Rock ’n’ Roll von Restakzent

Raues Leben, raue Töne – die Hinz&Kunzt-Band probt in einer früheren Polizeiwache für den großen Auftritt

(aus Hinz&Kunzt 189/November2008)

Schwarze Klamotten, abgewetzte Lederjacken. Kippe und Bier in der Hand und nie um eine schnelle Antwort verlegen. So präsentiert sich „Restakzent“, die Hinz&Kunzt-Band. Erst Anfang 2007 gegründet, haben die Rock ’n’ Roller schon einige Umbesetzungen erfahren, weil einige Bandmitglieder vom rauen Wind des Lebens wieder aus der Spur gefegt wurden. Davon lassen sie sich aber nicht unterkriegen. Das gehört dazu, zum Rock ’n’ Roll. Was sie musikalisch draufhaben, zeigen sie am 7. November in der Fabrik.

Golem hat Probleme mit dem Finger. „Ich habe mit einem Russen Fingerhakeln gemacht.“ Schlecht für den Restakzent-Bassisten. Zum Glück sind es noch vier Wochen bis zum Auftritt in der Fabrik. Zeit genug zum Heilen. Aber auch Zeit genug, um sich in die ein oder andere Gefahr zu stürzen.

Gemeinsam mit Vertriebsmitarbeiter Jörg Wettstädt ist Thomas Golemiewski, genannt Golem, das Herz der Band. Die beiden kennen sich seit vielen Jahren. Jörg hatte einen Kiosk, Golem einen Croquesladen. Sie begannen den Tag gemeinsam mit Kaffee in Jörgs Kiosk und beendeten ihn gemeinsam mit einem Croque bei Golem. Seit diesen Tagen sind sie Freunde. Leider machte sich Jörgs Partner aus dem Staub und ließ ihn mit ein paar tausend Euro Schulden sitzen, die er heute noch abzahlt. Golems Laden lief auch nicht richtig. Als seine Freundin ihn verließ, stürzte er ab, trank zu viel, nahm Drogen und verlor so seine Wohnung. Bei Jörg und anderen Freunden kam er unter und verkauft seitdem Hinz&Kunzt. Ab und zu verdient er ein paar Euro in seinem erlernten Beruf als Gebäudereiniger.

Unterkriegen ließen sich die beiden Freunde nicht. Auch wenn es nicht besonders lief, machten sie zusammen Musik mit ihren Bands „Viertel vor sieben“ und „Schall und Rauch“. Und die waren „legendär“, wie Golem versichert. Bei einem Auftritt beim Barmbeker Straßenfest hieß es nur: „Wer dreht denen jetzt den Strom ab“, erinnert er sich nicht ohne Stolz. Wie er damals von der Bühne kam, weiß er heute allerdings nicht mehr. „Aber heute sind wir älter und vernünftiger geworden“, verspricht er.

Die früheren Abstürze haben ihn viel gekostet: Einige seiner Ins-trumente lösten sich in Luft auf, beziehungsweise blieben im Leihhaus. „Sechs Gitarren und vier oder fünf Bässe habe ich in der Klatsche verloren. Ich konnte sie einfach nicht auslösen.“ Er verdiente wenig und brauchte Geld für Drogen. Heute beschränkt er sich auf Alkohol und passt auf seinen Ibanez-Bass gut auf.

Schlagzeuger Stefan Glatz spielt sein Instrument erst seit anderthalb Jahren. Er hatte zuletzt als Kind im Spielmannszug getrommelt, sah aber, wie viel Spaß seinem Freund Jörg die Musik macht. Der versucht, ihn zum Mitmachen zu bewegen und kauft ihm schließlich ein billiges Schlagzeug. Stefan ist begeistert und fängt an, für ein eigenes Instrument zu sparen. Im Januar 2007 kauft er sich für 300 Euro ein elektronisches Drum-Set und beginnt zu üben.

Die Band schätzt ihn aber nicht nur als Trommler, sondern auch als Koch. Vor dem Übungsraum wird gegrillt, im Übungsraum wird gekocht. „Rock ’n’ Roll geht durch den Magen“, lautet die These von Restakzent. Freundschaft auch. Damit die Jungs futtern können wie bei Muttern, ist ihr Übungsraum ausgestattet wie ein Campingwagen: Kühlschrank, Kochplatte, Wasserkocher.

Seit Sängerin Gesa an Bord ist, werden die vier Haudegen sogar richtig fürsorglich. Damit ihre zarte, blonde Frontfrau sich wohlfühlt im Übungsraum, wird regelmäßig staubgesaugt und abgewaschen. Die Vertriebsmitarbeiterin kommt nicht nur musikalisch aus einer anderen Welt. Sie war nie wohnungslos, hat vor Kurzem ihr Ethnologie-Studium abgeschlossen und wird bald einen anderen Job anfangen.

Bisher hat sie in Popbands gesungen und bedauert manchmal, keine kratzige Rock’n’Roll-Stimme zu haben. „Dazu müsste ich rauchen und trinken.“ Trotzdem ist sie vollwertiges Bandmitglied und hat mit der brandneuen Hymne „Gelbkartenträger“ auch einen Song beigesteuert, in dem den Hinz&Kunzt-Verkäufern mit ihren gelben Ausweisen ein musikalisches Denkmal gesetzt wird.

Nummer fünf ist Kai, der Bruder von Jörg. Auch er hat vom Leben schon so manche Breitseite bekommen. Vor einigen Jahren wanderte er mit seiner Frau nach Spanien aus, um ihr einen Lebenstraum zu erfüllen. Doch die Beziehung scheiterte, und Kai setzte sich in das nächste Flugzeug nach Deutschland. Er hatte keine Wohnung und keinen Job. Er war über 40 Jahre alt, und das Arbeitsamt machte ihm wenig Hoffnung auf einen Arbeitsplatz. Nach einer Phase als Hinz&Kunzt-Verkäufer hat er inzwischen bei einer Zeitarbeitsfirma als Feinmechaniker wieder Fuß gefasst. Bei Restakzent ist er zuständig für die Percussion.

Die Proben sind der Band sehr wichtig. Sie sind mehr als Musik, sie sind Freundschaft, Heimat und Familie, nur eben ohne deren Enge. Dafür bringen die Musiker auch die 280 Euro pro Monat für den Übungsraum auf. Der ist eine ehemalige Zelle in einer ehemaligen Polizeiwache im Industriegebiet von Moorfleet. Gut, dass es dort keine Nachbarn gibt, denn die Treffen dauern immer sehr lange, dazu gehört essen, viel reden, Bier trinken. Der Restakzent wird dabei im Laufe des Abends stärker, die Soli länger. Nach vier bis fünf Stunden macht Gesa meist schlapp. Die anderen machen noch weiter bis zum frühen Morgen. Rock ’n’ Roll ist eben doch etwas anderes als Pop.

Sybille Arendt

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