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Radikal anständig

30. März 2011 | Von | Kategorie: 2011: Hinz&Kunzt-Ausgaben 215–226, Archiv, Hinz&Kunzt 218/April 2011

Darf man Tiere essen, wenn man Tierschutz ernst nimmt? Autorin Karen Duve hat ausprobiert, wie weit sie für ihre Tierliebe gehen würde. Ihr Buch „Anständig essen“ dokumentiert ihren Selbstversuch – mit allen Zweifeln, Rückschlägen und der Erfahrung, dass Veränderungen mühsam, aber möglich sind.

(aus Hinz&Kunzt 218/April 2011)

218-Duve„Ich habe eine missionarische Ader.“ Karen Duve sagt es lächelnd. In Jeans und Flanellhemd steht sie vor uns, brauchte nur 30 Sekunden im Bad, um kamerafein zu sein. Sie ist nicht eitel. Ihr geht es um die Tiere. Seit sie ihr Buch „Anständig essen“ geschrieben hat, ist der Autorin der Appetit auf „Qualfleisch“ gründlich vergangen.
Dabei war die 49-Jährige bis vor gut einem Jahr eine Alles-Esserin. Wenn auch eine tierliebe: Seit vielen Jahren lebt Karen Duve mit Pferd, Maultier, Maulesel, Katzen und Hühnern auf dem Land. Erst bei Hamburg, jetzt in der Nähe von Berlin.
Der Verzehr von Milch, Käse und Fleisch stand bei ihr jedoch nicht im Widerspruch zur Tierliebe. „Tofu war für mich Quallenrotz, aber ich hatte schon manchmal ein komisches Gefühl dabei, wenn ich mit einem Wurstbrot in der Hand neben meinem Pferd stand.“ In ihren Einkaufswagen stapelte sie gedankenlos die 2,99-Euro-Hähnchen-Grillpfanne aus dem Supermarkt sowie Cola und Süßigkeiten als regelmäßige Begleiter der Schreibarbeit – mit steigendem Unbehagen. „Mir war irgendwie klar, dass unser Umgang mit Tieren nicht in Ordnung ist. Der Wunsch, darüber zu schreiben, wurde plötzlich dringend“, sagt Duve. Sie will kein trockenes Sachbuch schreiben, sondern unterschiedliche Ernährungsweisen am und im eigenen Leib ausprobieren. „Ich habe mich selbst als Laborratte benutzt und meine Erfahrungen aufgeschrieben.“
Das Schreiben hat sie stark verändert. „Anständig essen“ ist ein „Entwicklungsroman und ein Reiseführer“, wie sie es nennt. „Die Arbeit am Buch hat mich total politisiert. Aber ich sage niemandem, was er tun soll. Jeder muss seine eigenen Konsequenzen ziehen.“ Am Anfang ihres Selbstversuchs steht die Umstellung der Ernährung auf Bioprodukte. Das ist gar nicht so leicht, wenn man auf dem Lande wohnt und bisher wenig Zeit mit Nachdenken über Einkäufe verbracht hat. Amüsant und selbstironisch beschreibt Karen Duve ihre ersten Bioladen-Einkäufe. Sündigen darf sie nicht, dafür sorgt schon ihre politisch korrekte Mitbewohnerin „Jiminy Grille“. Die Figur hat Duve Walt Disneys Pinocchio-Verfilmung entlehnt. Hier wie dort verkörpert Jiminy Grille das Gewissen und weist der Autorin den rechten Weg, wenn eine Cola den Weg in den Kühlschrank gefunden hat. „Dabei war die Biophase kein großer Verzicht“, so Karen Duve. „Man kriegt alles, es ist nur etwas teurer – im Schnitt vielleicht 25 Prozent.“ In den folgenden Monaten wird das erlaubte Nahrungsspek­trum jedoch immer kleiner. Es folgen die vegetarische Phase, die vegane und schließlich die frutarische, in der die Autorin nur noch isst, wofür nichts und niemand sterben musste, auch keine Pflanze – bleiben Obst, Beeren, Nüsse und Samen.
