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Wohnungsunternehmen Saga

Grandios bis grottig

12. Juni 2012 | Von | Kategorie: Das Thema

Die Saga wird 90. „Eine sichere und sozial verantwortliche Wohnungsversorgung für breite Schichten der Bevölkerung zu angemessenen Preisen.“ So beschreibt die Stadtentwicklungsbehörde die Aufgabe von Saga GWG. Doch das städtische Unternehmen ist auch zum Goldesel des Senats geworden. Weil die Saga die GWG übernommen hat, zahlt das Unternehmen seit 2007 jährlich 100 Millionen Euro an die Stadt. Seitdem nennt es sich Saga GWG. Geschichten über den Spagat zwischen sozialem Vermieter und gewinnorientiertem Konzern.

Die ersten Häuser

Mehr als die Hälfte der Häuser in der Steenkampsiedlung hat Saga GWG bereits an ehemalige Mieter verkauft.

Ohne die Bahrenfelder Steenkampsiedlung gäbe es die Saga nicht. Max Brauer gründete das Unternehmen, um die ab 1914 errichteten Häuser von einer Baugesellschaft zu übernehmen, die sich finanziell verhoben hatte. Die Gartenstadt galt als Musterbeispiel fürs städtische Wohnen im Grünen, das Wohnrecht wurde hier vererbt. Matthias Raabe wurde in dem Haus im Grotenkamp geboren, in dem er heute noch lebt. 2005 machte die Saga ihm ein verlockendes Angebot: Ob er das kleine Reihenhaus nicht günstig kaufen wolle? Der 57-jährige Fotograf und seine Frau zögerten nicht lange: „Die Saga hat die Häuser viele Jahre lang vernachlässigt, die Mieten aber trotzdem immer wieder erhöht.“ 110.000 Euro zahlten die Raabes für 89 Quadratmeter Wohnfläche und 245 Quadratmeter Land. „Heute würden wir 350.000 Euro dafür bekommen“, sagt Raabe. Inzwischen gehört mehr als die Hälfte der Siedlung ehemaligen Saga-Mietern, insgesamt 461 der 643 Häuser hat die Saga verkauft. Matthias Raabe findet das gut: „Es ist schön zu sehen, dass die Häuser wieder gepflegt werden, und mehr Kinder gibt es auch wieder.“ Stirbt ein Mieter oder zieht weg, verkauft die Saga das Haus gegen Höchstgebot. Hamburgweit bietet Saga GWG derzeit 2477 Wohnungen und Reihenhäuser zum Kauf an. Wer eine Immobilie ­erwirbt, darf nach fünf Jahren weiterverkaufen.

Das sozialste Haus

Saga GWG kann auch sozial. Wie hier in der Lenzsiedlung das Bürgerhaus unterstützt sie in vielen Stadtteilen Projekte.

Seit 2008 hat die Saga GWG ihre Stiftung Nachbarschaft, ausgestattet mit einem Grundstock von 1,5 Millionen Euro. Damit fördert die Stiftung kulturelle und soziale Projekte in den Quartieren, um den Zusammenhalt in der Nachbarschaft zu stärken. Das hat die Saga auch schon vorher getan, zum Beispiel in der Lenzsiedlung. „Die Saga unterstützt uns wirklich sehr und ist für unsere Ideen offen“, erzählt Monika Blaß. Sie ist die Leiterin des Bürgerhauses Lenzsiedlung, das als ­Anlaufstelle für die Quartiersbewohner direkt im Schatten der Hochhäuser steht. Hier ist man sehr gut auf das Wohnungsunternehmen zu sprechen. Schon 1978 hat es ein Jugendhaus ­neben der Siedlung errichtet und dem Trägerverein überlassen. „Damit hat es den Grundstein für unsere Vereinsarbeit gelegt“, sagt die 52-Jährige. Über die Jahre ist aus der kleinen Hütte ein stolzes Bürgerhaus geworden, mit eigenem Café, ­Seminarräumen, einem Kindertreff und vielen Gemeinschaftsräumen. „Wir haben eine offene Tür für alle Bewohner aus dem Stadtteil“, sagt Monika Blaß. Man kann sich hier ­beraten lassen, sich weiterbilden oder Sport treiben. „Die Menschen kommen mit unterschiedlichsten Wünschen und Fragen zu uns und finden Gehör und Unterstützung“, so Blaß. Im Jahr 2010 hat sie über 13.000 Besucher gezählt.

