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Radikal romantisch

27. Juli 2010 | Von | Kategorie: 2010: Hinz&Kunzt-Ausgaben 203 – 214, Archiv, Hinz&Kunzt 210/August 2010

(aus Hinz&Kunzt 210/August 2010)

Ulla Meinecke besingt die Liebe und ihre Abgründe wie kaum eine andere. Jetzt zeigt sie mit ihrem neuen Erzählband ihre Qualitäten als Autorin. Nebenbei will sie Obdachlosen helfen.

Von der Suche nach dem eigenen Glück handelt Ulla Meineckes  neues Buch, das zu schreiben sie sich lange nicht getraut hat.

Von der Suche nach dem eigenen Glück handelt Ulla Meineckes neues Buch, das zu schreiben sie sich lange nicht getraut hat.

Dieser Raum mitten in Hamburg mit ei­nem großen Schaufenster, vor dem S-Bahn-Züge über eine Brücke zur Elbe rauschen, könnte in ihren Liedern vorkommen. Hohe Decke, die Wände liebe­voll mit alten Kacheln verziert, die farbig leuchten. Früher war hier eine Schlachterei. Im Keller sind noch die Kuhlen für die Schlachtbänke zu sehen. Kontraste wie in einem Song von Ulla Meinecke. „Ich bin ein Hardcore-Romantiker“, sagt sie, „aber immer schön schroff muss die Nummer sein: An der Rasierklinge zum Kitsch entlang schliddern, dass du schon das Land von Bambi sehen kannst, aber bloß keinen Fuß reinsetzt.“
Wie kaum eine andere besingt und beschreibt sie seit den 80er-Jahren die Wildheit und Zartheit der Liebe. Mehr als eine Million Mal wurden ihre Platten gekauft. Ihre Texte sind Streifzüge durch das Leben, und in ihrem Rucksack, den sie in das Atelier mitgebracht hat, steckt die Ausrüstung dafür: ein stehendes Messer zum Schutz, eine Bürste für die Haare, Stifte, ein Kompass, der jetzt gerade nicht auffindbar ist, eine Schere, Salz und Pfeffer, ein zweites Paar Schuhe. Andere Frauen haben Handtaschen. Ulla Meinecke hat ein Survivalpaket. „Meine Freunde ziehen mich damit auf, das sei meine Exiltasche – ich könnte ins Exil gehen, ohne noch mal nach Hause zu müssen.“
Manchmal geht Ulla Meinecke in den Wald, stundenlang spazieren, oder sitzt im Café und schaut die Leute an. Die Beute ihrer Expeditionen steckt ebenso im Rucksack, in einer roten Map­pe. Auf handgeschriebenen Blättern steht der Text für ein neues Lied, das noch gar nicht auf dem Markt ist. Die 56-Jährige hat es für die Hamburger Sängerin Annett Louisan geschrieben. Ulla Meinecke liest mit rauchiger Stimme die erste Strophe vor: „Viel zu früh am Morgen/Ich werde von dem Gefühl geweckt/dass wieder jemand Nadeln/in meine Voodoopuppe steckt“. Sie nickt. Das sitzt. „Das ist wie bei einem Auftritt“, sagt sie und zündet sich eine Zigarette an. „Der Anfang muss ein Knaller sein.“ Sie legt die Blätter weg. Wie das Lied weitergeht? „Es gibt keinen, der Nadeln in Voodoopuppen steckt. Das macht man schon selbst.“
Von der Suche nach dem eigenen Glück handelt auch ihr neues Buch ­Ungerecht wie die Liebe. Die Geschichten um die Freiheit und den eigenen Weg schmecken nach einem warmen Sommerabend am Küchentisch mit einem Blick in den Hinterhof.
In Mausolff und die anderen erlebt ein karriereorientierter Steuerberater, wie sein geordnetes Liebesleben im Chaos versinkt, als seine Frau und seine Geliebte ihre Freiheit erobern. In Klassentreffen geht der Tischler Koss zwischen den Lebenslügen der Jugendfreunde unbeirrt seinen Weg weiter. Die Künst­lerin, die das Image der starken Frau hat – als „Rocklady“ bezeichnet sie der „Stern“ –, schafft eben auch starke Männer: „Ich nehme mir das Beste aus beiden Welten.“
Dafür hat sie Männer „studiert wie eine Fremdsprache“; ihre Spiele, ihre Kämpfe, die sie oft als schmerzhaft erlebt, auch für die Männer. Doch auch die Schwächen von Frauen sieht sie deutlich. Frauen wollten oft keine Verantwor­tung übernehmen. „Eine Freundin sagte mal, komm, wir engagieren einen Studenten, den teilen wir uns. Der kommt jeden Morgen und klingelt. Wenn wir aufmachen, sagt er: ‚Guten Morgen, meine Damen, ich übernehme die volle Verantwortung.‘ Dann geht er wieder.“
Für die Forscherin zwischen den Welten, von Großstadt und Natur, Mann und Frau, ist es das erste Buch in reiner Prosa. Keine Bühnenbiographie wie der Erstling Im Augenblick, kein Sachbuch wie Willkommen in Teufels Küche über das Chaos von Kreativen. „Ich habe ja lange genug gebraucht, um mich das zu trauen“, sagt Ulla Meineke. Schließlich hat sie große Vorbilder wie Mark Twain und Kurt Tucholsky. Sie kennt die Bücher der beiden seit Kindertagen.
