Rosa Flüsse und schiefe Stühle

Kleine Künstler malen anders. Seit 40 Jahren entstehen Kinderkunstwerke in der Malschule der Hamburger Kunsthalle. Jetzt bekommen sie eine eigene Ausstellung

(aus Hinz&Kunzt 187/September2008)

Eine meterbreite Freitreppe, unerreichbar hohe Decken, weite Säle. Hunderte Bilder – viele düster, erschreckend realistisch. Eine Fünfjährige muss sich verloren vorkommen in den Räumen der Hamburger Kunsthalle. Kein schöner Ort für ein kleines Mädchen, könnte man meinen. „Ein beeindruckender Ort, an dem ich eine tolle Zeit hatte“, sagt Svenja Pages.

Die heute 41-Jährige erinnert sich gern an die Malstunden im Museum, die sie 1971 erlebt hat. Damals war sie fünf Jahre alt. „Mit Herzklopfen bin ich jedes Mal die große Treppe hochgestiegen. Das sind für mich erste Kindheitserinnerungen – die Säle der Kunsthalle, die vollgeklecksten Tische der Malschule, der Geruch von Farbe.“ Ihr Lieblingsbild aus dieser Zeit: ein Drache. „Ich habe ihn nach einem Bild gemalt, auf dem zu sehen ist, wie Siegfried mit dem Drachen kämpft.“ Das Vorbild, erinnert Svenja Pages sich, war Furcht einflößend: „Da hat sogar Blut gespritzt.“ Ihr Drache hingegen ist freundlich und leuchtet in Grüntönen. „Er hing in allen meinen Wohnungen an der Wand. Als ich das Bild mit 17 Jahren wiederentdeckte, habe ich es aufgehängt und seitdem begleitet es mich in jedes Zuhause“, sagt die Schauspielerin und Mutter von zwei Söhnen.

Nun hat Svenja Pages ihren Drachen in die Kunsthalle gebracht. Die Museumspädagogik hat zum 40. Geburtstag ihrer Malschule alle Kinder und Nicht-mehr-Kinder aufgefordert, ihre Kunstwerke einzuschicken. Daraus ist eine Ausstellung geworden: Kinderbilder aus 40 Jahren, darunter der Drache mit dem goldenen Auge. „Auf die goldene Farbe in meinem Doppeldeckertuschkasten war ich besonders stolz“, sagt Svenja Pages. Dass ihr Bild nicht vor ein paar Wochen, sondern vor 37 Jahren entstand, ist höchstens an den etwas ausgebleichten Wasserfarben zu erkennen.

Denn die Malweise hat sich in den vergangenen vier Jahrzehnten nicht verändert, sagt Kunstpädagoge Thomas Sello: „Ob 1968 oder 2008 – Kinder malen drauflos. Unsere Schüler entdecken Farben, Formen, die Natur und sich selbst. Und diese Empfindungen setzen sie dann um.“

So entstehen pinkfarbene Flüsse, tennisballgroße Schneeflocken, Möbel, für deren Stabilität ein physikalisches Gesetz erst erfunden werden müsste – oder eben ein goldenes Drachenauge. Wie realistisch die Werke sind, ist gar nicht wichtig: „Kinder wollen eigene Erfahrungen machen“, sagt Sello.

Um die Malschüler dazu anzustiften, reicht es, ihnen spannende Werke in der Kunsthalle zu zeigen. Sie erzählen dann von ganz allein: was sie sehen und von ihren Ideen. Nicht nur als Künstler, sondern auch als Kunstbetrachter seien Kinder spontan und impulsiv, sagt Thomas Sello. Überhaupt verbinden sie beides am liebsten: „Sie gehen Kunst mit Herz und Hand an.“ Für Kinder uninteressant: Fragen, die sich Erwachsene oft stellen: Wer hat das wann gemalt? Mit welcher Technik? Und: Ist das überhaupt Kunst?

Richtige oder falsche Gedanken zu Gemälden gibt es für Thomas Sello genauso wenig wie gute oder schlechte Kinderbilder. Insofern ergibt sich auch nicht das Problem, dass Kinder sich und ihre Kunst überschätzen. „Kindern im Grundschulalter gefallen ihre Werke prinzipiell. Schwieriger ist es bei Jugendlichen: Die mögen oft nicht, was sie gemacht haben.“

Da kann das Experimentieren mit bildender Kunst viel fürs Selbstbewusstsein leisten: Wer zufrieden mit dem ist, was er geschaffen hat, der ist auch zufriedener mit sich selbst. Ein nicht zu unterschätzender Beitrag zur persönlichen Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Die können beim Malen und Zeichnen etwas über sich lernen, über ihren Geschmack und ihren eigenen Stil. „Heutzutage wird außerdem in fast jedem Beruf Kreativität gefordert“, sagt Thomas Sello.

An einigen Hamburger Schulen ersetzen die Angebote der Museumspädagogik mittlerweile den Kunstunterricht. Manche Schulklassen kommen sogar wöchentlich ins Museum. Möglich macht das finanzielle Unterstützung vom Förderverein „Malschule in der Kunsthalle“. Von Museumsgesprächen mit Schulklassen aus dem ganzen Hamburger Umland über feste Malkurse für Familien und Erwachsene bis zur „Kinderzeit“ am Samstag – der Malkursbereich erreicht laut Thomas Sello etwa 100.000 Menschen im Jahr und damit jeden fünften Besucher der Kunsthalle. Besonders beliebt: das Kinderferienprogramm. Da malen die Kleinen nicht nur in der Kunsthalle, sondern auch im Botanischen Garten. „Der Faktor Natur ist für die Kinder spannend und uns pädagogisch wichtig“, sagt Thomas Sello. Wenn die Kinder zuerst durch einen Bambuswald kriechen und ihn hinterher mit schwarzer Tusche selbst zeichnen, erleben sie nebenbei, was Thomas Sello mit „Kunst im Kontext“ meint: „Sowohl die Natur als auch die Kunst ist nicht nur dekorativ, sondern betrifft mich ganz persönlich.“ Also: Augen auf und mitgemacht! (so der Titel des Buches, das die Museumspädagogik zum 40. Geburtstag der Malschule herausgibt). „Schließlich“, sagt Thomas Sello, „hat auch Gott offensichtlich hin und wieder den Pinsel in die Hand genommen und einfach losgelegt. Oder wie erklären Sie sich sonst die Existenz von Tieren wie dem Zebra oder den Papageien?“

Beatrice Blank

1 Kommentar zu “Rosa Flüsse und schiefe Stühle

  1. Hat der liebe Gott denn wirklich immer mal wieder den Pinsel in die Hand genommen? Toller Beitrag, macht große Lust zum Malen und Mitmachen in der Hamburger Kunsthalle und noch viel mehr. Herzliche Grüße an das nette Team der Hamburger Kunsthalle. Würde gern wieder mitdabeisein und schreibe Euch gleich, lg Ines

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