Das höchste Haus

Das höchste Saga-Haus (66 Meter) steht im Osdorfer Born

66 Meter ragt das höchste Haus der Saga GWG im Osdorfer Born in den Himmel. Es ist kein Zufall, dass es so hoch ist, denn es sollten möglichst viele Menschen darin Wohnraum finden. Die in den 1960er-Jahren in Hamburg erbauten Hochhaussiedlungen sollten die Lösung für die damals gravierende Wohnungsnot sein, so auch im Osdorfer Born. Durch groß angelegten sozialen Wohnungsbau hat auch die Saga hier Wohnungen für Tausende geschaffen. Doch mit den Hochhäusern ­kamen die Konflikte, die Konzentration von Menschen ohne Perspektive führte zu Kriminalität, Vandalismus und Gewalt. Was als innovatives Wohnkonzept geplant war, wurde zum Problemfall. 1999 führte die Saga Hausbetreuer ein: Menschen wie Alfred Dudka. Der steht auf dem Balkon im obersten Stockwerk und erinnert sich an seinen ersten Arbeitstag 2007. „Mir ist damals richtig schlecht geworden, als ich das erste Mal da runtergeguckt habe“, sagt er. Der 58-Jährige sitzt seit fünf Jahren in seinem Trainingsanzug in einem Glaskasten vor dem Haus, zweimal am Tag macht er seinen Rundgang, ist Ansprechpartner für die Bewohner. So leistet er seinen Teil für den Frieden in der Straße. Seit er hier arbeitet, habe sich die Lage deutlich verbessert, sagt Dudka. „Wir haben natürlich auch mal einen Schusswechsel hier, wenn Bandenkriege sind“, ergänzt sein Teamleiter Andreas Wellhöfer. Aber mittlerweile komme so etwas nur noch selten vor. Die Jugend­lichen im Haus sagen jetzt auch wieder „Danke“, wenn ihnen jemand die Tür aufhält.

Das schimmligste Haus

In einer versteckten Seitenstraße Wilhelmsburgs zeigt sich, dass Saga GWG ein unangenehmer Vermieter sein kann. Yvonne Obermann und Dirk Matuszczak leben seit September mit ihren Kindern in der Grotestraße. Kurz vor ihrem Einzug beichtet der Vormieter, dass er wegen Schimmelpro­blemen auszieht. Das Paar fordert die Saga auf, diese vor Einzug zu beheben. Eine Sachbearbeiterin antwortet, von Schimmel wisse man nichts. Dann der Schock: „Als wir in der Küche die Tapete runtergerissen haben, war die Wand unter dem Fenster komplett schwarz!“ Auch andere Zimmer sind betroffen. Es folgen Auseinandersetzungen, die bis heute andauern. Die beiden mindern die Miete, die Saga dämmt einige Wände von innen, und die Handwerker sagen: „Das bringt eh nichts.“ Nachbarn erzählen schlimme Geschichten. „Im Winter sind die Wände nass!“, klagt eine Mieterin. Sie habe ständig Kopfschmerzen. „Es geht um unsere Gesundheit“, sagt ihr Sohn. Die Saga verspreche seit Jahren, die Fassade zu sanieren. Eine andere Hausbewohnerin berichtet, sie kämpfe seit langer Zeit mit der Feuchtigkeit, die durch die Wände dringt. „Ab und zu hat die Saga mal rübergestrichen. Aber der Schimmel kommt immer wieder.“ Im März schreiben elf Mietparteien einen Brief an Saga GWG und alarmieren außerdem die Presse. Die Mieter fordern die „Behebung der Baufehler“ bis Oktober, andernfalls wollen sie ihre Mietzahlungen mindern. Saga GWG erklärt: „Die Ursachen für Schimmelpilzbildung sind viel­schichtig …“ Kurzfristig habe man „für alle betroffenen Haushalte, die sich ­gemeldet haben, einvernehmliche ­individuelle Lösungen gefunden. … Die Arbeiten werden voraussichtlich im Frühjahr 2013 beginnen.“

Das (fast) leerste Haus

Das (fast) leerste Haus in der Oelkersallee wird nur noch von einem einzigen Mieter bewohnt.

