Diakonie-Veranstaltung

Roma als Entwicklungsmotor

Die Diakonie wirbt mit einer Veranstaltung am 16. April um 18 Uhr für einen alternativen Blickwinkel auf Roma-Zuwanderer. Bislang würden sie meist als Belastung wahrgenommen. Dabei hätte die Minderheit Potential, in Rumänien als auch in Hamburg.

Bacioiu liegt im Nordosten von Rumänien, an der Grenze nach Moldawien. Dass das Dorf arm ist, sieht man. Viele Lehmhäuser sehen aus, als würden sie gleich einstürzen. Nur eine Straße ist asphaltiert, fließend Wasser gibt es nicht, nur Elektrizität.
So wie in Bacioiu leben immer noch viele Roma in Rumänien: Ihre Lehmhäuser sehen aus, als würden sie gleich einstürzen. Nur eine Straße ist asphaltiert, fließend Wasser gibt es nicht, nur Elektrizität.

Roma-Zuwanderer aus Osteuropa werden in Deutschland selten als Bereicherung wahrgenommen. Auch in Rumänien gelten Roma als Problemfall. Hier und dort haben sie mit Ausgrenzung zu kämpfen. Die Diakonie Hamburg will nun auf einer Veranstaltung beide Seiten beleuchten. „Wir wollen zeigen, wie die Situation sich in Hilfeeinrichtungen hier darstellt und wie die gesellschaftliche Situation in Rumänien ist“, sagt Sangeeta Fager von der Diakonie. 2012 besuchte sie mit einer Delegation, zu der auch Hinz&Kunzt gehörte, das osteuropäische Land und traf dort den Soziologen Gelu Duminica von der Roma-Organisation Impreuna („Gemeinsam“). Sein Ansatz: Roma nicht immer als Opfer zu betrachten, sondern ihr Potenzial sehen. „Wir wollen diesen Gedanken nach Hamburg tragen“, sagt Fager.

Über die Situation von Roma in Rumänien hat Impreuna im vergangenen Jahr eine Studie veröffentlicht, die Gelu Duminica nun in Hamburg vorstellen wird. Sie zeigt, dass es in Rumänien nach wie vor große Unterschiede zwischen den Angehörigen der Minderheit und dem Rest der Bevölkerung gibt. Zum Beispiel im Bereich Bildung: Nur 82 Prozent der Roma-Kinder gehen zur Schule, viele haben ihre Ausbildung aus finanziellen Gründen abbrechen müssen. Aber es gibt auch Fortschritte gegenüber einer früheren Untersuchung aus dem Jahr 1998: Der Anteil der Roma-Haushalte, der keinen Zugang zu Strom oder fließend Wasser hat, ist von 11 auf 4 Prozent gesunken. Impreuna zieht die klare Schlussfolgerung aus der Untersuchung, der Staat müsse in die Zukunft der jungen Roma investieren: „Roma dürfen nicht länger als Sündenbock, sondern als wertvolle Ressource und Entwicklungsmotor gesehen werden.“

In Hamburg ist man noch weit von dieser Erkenntnis entfernt. Rumänische Roma, die als Zuwanderer nach Hamburg kommen, bekommen hier meist keine Sozialleistungen und sind deshalb häufig auf karitative Einrichtungen angewiesen. Über die Herausforderungen für diese Einrichtungen wird vor Duminicas Vortrag Stephan Nagel vom Diakonischen Werk sprechen. Er arbeitet dort im Fachbereich Migration und Existenzsicherung. Die Einrichtungen der Wohnunglosenhilfe kämen inzwischen an ihre Grenzen, sagt Nagel: „Eigentlich wollen die Einrichtungen nicht nur Überlebenshilfe leisten, sondern durch Beratung zur Veränderung der Situation beitragen.“ Weil den Rumänen und anderen Zuwanderern jedoch oft der Zugang zum sozialen Sicherungssystem versperrt sei, bliebe den Unterstützern oft nichts anderes übrig, als den Migranten „bei der Verelendung zuzusehen“, so Nagel. Darüber herrsche eine große Unzufriedenheit: „Wir werden so Teil eines gesellschaftlichen Zusammenhangs, der Ausgrenzung statt Inklusion produziert.“

Die Veranstaltung „Roma in Rumänien – vom Sündenbock zum Motor für Entwicklung“ findet am 16. April um 18 Uhr im Diakonischen Werk Hamburg in der Königstraße 54 statt.

Text: Benjamin Laufer
Foto: Mauricio Bustamante