Seemann allein zu Haus

Ivan Gorelik ist Opfer der Finanzkrise. Der weißrussische Seemann und sein Schiff wurden von seinem Reeder im Stich gelassen – ohne Lebensmittel und ohne Geld

(aus Hinz&Kunzt 193/März 2009)

Die Finanzkrise ist in den Häfen angekommen. Fünf Schiffe wurden allein in Norddeutschland von ihren Reedern aufgegeben, so viele wie noch nie. Birgit Müller begleitete Ulf Christiansen, den Hamburger Inspektor der Internationalen Transportarbeiter-Gewerkschaft (ITF), bei seinem Besuch auf dem Frachter „Rosethorn“.

Wir werden schon erwartet am Südkai von Brunsbüttel. Ivan Gorelik ist eigentlich nur Erster Offizier auf der „Rosethorn“, aber er hat in der Kapitänskajüte für uns gedeckt. Zu anderen Zeiten wäre das undenkbar gewesen. Jetzt ist das kein Problem mehr. Denn seit Weihnachten ist der 47-jährige Weißrusse Kapitän und Schiffsjunge in einem – und mutterseelenallein.
Am 24. Dezember vergangenen Jahres wurde der vierköpfigen Restbesatzung in einem Telex lapidar mitgeteilt, dass die Reederei pleite sei und dass man ihnen „aus moralischen Gründen“ den Heimflug bezahle. Auf die Heuer von November und Dezember und weitere Lebensmittel müssten die Männer allerdings verzichten. Die Kollegen reisten ab. Ivan Gorelik blieb, zumal sein Vertrag bis Ende Januar lief. „Ich gehe nicht von Bord, bis ich das Geld kriege“, sagt der erfahrene Seemann.
Genau richtig, sagt Ulf Christiansen. „Wir raten allen Seeleuten, bei solchen Konflikten das Schiff nicht zu verlassen“, so der ITF-Inspektor, der für die Häfen Hamburg, Brunsbüttel und Stade zuständig ist. „Später wird es schwierig zu beweisen, dass man ein Recht auf das Geld hat, und womöglich behauptet der Reeder noch, der Seemann habe seine Arbeitskraft ja gar nicht angeboten.“
Einsame Zeiten für Gorelik, auf den zu Hause seine Frau, sein Sohn und seine Tochter warten. Früher hat er als Fischer und Seemann gearbeitet, als er heiratete, suchte er einen Job an Land. „Ich hatte mir immer gewünscht, dass ich nicht mehr zur See fahren muss, wenn ich Kinder habe“, sagt er. Aber das Geld reichte hinten und vorne nicht, und er musste wieder anheuern. Und jetzt das!
Seit August 2008 ist er an Bord des Stückgutfrachters, die ganze Zeit am Südkai in Brunsbüttel. Denn kurz bevor er kam, war das Schiff im Nord-Ostsee-Kanal havariert – Motorschaden.

Jetzt kommt die internationale Finanzkrise ins Spiel. „Noch vor einem Jahr wäre das nicht so ein Problem gewesen“, sagt ein Branchenkenner. „Damals lagen die Frachtraten zwei- bis dreimal so hoch wie heute.“ Die Banken hätten schneller den fehlenden Kredit für die Reparatur gewährt. Denn das Geld wäre schnell wieder eingefahren gewesen.
Auch die anderen vier Schiffe, die derzeit aufgegeben in norddeutschen Häfen liegen, gehören kleinen Reedern, so Christiansen, viele aus dem osteuropäischen Raum, „die wohl nicht das nötige Polster haben, um eine Krise zu überstehen“.
Offensichtlich konnte auch der Reeder der „Rosethorn“ sein Pech nicht glauben. Bis September bekamen die Seeleute ihre Heuer noch normal ausbezahlt. „Im Oktober kam die Heuer verspätet“, sagt Gorelik. „Kann ja mal vorkommen“, habe er damals gedacht. Doch dann blieb die Heuer für November und Dezember aus. Jetzt ist der Seemann pleite. Wenn der Seemannsdiakon Leon Meier nicht wäre, der ihn mit Lebensmitteln versorgt, wüsste er nicht, wovon er leben sollte.
Schlimm ist für Gorelik, überhaupt auf Hilfe angewiesen zu sein. Noch schlimmer: „Man kann leben, ohne zu essen, ohne zu trinken, selbst ein Unwetter kann man überleben, aber ohne andere Menschen kann man nicht leben“, sagt er, und man spürt, dass er am liebsten zu Hause wäre, in dem kleinen Ort, 120 Kilometer entfernt von Minsk.
Gorelik kann von Glück reden, dass er hier am Südkai Willi Derewonko kennengelernt hat. Der 42-jährige Pole ist Decksmann auf der benachbarten „Hammelwarden“. Und hilft dem Seemann aus Weißrussland, wo er kann. Unter anderem übersetzt er für ihn und kocht heute für den Besuch. Abends gehen die beiden manchmal zusammen in die Seemannsmission, um mal unter Leute zu kommen.

