Brailien: Politik gegen den Hunger

Zum ersten Mal ehrt der Weltzukunftsrat vorbildliche Gesetzesprojekte. Den „Future Policy Award“ erhält das Programm gegen den Hunger in der brasilianischen Stadt Belo Horizonte. Übergeben wird der Preis an Minister Patrus Ananias, der das Programm initiierte

(aus Hinz&Kunzt 200/Oktober 2009)

In einer großen Halle sitzen Menschen an langen Tischen und essen. Sie löffeln ihre Mahlzeit von großen grauen Tabletts, viele von ihnen sind ärmlich gekleidet. Die große Halle ist ein „Restaurante popular“, eine staatlich subventionierte Kantine in der brasilianischen Millionenstadt Belo Horizonte. Hier gibt es gesundes und nahrhaftes Essen für einen brasilianischen Real, etwa vierzig Cent.
200-ZukunftspreisMittendrin sitzt ein Mann mit silberner Brille und schickem Hemd. Es ist Patrus Ananias, ehemaliger Bürgermeister von Belo Horizonte und seit 2004 Brasiliens Minister für soziale Entwicklung und die Bekämpfung des Hungers. „Das wichtigste Menschenrecht ist das Recht auf Leben“, sagt er der jungen Frau, die ihm gegenübersitzt. Das Problem sei nur, dass in der Praxis vor allem das Recht auf Eigentum geschützt werde. „Ich träume von einer Welt“, sagt der 57-Jährige, „in der alle materiellen, technischen und menschlichen Ressourcen in den Dienst des Lebens gestellt werden. Dafür müssen wir Ausgrenzung und Ungerechtigkeit beenden.“
Der Minister am Tisch mit den Armen – eine Szene aus dem Dokumentarfilm „Eine Stadt besiegt den Hunger“, den zwei niederländische Dokumentarfilmer Anfang September in Belo Horizonte im Auftrag des „World Future Council“ (Weltzukunftsrat) gedreht haben. Die internationale Organisation mit Sitz in Hamburg zeichnet am 1. Oktober ein Gesetzesprogramm aus, mit dem die brasilianische Stadt erfolgreich gegen den Hunger ankämpft. Patrus Ananias, der das Programm initiiert hat, wird den Preis stellvertretend in Empfang nehmen. Holger Güssefeld, Hamburger Unternehmer und Projektleiter beim Weltzukunftsrat, war mit der Filmcrew in Belo Horizonte. Er ist noch voller Eindrücke von der Reise. „Belo Horizonte besteht zum großen Teil aus Hochhäusern, das Leben auf der Straße gleicht dem in südeuropäischen Großstädten“, sagt der 67-Jährige, „aber direkt daneben fangen die Armenviertel an, die Favelas. Das ist eine andere Welt, das Leben dort ist hart.“
Mit seinem Kamerateam war Güssefeld auf der Suche nach den positiven Auswirkungen, die durch die Gesetzesinitiative gegen den Hunger in Belo Horizonte erreicht wurden. Als Patrus Ananias 1993 Bürgermeister der Stadt wurde, erzählt Güssefeld, habe dieser sich sofort mit Gruppen und Organisationen aus der Zivilgesellschaft zusammengesetzt und das Menschenrecht auf Nahrung ins Zentrum seiner Politik gestellt.
Die Erfolge können sich sehen lassen: In zehn Jahren ist die Kindersterblichkeit um 60 Prozent gesunken, und die Zahl von Kleinkindern, die wegen Unterernährung behandelt werden müssen, sogar um 75 Prozent. „In allen Schulen bekommen die Kinder jetzt drei Mahlzeiten am Tag“, berichtet Güssefeld, „und im Unterricht lernen sie viel über die Bedeutung von gesunder Ernährung.“
Besonders wichtig für die Armen in Belo Horizonte sind auch die verschiedenen Orte, die durch Ananias’ Politik geschaffen wurden.
Da sind zum einen die subventionierten Restaurants, aber auch die Märkte, die „ABastaCer“ heißen, ABC-Märkte. Wer so einen Markt betreiben will, muss Grundnahrungsmittel zu garantierten Niedrigpreisen anbieten. Der Verlust wird durch die hohe Kundenzahl ausgeglichen, weil die Märkte an zentralen Plätzen liegen. Ähnlich funktionieren die kleinen Stände, an denen Kleinbauern aus der Region ihre Produkte direkt verkaufen können. Die Preise sind niedrig, denn die Bauern behalten den Gewinn, den sonst die Zwischenhändler eingesteckt haben.
Neben der besseren Versorgung mit Nahrung haben die Projekte große soziale Auswirkungen. „In den geförderten Restaurants essen auch Angestellte oder Anwohner“, erklärt Holger Güssefeld, „die Armen werden so weniger ausgegrenzt.“ Ananias, der mittlerweile als Minister in der Hauptstadt Brasília arbeitet, ist deshalb in Belo Horizonte sehr beliebt. Er sei ein großartiger Mann, sagt Güssefeld anerkennend.
Die Entwicklung in Belo Horizonte hat politische Auswirkungen auf ganz Brasilien: Belo Horizonte gilt landesweit als Vorbild, seit 2006 ist das Grundrecht auf ausreichende Nahrung sogar in der brasilianischen Verfassung verankert. Diesen Modellcharakter will der Weltzukunftsrat stärken. „Wir brauchen solche Vorbilder“, erklärt Maja Göpel, die für den Weltzukunftsrat die Suche nach dem besten politischen Projekt gegen den Hunger organisiert hat, „denn aus der Politik heißt es oft, dass solche Projekte nicht umsetzbar sind.“
Aus fünf nominierten Initiativen auf Kuba, in Italien, Äthiopien und Indien hat sich letztlich Belo Horizonte durchgesetzt, gerade weil die Gesetze von dort auf andere Länder übertragen werden könnten. „Im Grunde gibt es auf der ganzen Welt genug Nahrungmittel“, sagt Göpel, „die Frage ist eben nur, wie sie besser verteilt werden können.“

Text: Hanning Voigts
Foto: World Future Council

Der „World Future Council“ (Welt­zukunftsrat) wurde 2007 auf Initiative des Deutsch-Schweden Jakob von Uexküll gegründet, der auch den Alternativen Nobelpreis ins Leben gerufen hat. Das Ziel der Organisation ist, weltweit Einfluss auf Parlamentarier zu nehmen, damit diese eine ökologische, demokratische, nachhaltige und an den Menschen orientierte Politik betreiben. Dem Rat gehören 50 Persönlichkeiten aus Politik, Geschäftswelt, Wissenschaft und Kultur von allen Kontinenten an. Der Sitz der Organisation, die sich über Spenden und Gelder der Stadt Hamburg finanziert, befindet sich in der Nähe der Speicherstadt. Am 1. Oktober wird im Hamburger Rathaus der erste „Future Policy Award“ verliehen, der vorbildliche Gesetzesinitiativen auszeichnet und sie weltweit als Vorbilder bekannt machen soll. Der Dokumentarfilm „Eine Stadt besiegt den Hunger“ wurde von den Dokumentarfilmern Jan van den Berg und Geert van Schoot gedreht und ist im Internet zu sehen: www.worldfuturecouncil.org/future-policy-award-film.html

XNiP: RGY7

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