Auch diese sehr radikale Umstellung fällt Karen Duve nicht sonderlich schwer. Vielleicht liegt es daran, dass sie keine leidenschaftliche Köchin ist? „Zwei Stunden in der Küche zu stehen, hat mir noch nie Spaß gemacht“, sagt sie trocken. „Ehrlich gesagt, haben mir Fertiggerichte immer gut geschmeckt.“ Vor allem aber liegt es daran, dass sie immer tiefer in die schmutzigen Details der Tierhaltung und Profitmaximierung auf Kosten des Verbrauchers eintaucht. Sie sieht in Filmen, wie Kühe sich brüllend am Haken winden, während ihnen trotz unzureichender Betäubung mit der Motorsäge die Beine abgeschnitten werden. „Ich habe die Bilder immer noch im Kopf“, sagt Karen Duve. Sie nimmt an einer Tierbefreiung teil und sieht Tausende kahl gerupfte Hühner. Armselige Kreaturen, die mit brutal gestutzten Schnäbeln zu Tausenden in engen Ställen zusammengepfercht sind, um Eier zu legen. Fünf Hühner nimmt sie mit nach Hause. Eines davon päppelt sie in einem Meerschweinchenkäfig wieder auf, da es ein gebrochenes Bein hat.
Die Recherchen gehen Duve an die Nieren. „Zwischendurch hatte ich depressive Schübe“, sagt sie. Aber sie hat keine Zeit, sich hängen zu lassen, denn das Manuskript soll innerhalb eines Jahres fertig werden. „Normalerweise arbeite ich drei Jahre lang an einem Buch.“ Ihre üblichen Schreib-Katalysatoren Cola und Lakritze sind wegen der rigiden Ernährungsvorschriften tabu. Sie bekommt Keuchhusten. Ihr Hund Bulli wird krank und sie muss ihn einschläfern lassen.
„Auf dem Weg zum Tierarzt bekam er noch eine Portion Gulasch – aus dem Supermarkt. In diesem Moment war mir Bulli einfach näher als das Tier, aus dem das Gulasch gemacht worden war.“ Auch das geliebte Reiten hat sie in der veganen Phase eingestellt – für strenge Veganer gilt Reiten als unethisch. Die ausgestopften Tiere an ihrer Wohnzimmerwand verschwinden genauso wie die geliebte Lederjacke. Die Ledersättel von Pferd und Maulesel werden aus dem Stall verbannt, die Daunendecke aus dem Schlafzimmer. Komplett auf tierische Produkte zu verzichten bedeutet Gewohnheiten abzulegen und seine bisherige Lebensweise grundsätzlich in Frage zu stellen. Das kann verdammt schwer sein, merkt Karen Duve bei ihrem Selbstversuch. Dabei ist sie kein Mensch, der vor Veränderungen zurückschreckt. Die Weichen in ihrem Leben hat Karen Duve nämlich schon öfter neu gestellt. Sie hat eine Karriere als Steuerinspektorin ausgeschlagen. Lieber ist sie mit einem Hund aus dem Tierheim durch Deutschland gewandert und hat sich anschließend mit Taxifahren und anderen Jobs über Wasser gehalten. Sie ist aus dem lebendigen Gängeviertel aufs Land gezogen. Und sie hat sich irgendwann getraut, mit dem Schreiben anzufangen. Vor zehn Jahren bekam sie ihren ersten Literaturpreis. Seitdem hat sie mit „Das ist kein Liebeslied“, „Regenroman“ und „Taxi“ drei gelobte Romane voller präziser Beobachtungen und trockenem Humor geschrieben. „Das Schreiben macht am Anfang Spaß, wenn noch die ganzen Ideen aus einem heraussprudeln, aber der Mittelteil, die Ausführung, ist oft quälend. Am Ende kommt das Beste: das Kürzen. Ich kann ohne Bedenken die Arbeit von sechs Wochen wegschmeißen.“ Radikale Lösungen liegen Karen Duve.
Was für ein Buch sie als nächstes schreibt, weiß sie noch nicht. „Vielleicht eins über den Weltuntergang?“ Sie lächelt wieder dabei. Erst mal möchte sie weiter „missionieren“. Und sich um die befreiten Hühner kümmern und die übrigen Tiere. Das Reiten hat sie sich wieder erlaubt. Nur „Qualfleisch“ kommt ihr nicht mehr auf den Teller.

Text: Sybille Arendt
Foto: Benne Ochs

Karen Duve, „Anständig essen – Ein Selbstversuch“, erschienen im Galiani Verlag, 19,95 Euro
Am Donnerstag, 28.4., liest Karen Duve aus ihrem „Regenroman“, der 1999 erschienen ist. Ort: Ohlendorff’sche Villa in Volksdorf,
Im Alten Dorfe 28, 19.30 Uhr, Eintritt: 15/13,50 Euro

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