Gedenken an Nazi-Opfer

Ein Platz für Ramazan

27 Jahre nach seinem Tod wurde der Bahnhofsvorplatz vom S-Bahnhof Landwehr nach Ramazan Avci benannt. Der 26-jährige mit türkischen Wurzeln wurde dort am 21. Dezember 1985 von Nazi-Skins angegriffen. Wenige Tage später verstarb er.

Bezirksamtsleiter Rösler, Bürgermeisterin Stapelfeldt, Ramazan Avcis Sohn Ramazan Cem, Generalkonsul Öztürk und Gülistan Avci enthüllen das neue Straßenschild. Foto: Mauricio Bustamante.

Gülistan Avcis* Vorfreude war groß: Endlich wird an ihren verstorbenen Verlobten Ramazan öffentlich erinnert – 27 Jahre nach seinem Tod. Im vergangenen April hat sie uns davon erzählt: „Jeder soll es sehen, jeder soll es wissen!“, hat sie sich damals auf diesen Tag gefreut. Jetzt steht sie vor Ramazans Gedenktafel, legt Rosen nieder und weint. „Heute hier auf diesem Platz zu sprechen, ist für mich alles andere als leicht“, sagt sie in ihrer Rede. Denn dieser Platz reißt bei Gülistan alte Wunden auf: Am 21. Dezember 1985 brachten Nazi-Skinheads hier ihren Verlobten um. Seit heute heißt der Platz vor dem S-Bahnhof Landwehr nun offiziell Ramazan-Avci-Platz. Eine Gedenktafel erinnert an seinen Tod. „Das lässt mich etwas aufatmen“, sagt Gülistan. „Aber mein Schmerz wird niemals erlöschen. Meine Wut auf Rassisten wird nie vergehen.“

Viele sind gekommen, um mit ihr Platz und Gedenktafel einzuweihen: Hamburgs zweite Bürgermeisterin Dorothee Stapelfeldt, der türkische Generalkonsul Devrim Öztürk, Bezirksamtsleiter Harald Rösler und rund 50 Hamburger Bürger nehmen an der Zeromonie teil. „Erinnern und Gedenken sind nicht nur Privatsache!“, sagt Bezirksamtsleiter Rösler in seiner Rede. Auch wenn rassistische Angriffe sprachlos machten, wäre Sprachlosigkeit das falsche Signal: „Diese Angriffe richten sich gegen unsere demokratischen Werte. Deswegen brauchen wir eine aktive Erinnerungspolitik.“

Die Ramazan-Avci-Initiative bedankt sich: „Unser Dank und Respekt gilt als erstes den Familienangehörigen, von Ramazan Avci, die nach jahrelanger Stille bereit waren, mit uns an die Öffentlichkeit zu gehen“, sagt Ünal Zeran von der Initiative. Seit 2010 engagiert sie sich dafür, das Gedenken an Ramazan Avci sichtbar zu machen. Ausdrücklich geht ihr Dank auch an die Politiker und Verwaltungsmitarbeiter, die sich für die Umbenennung des Platzes eingesetzt haben. „Wir wollen staatliche Institutionen nicht aus der Verantwortung für die Geschichte entlassen“, so Zeran. Er findet auch kritische Worte für die deutsche Gedenkpolitik: „An den Grenzen Europas ertrinken oder erfrieren tausende Menschen beim Versuch, ein besseres Leben für sich und ihre Familien zu finden“, sagt er. „Nichts und niemand erinnert an diese Namenlosen.“ Wenigstens an Ramazan erinnert nun endlich eine Gedenktafel.

Mit der Gedenktafel für Ramazan ist es für Gülistan aber noch nicht getan: Sie wünscht sich ein gut sichtbares Mahnmal für die Opfer rassistischer Gewalt und einen kleinen Rosengarten nebenan. In den möchte sie dann Rosen aus Isparta, Ramazans Geburtsort in der Türkei, pflanzen. „Erinnern braucht einen Ort“, sagt Ünal Zeran. „Hier und heute haben wir einen ersten Ort gefunden.“ Als Nächstes will die Initiative die Umgestaltung des Platzes voran bringen.

* Gülistan heißt eigentlich nicht Avci, weil sie Ramazan nicht mehr heiraten konnte. Ihren richtigen Nachnamen möchte sie nicht öffentlich preisgeben.

Text: Benjamin Laufer
Foto: Mauricio Bustamante

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