Rendezvous mit dem Ritter von Sandhatten

Einmal dem Alltag entfliehen und ein Wochenende lang jemand anderes sein: ein mutiger Spion, ein kühner Samurai. Das Rollenspiel macht‘s möglich

(aus Hinz&Kunzt 156/Februar 2006)

Es klingelt an der Tür. Verdutzt schaue ich meinen Kumpel Basti an. „Kann es losgehen?“, fragt er mich mit einem breiten Grinsen. An meinem Blick angesichts seines Aufzugs stört er sich nicht. Neonblaues Piratenhemd, schwarze Lederhose, hochgeschnürte Stiefel und noch ein Tuch um den Kopf geknotet, so steht er vor mir. Ich hätte wissen müssen, dass er als passionierter Rollenspieler in voller Montur erscheint. Am liebsten würde ich die Tür wieder schließen. Für einen Rückzieher ist es jetzt zu spät.

Ich beuge mich meinem Schicksal und mache mich auf in die geheime Welt der Elfen und Oger, mitten im schönen Niedersachsen. Auf der Fahrt versucht Basti, mir zumindest ein Grundgerüst an Wissen über die Rollenspielszene einzutrichtern, damit ich nachher nicht ganz blöd dastehe. Ich erfahre, dass es überall in Deutschland Gruppen gibt, die für andere Interessierte so genannte Contests veranstalten. „Die Leute kommen für mehrere Tage zusammen und erleben ein Abenteuer, das die Gastgebergruppe entworfen hat“, weist mich Basti ein. „Da treffen Zauberer auf Könige und auf Kreaturen jeglicher Art.“

Je näher wir dem kleinen Dorf Sandhatten vor den Toren Oldenburgs kommen, umso mehr frage ich mich, was mich erwartet. Erste Schreckensbilder von hünenhaften Männern in Strumpfhosen, die sich gegenseitig den Schädel einschlagen, machen sich in meinem Kopf breit. Natürlich bin ich nicht ganz ahnungslos, was sich hinter einem Rollenspiel verbirgt: Ich habe immerhin ein Jahr lang Papierrollenspiel gemacht. Da sitzt man aber nur gemütlich im Haus und erlebt die Abenteuer in seiner Fantasie. Daher sind mir Menschen, die wirklich mit Schwertern oder Zauberstäben durch den Wald rennen, eher suspekt.

Nach einer guten Stunde haben wir unser Ziel erreicht. Wir fahren eine geheimnisvoll eingeschneite Auffahrt mitten im Nirgendwo hinauf und sind endlich da. Vor uns liegt die Jugendherberge Sandhatten. Besonders gefährlich sieht sie nicht aus. Meine Nervosität legt sich etwas. Beim Eintreten stoßen wir auf einen langen backsteinfarbenen Korridor. Nirgendwo sind verkleidete Menschen zu sehen. „Guck mal, dahinten ist jemand“, sagt Basti und setzt sich in Bewegung. Ich versuche Schritt zu halten und beneide ihn um seine Selbstsicherheit. Das hier ist sein Terrain! Als wir näher kommen, erkenne ich, dass die Leute nicht normal aussehen. Sie tragen Kimonos und eine Frau sogar eine asiatische Frisur, dennoch scheinen sie Deutsche zu sein. Verstohlen beobachte ich sie.

Plötzlich kommt von draußen ein unkostümierter Mann herein. Ich frage ihn, ob er wisse, wo wir Stefan Fasmers finden könnten. Er lacht und sagt zu meiner Erleichterung, dass er bereits vor uns stehe. Fasmers ist groß und schlank. Er hat ein nettes Gesicht und offene Augen – und leitet die Jugendherberge.

Fasmers ist gelernter Koch, aber als er eines Tages seine Leidenschaft für das Mittelalter entdeckte, war es damit vorbei. „Ich bin mehrere Jahre als Barde mit einem Mittelaltermarkt quer durch das Land gezogen“, erklärt er. 15 Jahre ist es her, als er seine Leidenschaft für das Live-Rollenspiel entdeckte. „Damals steckte alles noch in den Kinderschuhen“, erzählt er, während er uns immer durch die Jugendherberge führt. „Nicht mal Schaumstoffschwerter oder Plastikflaschen für eine ordentliche Kneipenschlägerei gab es.“

Wir stehen mittlerweile im so genannten Fundus im Keller des Gebäudes. Ich halte ein etwa 25 Kilo schweres Kettenhemd in den Händen und kann nur noch staunen. Fasmers deutet auf eine Reihe kleiner, schon leicht ramponierter Schaumstoffschwerter. Seit zwei Jahren habe sich die Jugendherberge auf Live-Rollenspiel für Kinder und Jugendliche spezialisiert, und nach anfänglicher Skepsis pilgerten nun ganze Schulen hierher, um spielerisch soziale Kompetenzen wie Teamarbeit zu erlernen. „Ich habe es geschafft, mein Hobby mit meinem Beruf zu verbinden“, grinst er und präsentiert eine Sammlung abscheulicher Masken. Aber nicht nur Kinder kommen, auch Erwachsene fliegen ein, nur um eine Nacht lang ein Vampirabenteuer im selbstgebauten Dungeon, dem Verlies, zu erleben. „Wir sind halt Freaks“, lacht Stefan Fasmers.

Dass es davon viele geben muss, verdeutlicht die Zahl von rund 20 Contests, die allein in diesem Monat in Deutschland stattfinden. Als wir das Gruselkabinett wieder verlassen, das neben einem ausgestopften Krokodil und mehreren Geheimgängen auch einen Weg über Lavafluten zu bieten hat, treffen wir auf unsere pseudoasiatischen Freunde. Die „Samurai-Star“-Gruppe führt uns zu einer unscheinbaren Tür. Hinter ihr erinnert nichts mehr an eine Jugendherberge. In liebevoller Kleinarbeit haben die Rollenspieler das vorher öde Mehrbettzimmer in einen asiatischen Traum verwandelt; mit Teestube, einem Bast-Teppich, einem schwarzen flachen Tisch und riesigen Kimonos, die die vormals kahlen Wände zieren.

