Schräge Vögel in Schwarz-Weiß

Der Cartoonist Ralf Zeigermann hat einen Hamburg-Kalender exklusiv für Hinz&Kunzt gezeichnet

(aus Hinz&Kunzt 188/Oktober 2008, Das Modeheft)

Ralf Zeigermann liebt schräge Vogel und ist selber einer.

Er sammelt auf seiner Webseite Illustrationen zu James Joyces letztem Roman „Finnegans Wake“ und stellt dazu Fotos alter deutscher Punkbands, gescannte Katalogseiten von Spielzeugautos und Podcasts, in denen überwiegend Unsinn geredet wird. Sein Geld verdient Zeigermann als Art Director in London, aber für Hinz&Kunzt ließ er seiner wahren Leidenschaft freien Lauf und zeichnete zwei Monate lang ganz altmodisch mit der Hand einen Kalender.

„Endlich mal eine Chance, schräges Zeug zu machen, das auch gedruckt wird“, freut sich der 48-Jährige. Zwölf Hamburg-Szenen hat er zu Papier gebracht. Zunächst als Vorzeichnung, dann mit Feder und Tusche auf Karton. Bis zu einer Woche kann das dauern, je nach Komplexität des Motivs. Entstanden sind dabei zwölf Szenen mit typischen Hamburg-Motiven, die Zeigermann mit seinem unverwechselbaren Strich aber gründlich verfremdet hat. Ob Fischmarkt, Davidwache oder Elbphilharmonie: Es wimmelt vor skurrilen Gestalten, Fischköppen und Wesen, die nur aus dem All oder einem Genlabor stammen können.

Jede Zeichnung ist voller Details, die sich nur dem aufmerksamen Betrachter erschließen und ihm dann Staunen oder Schmunzeln entlocken. Auf einem bekannten Hotel am Hafen weht auf einmal die Totenkopffahne, statt der Haltestellen zeigt der U-Bahn-Plan am Bahnsteig ein Labyrinth. Auch der Hinz&Kunzt-Leser und der Verkäufer, die sich auf jeder Zeichnung befinden, sind ungewöhnlich: Der Leser versteckt sich wie ein Detektiv oder Spanner hinter dem Magazin, unter seinem Zylinder und hinter einer dunklen Sonnenbrille. Die Verkäufer, die ja auf Hamburgs Straßen immer gut am Magazin zu erkennen sind, sehen im Kalender wie gewöhnliche Passanten aus. Sie haben die Rolle mit dem Leser getauscht.

Zeigermanns verkehrte Welt ist ein Gegengift zum Alltag des Werbers. „Eigentlich wollte ich Kunst studieren, aber das hat mein Vater verhindert. Er meinte, damit würde ich kein Geld verdienen.“ Zeigermann ist ein guter Sohn und wählt den Kompromiss. Er studiert Grafik-Design und fängt bei der berühmten Agentur GGK in Düsseldorf an. Später geht er nach Hamburg und von dort aus nach London – in den 80er- und 90er-Jahren das Inbild von kreativer Kommunikation.

Heute ist er ernüchtert. „Werbung ödet mich furchtbar an“, seufzt Zeigermann. Austoben tut er sich auf seiner Webseite. An eine Rückkehr nach Deutschland denkt er nicht. „Ich liebe die Schrägheit der Engländer, das Chaos und die Pubs.“ Da gibt es auf jeden Fall eine Schnittmenge mit Hinz&Kunzt.

Sybille Arendt

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