Geld reinstecken oder Geld machen? Dass Saga GWG immer wieder vor dieser Frage steht, zeigt sich in der Oelkersallee. Die ­Geschichte dieses Hauses ist aber auch die einer total verkorksten Beziehung. Hier der letzte Mieter, der sagt: „Ich möchte nur noch eine Entschädigung dafür, dass die Saga meinen Garten zerstört hat!“ Dort die Saga, die behauptet: „Sie wollen immer mehr Geld!“ Ein Buch könnte er schreiben über seine Auseinandersetzungen mit Saga GWG, sagt Michael Enders. Seit 1987 wohnt er im Haus, Ärger gibt es seit vielen Jahren und gerichtliche Auseinandersetzungen auch. Tatsächlich heißt Enders anders, möchte aber seinen Namen nicht in der Zeitung lesen, weil er Angst hat. Angst vor allem vor Menschen, die gern in dem stattlichen Altbau wohnen würden und denken könnten, es wäre er, der das verhindert. Dabei liegt es doch an der Saga! Oder an beiden Seiten? An einem Vormittag im Mai entsteigt die Geschäftsstellenleiterin von Saga GWG einem schwarzen BMW Cabrio. Man kennt sich. „Unterschreiben Sie endlich!“, fordert die Frau.

Neun Wohnungen stehen seit fünf Jahren leer.

„Mindestens 15 Mal“ hätten sie schon zusammengesessen und erfolglos verhandelt, klagt sie. „Höchstens drei Mal“, meint der letzte Mieter. 1000 Euro fordert er für neue ­Pflanzen, „manche meiner Bäume waren mehr als 20 Jahre alt.“ Die Saga bietet einen 300-Euro-­Gutschein.Der Schwamm hat das 1900 gebaute Haus erobert. „Mindestens zehn Jahre lang“ habe sich das Unternehmen nicht ­gekümmert, sagt Andree Lagemann von Mieter helfen Mietern, die dem letzten Bewohner zur Seite steht. Seit fünf Jahren stehen neun Wohnungen leer, die Mieter ­bekamen eine Abfindung und eine neue Bleibe. Nur der letzte Mieter wollte nicht gehen. Eine Zeit lang versuchte die Saga das Haus zu verkaufen. Dann bekam sie von der Stadt die Vorgabe, zu sanieren. Manche Wohnungen sind inzwischen fertig. Neun Euro kalt pro Quadratmeter sollen sie kosten. Beim letzten Mieter stehen 4,40 Euro im Vertrag. Viel mehr müsse er auch nach der Sanierung nicht bezahlen, sagt die Saga. Vertraglich festschreiben will sie das allerdings nicht. Hamburgweit stehen rund 1500 Wohnungen von Saga GWG leer, davon 1100 „modernisierungsbedingt“.

Die umkämpftesten Häuser

Sie galten als gerettet, nach jahrelangem Kampf: die Elbtreppenhäuser. Doch nun wurde bekannt, dass Saga GWG einen Teil der einzigartigen Häuser doch abreißen will, wegen „sehr schwieriger Baubedingungen“. Noch vor wenigen Monaten hatte Saga GWG öffentlichkeitswirksam verkündet, das historische Gebäudeensemble werde saniert. Vorausgegangen waren langjährige Auseinandersetzungen: Das Unternehmen wollte abreißen und neu bauen, die Bewohner forderten, Saga GWG solle sich endlich wieder um die Häuser kümmern. Als mehr als 11.000 Altonaer ein Bürgerbegehren für den Erhalt des Ensembles unterschrieben, schien der Kampf entschieden. Saga GWG stellte die Abrissplanungen ein und bot den Mietern für die Zeit der Sanierung Ersatzwohnungen an. Gut zwei Dutzend Erwachsene und Kinder zogen um – und fühlen sich nun hintergangen. Ein runder Tisch soll eine Lösung finden. Für Mieter Karsten Schnoor ist klar: „Einen Abriss gibt es mit uns nicht!“

Das bunteste Haus

Das bunteste Haus von Saga GWG steht in Rothenburgsort.