„Es gibt auch Gruppen, die Gegenwartsrollenspiele machen“, erklärt Stefan Fasmers, als wir die Herberge verlassen. „Sie spielen dann Spiongeschichten, KGB- und CIA-mäßig.“ Der 35-Jährige aber liebt am meisten Fantasy-Rollenspiele. So veranstalten sie jedes Jahr an Ostern einen Contest zu Ehren des großen König Jorks. „Da kommen dann so 100 Leute. Bei den größten Cons in Deutschland können es schon mal bis zu 5000 werden“, informiert er mich, während wir durch den Schnee zur hauseigenen Taverne stapfen. Der Preis für die Treffen liegt meist bei 50 Euro.

Auf dem Weg zum Auto möchte ich von Basti wissen, was ihn am Rollenspiel reizt. „Ich kann aus dem Alltag abtauchen und jede Person sein, die ich möchte. Während des Spiels kann ich andere Facetten von mir zeigen“, schwärmt er. Meist spielt er kriegerische Rollen, etwa einen Soldaten oder einen Ork; er liebt es aber auch, in anspruchsvollere Charaktere wie einen Bibliothekar oder den Wächter des Totenreiches zu schlüpfen.

Als wir die Ausfahrt hinunterfahren, ist es fast seltsam, den „Ritter von Sandhatten“ und seine Welt hinter uns zu lassen und in die Realität zurückzukehren.

Autor: Sarah Lentz

Rollenspielcontest

Besuch bei den Drachensteinern

Es ist wieder soweit: Die Drachensteiner versammeln sich, um das neue Jahr mit einem Rollenspiel zu begrüßen. Als wir nach eineinhalb Stunden Fahrt auf der Autobahn in der Jugendherberge Aschberg ankommen, heißen uns viele kostümierte Spieler willkommen. John, einer der drei Organisatoren, erklärt uns die Grundprinzipien von Drachenstein. Er erzählt, dass es insgesamt etwa 20.000 Rollenspieler in Deutschland gibt. Zunächst gab es die Spiele nur in England, seit 20 Jahren auch in Deutschland. Bei jedem Rollenspiel gibt es eine Spielleitung (die Orga), Nicht-Spieler-Charaktere und Spieler-Charaktere. Die Nicht-Spieler-Charaktere haben eine von der Orga vorgegebene Rolle, die entscheidend für den Spielverlauf ist, die Spieler-Charaktere wählen Rollen und Verhalten selbst.

Im Gegensatz zu den kommerziellen Anbietern wird bei Drachenstein großer Wert auf die Klasse der Geschichte gelegt, kommerzielle Anbieter haben dagegen eine größere Ausrüstung aufzuweisen. Diesmal sind 40 Spieler anwesend, die vier Tage 24 Stunden durchgängig spielen. Sie finden sich zusammen, um die Eröffnung einer Gaststätte zu feiern. In der Küche treffen wir die Wirtin, die von der Schülerin Katja gespielt wird. Sie bereitet mit den beiden Köchen das Mahl für die Gäste vor. Leider können wir uns nicht lange mit ihr unterhalten, denn John ruft uns nach draußen, wo zwei Spieler für uns einen beeindruckenden Schwertkampf vorführen. Dabei erfahren wir, dass bei allen Rollenspielen in Deutschland mit Gummiwaffen gekämpft wird.

Wir sprechen einen jungen Mann im Wikingerkostüm an. Stefan erzählt uns, dass er mehrere wichtige Figuren darstellt: Er ist Sänger, der die anderen beim Lagerfeuer mit Gitarrenmusik unterhält, und ihnen gegen Geld die wichtigsten Neuigkeiten aus den umliegenden Dörfern erzählt. Außerdem ist er der einzige, der lesen und schreiben kann.

Auf unsere Frage hin sagt Stefan, dass er nur mit sehr wenigen Personen über seine Freizeitbeschäftigung spreche. Viele seiner Bekannten, so seine Befürchtung, könnten ihn deshalb für verrückt erklären. Dagegen erzählen uns andere Rollenspieler, dass sie durch Freunde zum Rollenspiel gekommen seien oder selbst Freunde mitgebracht hätten.

Manchmal wird es offenbar schwer, zwischen realem Leben und Spiel zu unterscheiden. Eine Spielerin berichtet jedenfalls, wie sie nach einem Rollenspielwochenende in ihrem Bett zu Hause aufwachte und dachte, sie werde verfolgt; sofort griff sie unter ihr Kopfkissen, um ihr Schwert zu suchen.

Nach diesem Gespräch sehen wir einen großen Mann mit einem Kettenhemd und mehreren Schafsfellen besteht. Schon seit 14 Jahren nimmt er an Rollenspielen teil. Uwe hat diesmal die undankbare Aufgabe, den Barbier zu spielen. „Irgendeiner muss auch der Böse sein!“ Während wir uns noch mit ihm unterhalten, strömen plötzlich alle Spieler nach draußen, und die drei Orgas halten eine Eröffnungsrede. Hierbei werden noch wichtige Einzelheiten geklärt, etwa welche Türen der Jugendherberge auch während der Spielzeit existieren und welche nicht. Die Spieler, bis auf die Wirtin und ihre Köche, begeben sich in den Wald. In einer halben Stunde werden sie als Gäste des Eröffnungsfestes im Wirtshaus zurückkehren.

Autoren: Mona Kampe, Jule Papemeier

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