„Wir müssen erzählen, was passiert ist“

Als junger Mann überlebte Robert Pinçon Zwangsarbeit, Hunger und Misshandlung im Konzentrationslager Neuengamme. Seitdem engagiert er sich für ein würdiges Gedenken an die 50.000 Menschen, die dort ermordet wurden.

(aus Hinz&Kunzt 218/April 2011)

218-PinconDie Hand des alten Mannes zeigt durch die Windschutzscheibe über kahle Stoppelfelder. „Solche Äcker waren das“, sagt er. „Auf solchen Äckern mussten wir arbeiten. Bis zu den Knien standen wir im Schlamm.“ Dann schweigt er und blickt auf die graue Landschaft. Wenig später fährt das Auto an einem alten Bauernhaus vorbei, dessen Dach mit Reet gedeckt ist. „Solche Häuser standen hier damals schon“, sagt der alte Mann. „Neuengamme hat sich kaum verändert.“
Von Juli 1944 bis April 1945 war der heute 88-jährige Franzose hier im Konzentrationslager inhaftiert. Er ist einer von 100.000 Menschen aus ganz Europa, die in diesem Lager zwischen 1938 und 1945 Zwangsarbeit für deutsche Firmen leisten mussten. Die Hälfte von ihnen hat das nicht überlebt.
Auf seinen Gehstock gestützt, wirkt Pinçon, der auch Generalsekretär des französischen Überlebenden-Verbandes ist, sehr zerbrechlich. Aber seine Augen sind hellwach, als er kurz danach mit seiner leisen Stimme erzählt, wie es für ihn ist, nach Neuengamme zurückzukehren. „Wir haben hier hart gearbeitet, wir wurden geschlagen“, sagt er. „Aber wir haben vor allem viele unserer Kameraden verloren. Und das ist es, was jedes Mal wiederkommt.“ Er denke an all die Menschen, die nicht überlebt haben, sagt er. „Man stellt sich immer die Frage: Warum nicht ich?“ Auch wenn es für ihn schmerzhaft und beschwerlich ist, reist er seit Jahren immer wieder nach Hamburg und nimmt an Gedenkfeiern teil. Einige Male hat er in Neuengamme auch Hamburger Schüler getroffen und ihre Fragen beantwortet. „Es muss dafür gesorgt werden, dass die jungen Leute, die diese Zeit nur aus ihren Geschichtsbüchern kennen, verstehen können“, erklärt er. „Wir müssen ihnen erzählen, was passiert ist.“ Und das tut Robert Pinçon.
Sein persönlicher Leidensweg beginnt 1944 in der französischen Stadt Tours. Pinçon, Sohn eines Arbeiters und einer Schneiderin, hat sich während der deutschen Besatzung dem Widerstand angeschlossen. „Wir waren ganz kleine Leute“, sagt er. „Wir haben uns gar nicht so sehr aus politischen Gründen widersetzt, sondern einfach aus menschlichen.“ Der 22-Jährige hilft seinem Vater, britische und amerikanische Piloten aus dem Land zu schmuggeln, die mit ihren Flugzeugen von den Deutschen abgeschossen wurden. Im Juni 1944 steht die Gestapo vor der Tür. Sein Vater kann fliehen und untertauchen, Pinçon wird verhaftet. Drei Tage lang sperren die Gestapo-Beamten den verängstigten jungen Mann in ein dunkles Verlies, verhören und schlagen ihn. Dann bringen sie ihn nach Compiègne in ein Übergangslager. Einen Monat später, am 28. Juli 1944, wird er mit anderen Franzosen in Richtung Hamburg deportiert – drei Tage lang in staubigen Güterwaggons. „Ich hatte keine Gefühle mehr“, sagt Pinçon. „Ich hatte völlig resigniert.“
In Neuengamme werden die Deportierten in überfüllte Holzbaracken gepfercht. Fünf Männer müssen sich ein Bett teilen. Die Häftlinge bekommen so wenig zu essen, dass der Hunger sie ständig quält. „Morgens gab es eine Scheibe Graubrot mit etwas Margarine“, erzählt Pinçon. „Mittags gab es Suppe, abends noch zwei Scheiben Brot in der Baracke.“ Jeden Tag werden sie zu harter Arbeit gezwungen: Sie müssen in Rüstungsbetrieben arbeiten, vor allem aber im Klinkerwerk, das Ziegelsteine für die Neugestaltung des Elbufers herstellt − Hamburg soll zur prunkvollen „Führerstadt“ ausgebaut werden. Die Lebensbedingungen im Lager setzen Pinçon schwer zu. „Jeden Morgen bin ich aufgewacht und habe überrascht festgestellt, dass ich noch lebe“, sagt er. „Und ich habe nur gehofft, dass ich eines Tages rauskommen würde.“
