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Schweitzer-Autograf unterm Hammer

6. April 2011 | Von | Kategorie: 2009: Hinz&Kunzt-Ausgaben 191 – 202, Archiv, Hinz&Kunzt 202/Dezember 2009

Sabine Jahn erbte von ihrer Tante einen Brief, den Albert Schweitzer 1963 an diese geschrieben hatte. Jetzt ließ sie ihn zugunsten von Hinz&Kunzt versteigern

(aus Hinz&Kunzt 202/Dezember 2009)

„Ich habe Ihren Brief mit Ergriffenheit gelesen. Sie haben ein schweres Werk gegründet und dürfen feststellen, dass es gelungen ist. Ja, die schwierigen Kinder sind beglückt und dankbar, wenn man sich mit ihnen in der rechten Weise abgibt.“ Diese Zeilen schreibt der Friedensnobelpreisträger Albert Schweit­zer zu Beginn des Jahres 1963. Tütet sie ein und der Brief nimmt per Flugzeug seinen Weg von dem Ort Lambarene im westafrikanischen Gabun, wo Schweitzer ein Hospital betreibt, bis nach Hamburg an der Elbe – zu Dorothea Erichsen. Die hat sich von ihrem großen Idol eine Art Segen für ihr Projekt erbeten: für ihr Waldheim Kinderland.

Herzliche Grüße vom URWALDDOKTOR: Albert Schweitzer schickt Dorothea Erichsen Segenswünsche für ihr Heim für behinderte Kinder. „Meine arme Schreibkrampfhand“, steht in dem Brief, „erlaubt mir leider nicht, Ihnen zu schreiben, wie ich möchte.“

Herzliche Grüße vom URWALDDOKTOR: Albert Schweitzer schickt Dorothea Erichsen Segenswünsche für ihr Heim für behinderte Kinder. „Meine arme Schreibkrampfhand“, steht in dem Brief, „erlaubt mir leider nicht, Ihnen zu schreiben, wie ich möchte.“

Denn Dorothea Erichsen arbeitet seit den 50ern in Lohbrügge bei Bergedorf als Sonderschullehrerin, und das mit Leib und Seele. Doch was ist mit den behinderten Kindern und Jugendlichen in den Ferien und am Wochenende, wenn sich niemand richtig um sie kümmert? Dorothea Erichsen spart emsig – und kauft sich Anfang der 60er-Jahre bei Dassendorf nahe des Sachsenwaldes ein Grundstück von 2000 Quadratmetern; sie lässt darauf ein winterfestes Haus bauen, in dem anfangs zwölf Kinder mit übernachten können, das nach und nach erweitert wird und in dem sie selbst wohnt.
Als Dorothea Erichsen im Jahr 1993 82-jährig stirbt, erbt ihre Nichte Sabine Jahn den Brief: „Der Brief hing immer bei meiner Tante, sie war sehr stolz darauf“, sagt sie. An das Haus hat sie intensive Erinnerungen: „Das war für mich ein wenig ungewohnt, wenn ich meine Tante besucht habe und da waren diese Jugendlichen, die sich oft benommen haben wie Kinder. Damals war man das nicht so gewohnt wie heute; behinderte Menschen wurden ja noch viel mehr versteckt.“
Lange überlegt sie, was sie mit dem Brief machen soll: „Weil er meiner Tante so wichtig war, sollte er nicht einfach so untergehen.“ Eines Tages hat sie die Idee, ihn Hinz&Kunzt zu spenden, in der Hoffnung, dass er
etwas Geld einbringt, wenn er als sogenanntes Autograf versteigert wird: „Ich finde Hinz&Kunzt gut, denn für mich wäre es das Schlimmste, kein Dach über dem Kopf zu haben. Meine Tante hat immer versucht, Gutes zu tun und das macht Hinz&Kunzt ja auch.“
Die Versteigerung übernimmt das Kunsthaus Ketterer, spezialisiert auf wertvolle Bücher, auf Erstausgaben,
Atlanten, Drucke – und Autografen. Im Versteigerungskatalog wird das Schriftstück von Albert Schweitzer beschrieben als „eigenhändiger Brief mit Unterschrift, eine Seite“; dazu geselle sich ein Luftpostumschlag. Außerdem habe der Brief „Klebespuren“.
Und wer könnte sich für so einen Brief interessieren? „Leute, die alles zu Albert Schweitzer sammeln – Fotos, Manuskripte und eben Briefe“, sagt Christoph Calaminus, Experte vom Kunsthaus Ketterer, der die Versteigerung leiten soll. Und außerdem: „Wenn sich so ein Brief nicht verkaufen würde, würden wir es nicht machen.“ Sabine Jahn bleibt skeptisch: „Was, wenn nun niemand den Brief haben will?“
Der Tag der Versteigerung ist da. Manches erzielt einen ordentlichen Gewinn, für anderes interessiert sich keiner. „Nummer 714, Albert Schweitzer, Aufruf 200 Euro“, ruft Auktionator Christoph Calaminus – und sein Assistent  hält eine Plastikhülle mit dem Brief hoch. Es gibt zwei Interessenten.
Auktionator Calaminus steigert selbst mit, beauftragt von einem Sammler aus dem süddeutschen Raum. Kurz geht es hin und her: 200 – 220 – 240 – 260 – da gibt die Frau im blauen Kostüm, die an dem Brief interessiert ist, auf. „280 bei mir“, sagt Calaminus und der Umschlag mit dem Brief kommt wieder ins Regal. Die Sache hat kaum mehr als eine Minute gedauert. Sabine Jahn ist happy. Sollte der neue Besitzer Interesse haben, will sie ihm gern vom Leben ihrer Tante und damit von der
Geschichte des Briefes erzählen. Sie sagt zum Abschluss: „Ich mag es, wenn Din­ge Spuren hinterlassen.“

Text: Frank Keil
Foto: Benne Ochs

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