Sie zahlen für unser Shirt

Seit Jahren behaupten Discounter, sie würden sich um die Arbeitsbedingungen der Näherinnen kümmern, die in Ländern wie Bangladesch Kleidung für sie fertigen. Eine neue Studie zeigt: Besser wird vor allem die Werbung.

(aus Hinz&Kunzt 228/Februar 2012)

Was vom Tage übrig bleibt? Viel zu wenig. Wie bei der Frau, die sagt: „Bei einem Arbeitstag von 16 Stunden bleiben mir täglich vier Stunden, um mich um meine Kinder und den Haushalt zu kümmern. Ich bin vollkommen erschöpft. Doch ich bin auf die Arbeit angewiesen.“
Die Frau ist eine von 162 Näherinnen in einer Fabrik in Bangladesch, die Bekleidung für Lidl und KiK produzieren und die die Kampagne für Saubere Kleidung (CCC) 2011 in zehn Zulieferbetrieben von Aldi, Lidl und KiK in Bangladesch zu ihren Arbeitsbedingungen befragte. Die CCC konfrontiert die Discounter seit fünf Jahren mit massiven Arbeitsrechtsverletzungen in der Textilproduktion in Billiglohnländern. Auch Hinz&Kunzt berichtete über Lohndumping und Ausbeutung von Arbeiterinnen in KiK-Zulieferbetrieben.

Nun recherchierte CCC, ob sich die Bedingungen verbessert haben. Viele Näherinnen erhielten von ihren Chefs Drohungen, wenn sie mit Kampagnen-Mitarbeitern reden wollten. In einer Zulieferfabrik von Aldi musste die Untersuchung zum Schutz der Arbeiterinnen sogar abgebrochen werden.
Die Ergebnisse der Recherche sind erschreckend: Menschenunwürdige Arbeitsrechtsverletzungen, Diskriminierungen und sexuelle Ausbeutung gehören weiterhin zum Alltag der Näherinnen. Die meisten besitzen keinen Arbeitsvertrag und wissen nichts von ihren Rechten, in keiner der besuchten Fabriken gibt es einen Betriebsrat.

40 Prozent der Befragten berichten, dass sie monatlich mehr als 45 Überstunden leisten müssen. Die Mehrheit von ihnen arbeitet zwischen 13 und 15 Stunden täglich, an sieben Tagen die Woche. Die Konventionen der Internationalen Arbeitsorganisation ILO erlauben hingegen nur 48 reguläre Arbeitsstunden in der Woche plus maximal zwölf Überstunden.

Trotz der harten Arbeit erreichen die meisten Arbeiterinnen nur einen Monatsverdienst zwischen 30 und 40 Euro, jede Zehnte verdient 27 Euro oder weniger. Um eine vierköpfige Familie zu versorgen, sind aber 100 bis 200 Euro nötig.

Hinz&Kunzt konfrontierte Aldi, Lidl und KiK mit den Vorwürfen. Die Presseabteilungen der Unternehmen schickten jeweils eine lange Mail – allerdings ohne konkrete Antworten auf unsere Fragen. Stattdessen der Hinweis um stetiges Bemühen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Aldi weist darauf hin, dass der Konzern der freiwilligen, internationalen Business Social Compliance Initiative (BSCI) beigetreten sei, um dauerhaft „soziale Standards in den Lieferländern“ einzuführen. Lidl setzt unter anderem auf die „Durchführung qualifizierter Schulungen und Trainingsmaßnahmen für ausgewählte Hersteller“, genau wie das Unternehmen KiK, das „eine 100-prozentige Auditierungsquote“ seiner Lieferanten in Bangladesch vermeldet. Weiter heißt es: „Damit haben wir zwar die Zustände noch nicht verbessert, aber verfügen über Transparenz, kennen die bestehenden Schwächen und können diese gezielt angehen.“

Für die CCC ist die BSCI nicht mehr als ein Schutzschild, hinter dem sich Unternehmen verstecken können, um nicht selbst Verantwortung zu übernehmen. Genau wie die Schulungen und Audits für Mitarbeiter, die Lidl und KiK in ihrer Stellungnahme anpreisen. „Wir erkennen das Bemühen der Unternehmen an“, so Sandra Dusch Silva, Referentin der Christlichen Initiative Romero, einer Trägerorganisation der CCC. „Zu einer wirklichen Verbesserung der Arbeitsbedingungen der Näherinnen führen diese Schritte aber nicht. Aldi Lidl und KiK hängen sich damit ein Sozialmäntelchen um.“ Die CCC fordert von den Discountern, ihrer Sorgfaltspflicht nachzukommen, die Zahlung eines existenzsichernden Lohnes einzuführen, die Struktur ihrer Lieferkette offenzulegen und dafür zu sorgen, dass Lieferanten die Gesetze einhalten.

Was genau die Discounter in Zukunft dafür tun wollen, verraten sie in ihren Mails an Hinz&Kunzt nicht. Dafür spricht Lidl von „einer Herausforderung für alle Unternehmen der Handelsbranche“ und Aldi räumt ein, „dass der Aufbau von Strukturen zur Einführung und zuverlässigen Überprüfung von Sozialstandards entlang der Lieferketten ein langfristiger Prozess ist“. Genau. Viel zu lang für die betroffenen Arbeiterinnen.

Text: Maren Albertsen

Infos zur Studie und zur Kampagne für Saubere Kleidung unter www.sauberekleidung.de. Lesen Sie außerdem die ausführlichen Antworten von Aldi, Lidl und KiK auf unsere Fragen sowie unsere Berichte zum Thema KiK unter www.hinzundkunzt.de/KiKundCo

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