Ulla Meinecke wächst auf dem Land auf, in einem Dorf am Fuße des Rothaargebirges in Nordrhein-Westfalen, ohne Fernseher. Sie ist am liebsten draußen, verdient beim Bauern ein paar Pfen­nige. „Wenn ich sprang oder rannte oder kletterte“, schreibt sie in ihrem Buch Im Augenblick, „spürte ich mich besser. Kurze Momente von Klarheit und das Gefühl von Kraft. Sobald ich zur Ruhe kam, war sie wieder da. Diese summende Leere und das abwesende Warten. Die Zeit verrann.“
Lange ist sie chronisch krank, liegt oft in der Uniklinik in Marburg. Dort liest sie viel und hört Radio. „Das Verschwinden in Büchern war ein wichtiger Teil meiner Kindheit.“ Mit zwölf fängt sie an zu schreiben und singt.
Mit 17 zieht sie nach Frankfurt am Main in ein besetztes Haus, lernt Joschka Fischer kennen und erlebt den Anfang der Grünen mit. In dieser Zeit baut sie ihr politisches Interesse aus – und ihre Abneigung gegen Parteien: „Die Revolution frisst ihre Kinder, aber der Parlamentarismus auch.“
Mit Anfang 20 kommt sie nach Hamburg, arbeitet als Assistentin von Udo Lindenberg, er produziert ihre Musik. Doch sie sieht das als Sackgasse, will ihr eigenes Ding machen und geht volles Risiko: Zieht nach Berlin und fängt noch einmal von vorne an, arbeitet mit Fotograf Jim Rakete zusammen, spielt in kleinen Clubs. Von ihrer Langspielplatte Wenn schon nicht für immer, dann wenigstens für ewig verkauft sie mehr als 500.000 Exemplare und erreicht Platinstatus. Danach sucht sie wieder neue Wege, komponiert mit Rio Reiser Songs, spielt Theater wie in diesem Juli an den Hamburger Kammerspielen. Mit 47 Jahren macht sie den Führerschein. Mit 50 nimmt sie ihr Lieblingsbuch aus Kinder­tagen als Hörbuch auf, „Tom Sawyer und Huckleberry Finn“. „Ich bin ein Schnellentwickler“, sagt sie.
Der radikale Wille, sie selbst zu werden, führt sie durch die Welt. Dafür nimmt sie sich Zeit. Der Weg hat einen Preis. „Es ist manchmal eine einsame Angelegenheit, anders zu sein.“ Keine faulen Kompromisse, auch nicht in ­ihren Liebesbeziehungen, über die sie nicht spricht. „Die Bremer Stadtmusikanten sind mein Wahrzeichen“, sagt sie – Ausgestoßene, die sich zusammentun und eine Band gründen. Fremd sein, Heimat suchen – dafür findet sie Worte, wie im Lied Sie nimmt’s wie ’ne Frau: „Sie fragt sich, wo sie hingeht/Und sie hat nicht mal ’nen Plan/Geht sie zu weit oder nur nicht weit genug?/Und plötzlich kommt sie bei sich selber an.“
Der Weg führt sie auch zu Lehrern, die ihr Orientierung geben, wie Regisseur George Tabori. Der Mann, der in Ungarn verfolgt, dessen Vater in Auschwitz umgebracht wurde und der später am Berliner Ensemble wirkte, strahlte trotz allem Güte aus. Ulla Meinecke fragte ihn: Wie bewahrt man sich diese Menschenliebe? Tabori sagte: „Es gibt nicht die Deutschen und die Amerikaner und die Männer. Du musst dir die Mühe machen, dir jeden einzelnen genau anzugucken.“ Sie stellt Fragen und lässt sich von den Antworten führen.
Eines Nachts legt sie sich auf ihren Balkon, bei minus 20 Grad Celsius. „Ich finde es unerträglich zu wissen, dass in kalten Winternächten immer wieder Menschen erfrieren. Wie kann das sein? Das haut mich jedes Mal um, wie unglaublich ausgesetzt Menschen sind, die kein Zuhause haben.“ Sie testet in der Nacht ihren Schlafsack. Das teure Teil ist ein Reinfall. Jetzt hat sie einen Plan: „Ich will Schlafsäcke entwerfen lassen, wirklich sichere und leichte, die auch als Mantel dienen, mit Innentaschen.“ Das Konzept ist geschrieben, ein Sponsor anvisiert. Jetzt sucht sie einen Designer, der den Schlafsack entwirft, damit er später an Obdachlose verteilt werden kann. Auch das braucht Zeit. „Ich bin in kleinen Dingen unterwegs“, sagt Ulla Meinecke. In kleinen Dingen wie Liebe, Leben und Abgründen.

Der Erzählband „Ungerecht wie die Liebe“ von Ulla Meinecke ist bei Edel Germany erschienen und kostet 12,95 Euro.

Text: Joachim Wehnelt
Foto: David Maupilé

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