Nicht alle Häuserwände sollen grau sein, auch das ist ein erklärtes Ziel der Saga GWG. Die Quartiere sollen durch Wandgemälde ein individuelles Image bekommen und die Bewohner sich mit ihrem Wohngebiet besser identifizieren können. So auch am Marktplatz in Rothenburgsort. Hier wird ­gerade noch kräftig gebaut: Durch die Neugestaltung des ­Platzes soll das Stadtteilzentrum neu belebt und aufgewertet werden. Das Wahrzeichen für den neuen Marktplatz prankt schon seit 2008 an der Wand des Wohnblocks gegenüber: ein riesiges, futuristisches Graffito. Wer genauer hinsieht, erkennt ein Gänseblümchen, viele gelbe Punkte und einige Pfeile, die auf die Blüte zeigen. Das Thema des Gemäldes ist „Identität“, dahinter steckt einige Symbolkraft. Die gelben Punkte sollen Blütenpollen darstellen und stehen für einen Impuls, der von Rothenburgsort ausgehen soll. „Rothenburgsort kommt eigentlich überhaupt nicht vor, wenn man über Hamburg spricht“, bemängelt Gerrit Peters vom Künstlerkollektiv getting up (www.getting-up.org). Die gelben Pfeile im Bild sollen ihren Teil dazu beitragen, dass sich das ändert. „Die sollen die Aufmerksamkeit der anderen Stadtteile darstellen, die jetzt durch die Aktivitäten auf Rothenburgsort gelenkt ­werden soll“, erklärt der 38-Jährige. Zusammen mit seinen Kollegen Mirko Reisser und Heiko Zahlmann hat er das Bild entworfen und umgesetzt. Zwei Monate sind sie damals auf einem Gerüst herumgeklettert und haben 300 Dosen Farbe auf die Hauswand gesprüht.

Das innovativste Haus

Das wohl modernste Haus hat die ­Saga 2006 auf St. Pauli errichtet. Nahe dem Hein-Köllisch-Platz fand das nicht nur Zuspruch: Anwohner fürchten, dass dadurch der Gentrifizierung Vorschub geleistet wird.

Ihr innovativstes Haus versteckt die Saga direkt hinter einer Lärmschutzwand an der Autobahn 24. In der Dringsheide 66 in Billstedt steht der erste backsteinrote Reihenhausklotz des Unternehmens, der seinen eigenen Strom erzeugt. Das Geheimnis ist ein Automotor im Keller, wie er auch im VW ­Caddy über die Straßen fährt. Er ist der Kern des „Zuhausekraftwerks“ des Gebäudes: Ein Mini-Blockheizkraftwerk, das aus Erdgas nicht nur Strom, sondern auch Wärme erzeugt – und dabei nur zehn Prozent Energie verliert. Die Bewohner der acht Mietwohnungen in der Dringsheide 66 beziehen aus dem Kraftwerk in ihrem Keller nur die Wärme, die dort ­gespeichert wird. Bezahlen müssen sie ausschließlich die Wärme, die sie nutzen, und nicht wie sonst üblich, das verbrauchte Gas. Der erzeugte Strom wird ins Stromnetz eingespeist, sobald er dort gebraucht wird. Für Saga GWG sind die ­Kraftwerke „technisch und wirtschaftlich überzeugend“ – das Unternehmen will so einen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Energieeffizienz steht auch künftig auf der Agenda von Saga GWG: Im Wilhelmsburger Weltquartier baut sie gerade 265 öffentlich geförderte Wohnungen, die durch ihre Bauweise ganz ohne Heizung oder Klimaanlage auskommen.

Die Saga GWG in neun Zahlen (2010):

Wohnungen: 129.958 (darunter 1189 städtische)
davon Sozialwohnungen: 42.691
Mieter-Fluktuationsquote: 7,4 Prozent
durchschnittliche Nettokaltmiete: 5,59 Euro/m²
Mitarbeiter: 882
Umsatzerlöse: 881 Millionen Euro
Ausgaben für Instandhaltung: 184,7 Millionen Euro
Zahlung an die Stadt: 100 Millionen Euro
Jahresüberschuss: 133,8 Millionen Euro

Text: Benjamin Laufer, Ulrich Jonas
Fotos: Mauricio Bustamante 

Ausstellung: „Verantwortung für Hamburg – 90 Jahre Saga GWG“, Eröffnung Mo, 4.6., 17 Uhr. 5.–24.6. (außer 11.6.) , Mo–Fr, 7–19 Uhr, Sa, 10–17 Uhr, So, 10–16 Uhr, Rathausdiele, Eintritt frei. Mehr Infos im Internet unter www.saga-gwg.de

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