre alt – und musste plötzlich 40-, 45-Jährigen sagen, dass ihre Tagesberichte nicht okay sind. Dass sie die bitte noch mal machen müssen. Das war sehr unangenehm.“ Doch als Kunden hat die Firma die Reederei Hamburg-Süd: „Der Chef hatte immer einen kalten ­Zigarrenstummel im Mund und war wie ein Papa, so ein Urhamburger.“

Der junge Eddy Winkelmann klagt ihm immer wieder, dass er zwar viel Geld verdienen würde, aber kreuzunglücklich sei – und dass er aufhören ­wolle. „Irgendwann sagte der zu mir: ,Wenn du wirklich aufhören willst, dann guck dir doch die Welt an. Und rutsch nicht gleich in die nächste Katastrophe, sondern heuer richtig an – mit einem ordentlichen Seefahrtsbuch.‘“ Er kümmere sich darum. Und das tat er auch. Eddy fährt mal mit der Cap San Die­go, mal mit der baugleichen Cap San Nikolas. Sein Job: Erst oben dem Funker helfen; später bedient er die ­wenigen Gäste, die mit an Bord sind. Hat viel Zeit, aufs Wasser zu schauen, den Horizont zu suchen. Nach Brasilien geht es, nach Montevideo: „Du konntest da aussteigen, Urlaub machen, also dir das Land anschauen und dann mit dem nächsten Schiff wieder zurück – und das habe ich so ein paar Monate gemacht.“

Danach geht er wieder zur Schule, studiert Sozialpädagogik – zweiter Bildungsweg sagte man dazu. Aber da ist ja noch die Musik. Immer ernsthafter betreibt er die. 1988 steigt er langsam ins Konzertgeschäft ein. Corny Littmann macht auf der Reeperbahn sein „Schmidt“ auf, und Eddy Winkelmann spielt dort mit seiner Band. Erst dann und wann, dann regelmäßig. „Vorher war der Kiez tot. Nicht wie heute, wo da das Leben tobt. Da gab es nichts außer Spielhallen und Tittenbars, und wenn du da falsch warst, hast du nur auf die Fresse gekriegt.“ Zum Wochenende spielen sie zuerst im Schmidt, dann oben im Nightclub, und dann gibt’s ja noch die Mitternachtshow. Daneben hat er aber noch einen ganz normalen Job.

„Ich hab damals in einer Druckerei gearbeitet. Auch sonntags dauerte das Spielen bis zum Morgen, sodass ich am Montag grundsätzlich mit roten Augen in die Firma kam. Und Freitag war ich immer schon so gut wie weg.“ Sein Chef nimmt ihn sich zur Brust: „Der hat gesagt: ‚Du, das mach ich nicht mehr mit. Ich find das ja toll, was du machst, also nimmst du dir ab jetzt Montag frei und Freitag auch.‘“ Eine Drei-Tage-Woche, das passt Eddy ­damals natürlich. Nur muss er nun zusätzlich mit seiner Musik mehr Geld verdienen als zuvor. In ihm reift der Plan, sich als Musiker ganz selbstständig zu machen: „Am Anfang ist das Eis echt dünn, da spielst du überall, da nimmst du jeden Auftritt mit, ob der sich rechnet oder nicht, und meistens rechnet es sich nicht. Da hängt dir die Zunge aus dem Hals – aber du spielst.“ 1992 meldet er sich bei der Künstlersozialkasse  an und ist nun ganz amtlich – Künstler.

Hat er es heute geschafft? „Geschafft?“, kommt das Echo und er kaut lange auf dem Wort herum. „Was heißt ‚geschafft‘? Meine Idee war immer: Wenn ich von der Musik leben könnte, das wäre super, das wäre passgenau. Aber eine große Karriere – hab ich nix dagegen, aber es muss nicht sein.“ Und so gibt es sie bis heute, auch nach einem Schwung CDs, auch nach diversen ­Radiokonzerten, auch wenn er auf die Hilfe der Plattenfirma seines Kumpels Stefan Gwildis zurückgreifen kann, ­die Höhepunkte und die weniger gelungenen Abende, wenn er durch das Land tourt: „Du kommst in den Saal, da ­sitzen da 15 Leute; da spielst du trotzdem volle Kanne, ist doch klar.“

Denn es gibt eben auch die Überraschungen wie neulich in Paderborn: „Du fährst durch die Stadt; süß, schick ist die, aber du siehst kein Plakat von dir, kein einziges. Du gehst ins Café, nimmst dir die Zeitung von heute, guckst bei den Veranstaltungen nach – nichts. Das mit der Werbung haben die wohl ­vergessen. Oha, denkst du: Das wird ­eine harte Nummer! Aber abends stehen da 150 Leute!“ Warum der eine Abend ein Flop und der nächste Abend top wird, er schüttelt den Kopf: „Ich weiß bis heute nicht, woran das liegt.“ Eines aber weiß er: dass er Musik ­machen will, Musik machen muss.

So – genug gequatscht: „Gehen wir was essen?“ Er kennt um die Ecke eine Kantine. Eine, wo richtig die Arbeiter und Angestellten aus den ­umliegenden Betrieben Mittag machen. Im Country-Style, mit schweren ­Tischen, wo eine wortkarge Bedienung im Kittel die Bestellung auf einen Block schreibt, und Besteck nimmt man sich selber. Und wir reden und Eddy erzählt, über seinen Sohn und was für ein Glück es ist, Vater zu sein, er hatte damit gar nicht mehr gerechnet, einfach toll sei das und dass er das Leben viel entspannter sieht seitdem. Das Essen kommt: ein Auflauf im Tontopf, so heiß, dass wir kurz fürchten, er könne ein Loch in die Tischplatte brennen. Draußen nieselt es noch immer.

Text: Frank Keil
Foto: Benne Ochs

Termine: 1. Juni: Honigfabrik, Industriestr. 125, 20 Uhr; Radiokonzert NDR, Tickets: 15 Euro; 9. Juni: Ballinstadt Auswanderermuseum, Veddeler Bogen 2 – im Rahmen von „48h Wilhelmsburg“, 20 Uhr, Eintritt frei; 13. Juni: Open-Air-Festival Bunthausspitze, Moorwerder Hauptdeich 33, 17 Uhr, Eintritt frei

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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