Thema Nummer eins am Tisch: Weiß jemand etwas über den Reeder? Der Mann aus Kroatien, dessen Reederei in Lettland registriert ist und der sein Schiff unter der Billig-flagge von St. Vincent and the Grenadines fahren lässt, ist nicht mehr zu erreichen. Nicht für den Seemann und auch nicht für Ulf Christiansen. Gorelik seufzt schwer, als Christiansen und der Diakon der Seemannsmission konstatieren: Der Reeder ist offensichtlich abgetaucht.
Aber Christiansen hat auch gute Nachrichten mitgebracht. Er hat Kontakt aufgenommen mit der europäischen Vertretung des karibischen Flaggenstaates. Und obwohl St. Vincent eine Billigflagge ist, fanden die Vertreter der dortigen Schifffahrtsbehörde es nicht lustig, dass der Reeder sein Schiff aufgegeben hat. „Wir hoffen, dass die jetzt den Owner an die Hammelbeine kriegen“, sagt Christiansen in seinem Misch-Slang. Will heißen: Sie wollen ihn ausfindig machen und zur Verantwortung ziehen. Aber es kommt noch besser: Die 5867 Euro, die Ivan Gorelik noch zu bekommen hat, werden jetzt als Schulden auf das Schiff eingetragen.
„Wer das Schiff ersteigert, kauft oder verschrottet, muss die Heuer bezahlen“, so Ulf Christiansen. Außerdem will die Vertretung von St. Vincent womöglich auch die Heuerschulden der anderen Seeleute eintragen, wenn sich diese nachweisen lassen. Zum ersten Mal, seit wir an Bord sind, strahlt Ivan Gorelik.
Das könnte auch eine gute Nachricht sein für Ralf Stüben, den Geschäftsführer der Reparaturwerft Cornels. Seine Firma hat die „Rosethorn“ nach der Havarie im Nord-Ostsee-Kanal im August 2008 nach Brunsbüttel geschleppt und wollte einen neuen Motor einbauen. 150.000 Euro sollte das kosten. Sicher ein Riesenbatzen für die kleine Reederei. Und wahrscheinlich einer der Gründe, warum der Reeder abgetaucht ist. Immerhin 100.000 Euro wurden von der Versicherung bezahlt und kamen auch bei Cornels an. Auf den Rest wartet Stüben vergebens. „Wir hatten gleich ein komisches Gefühl und haben die Reparatur dann nicht zu Ende gemacht.“ Das bedeutet: Die „Rosethorn“ ist derzeit auch nicht fahrtüchtig.
Auch Stüben versuchte, den Reeder zu erreichen. Auch unter der Adresse einer kleinen Werft in Lettland, die ihm gehören soll. „Diese Werft scheint Insolvenz angemeldet zu haben“, sagt er. „Unsere Rechnung wurde zurückgeschickt mit dem Vermerk: ‚Damit haben wir nichts zu tun.‘“

Wer der Reeder ist, ob er wirklich Insolvenz angemeldet hat, weiß momentan keiner so genau. Ivan Gorelik kennt seinen Arbeitgeber nicht einmal. Was in Schifffahrtskreisen nicht mehr so ungewöhnlich ist. Gorelik hat den Job über eine Internetagentur bekommen, wie viele Male vorher auch. Er hat ein Formular ausgefüllt und das Flugticket zugeschickt bekommen. „Alles ganz normal.“
Als er Ende August an Bord kam, lag das Schiff schon mit Motorschaden am Südkai in Brunsbüttel. Er weiß nur, dass es die erste Fahrt der „Rosethorn“ unter dem neuen Eigner war, dass das Schiff in Spanien Ladung aufgenommen hatte, Schrott und Stahl, beides war für Polen bestimmt. Als Gorelik ankam, hatten die Auftraggeber die Ladung schon abgeholt.
Ivan Gorelik interessiert jetzt vor allem eins: Wenn
die Heuerschuld geklärt ist, kann er nach Hause fahren. „Wenn es gut läuft auf einem Schiff“, so sagt Gorelik, „dann ist es wie eine Familie.“ Aber eben nur wie eine Familie auf Zeit. „Die wirkliche Familie wartet zu Hause.“ Bleibt nur die Frage, was aus der „Rosethorn“ wird. Bisher hat sich immer noch Ivan Gorelik um den kaputten Frachter gekümmert. Zum Beispiel hat er Alarm geschlagen, als der Heizkessel kaputt ging, echt gefährlich, weil dadurch die Temperatur im Maschinenraum so absinken kann, dass die Rohre platzen.
„Wer will den Schlüssel?“, ruft der Erste Mann an Bord jetzt übermütig in die Runde und schwenkt tatsächlich einen großen Schlüssel. Seine Gäste, Ulf Christiansen, Willi Derewonko und Leon Meier, winken lachend ab. Keiner will die Schlüsselgewalt über den maroden Frachter – und damit die Verantwortung. War ja auch nur ein Scherz.
Und so wird die „Rosethorn“, wenn Gorelik von Bord geht, wohl am Südkai oder im Betriebshafen von Brunsbüttel warten, bis sich eines Tages ein neuer Käufer findet, der all die offenen Rechnungen bezahlt und das Schiff wieder über die Meere schickt.

Birgit Müller

Aufgegebene und arrestierte Schiffe
Die „Rosethorn“ ist eines von fünf Schiffen, die derzeit in norddeutschen Häfen aufgegeben wurden. Juristisch besteht die Möglichkeit, dass die Gläubiger das Schiff arrestieren lassen. Das wird allerdings selten gemacht, denn wer arrestiert, trägt die Verantwortung fürs Schiff und sämtliche Kosten, die nach der Arrestierung anfallen. Bei der „Rosethorn“ hätte sich das für Gorelik nicht gelohnt. Ein anderer Frachter liegt aufgegeben in Wilhelmshaven. Einen aufgegebenen Frachter in Rostock hat die ITF im Namen der Crew arrestiert, einer wurde in Bremerhaven von der Reparaturwerft arrestiert, die Seeleute haben die Heuer über die ITF erstritten. Bei einem anderen Frachter, der in Bremerhaven liegt, sind holländische Kollegen von Christiansen im Einsatz. Mehr Infos zur ITF unter www.itfglobal.org

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