Im Laufe der Zeit arbeitet er in allen Bereichen der Ziegelproduktion: beim Freilegen der Tongruben, beim Ausheben des Tons, beim Backen der Ziegel. Auch bei Schnee und Eis müssen die Lastkähne beladen werden, mit denen die fertigen Ziegel nach Hamburg gefahren werden. Bei der Rückkehr sind die Kähne immer voller Zementsäcke für die Fabrik. Beim Abladen konnte man manchmal einen Zementsack aus Papier ergattern, erzählt Pinçon. „Wir haben oben ein Loch für den Kopf und an der Seite Löcher für die Arme hi-neingeschnitten und die Säcke als Unterwäsche angezogen. Wer allerdings damit erwischt wurde, der wurde geschlagen.“ Misshandlungen durch Wachen und Vorarbeiter sind die Regel im Lager. Jeden Tag sterben Häftlinge an Entkräftung und Krankheit, Hunger und Kälte. Wer versucht zu fliehen, wird auf dem Appellplatz öffentlich erhängt.
Im März 1945 beginnen die Deutschen, das Lager zu räumen. Mit dem Zug und auf sogenannten Todesmärschen werden die Häftlinge nach Lübeck gebracht und auf das Passagierschiff Cap Arcona verladen. Nur durch Glück überlebt Robert Pinçon diese letzten Kriegstage, weil er auf ein kleineres Boot kommt, das wegen eines Motorschadens im Lübecker Hafen liegen bleiben muss. Die Cap Arcona hingegen wird nach dem Ablegen am 3. Mai 1945 versehentlich von britischen Bombern versenkt. Mehr als 6000 Häftlinge verlieren ihr Leben. Wenig später verlassen Pinçon und andere Häftlinge ihr kleines Schiff und sehen vier Uniformierte auf sich zukommen. „Und dann haben wir gesehen, dass es Schweden waren und sie das Rote Kreuz trugen“, sagt er. „Und da wussten wir: Es ist zu Ende.“
Nach dem Krieg arbeitet Pinçon im Kohlehandel und für eine Baufirma in Frankreich. 1949, auf einer Dienstreise nach Hamburg, fährt er das erste Mal wieder nach Neuengamme. Er fotografiert die Ziegelei, wundert sich, dass er das Gelände nicht betreten darf. „Da waren große Schilder, auf denen ‚Betreten verboten!‘ stand“, erzählt er. Denn die Hamburger Behörden betreiben auf dem Gelände seit 1948 ein Gefängnis, die spätere JVA Vierlande. Robert Pinçon und andere Überlebende, die sich in der Amicale Internationale de Neuengamme zusammengeschlossen haben, protestieren gegen diese Nutzung des Ortes. Unterschiedliche Hamburger Regierungen ignorieren ihre Bedenken über Jahrzehnte hinweg. 1969 wird sogar ein zweites Gefängnis in Neuengamme gebaut. Die Überlebenden unternehmen trotzdem Jahr für Jahr Gedenkreisen nach Neuengamme. „Wissen Sie, die Zeit im Konzentrationslager ist nicht einfach zu vergessen“, sagt Pinçon. „Irgendwann wird einem klar, dass das für immer bleibt.“
Ende der 80er-Jahre hört Pinçon – damals Präsident der Amicale Internationale –, dass auch auf dem ehemaligen Appellplatz Gefängnisbauten errichtet werden sollen. „Und da haben wir gesagt: Jetzt ist Schluss mit Gefängnissen.“ Er wendet sich an Bürgermeister Henning Voscherau: „Er war der Erste, der die Situation verstanden hat.“ Obwohl die Bürgerschaft 1989 beschließt, die JVA Vierlande zu schließen, dauert es noch fast 20 Jahre, bis das Gelände ein uneingeschränkter Ort des Gedenkens wird. Erst 2006 wird die JVA Vierlande abgerissen, im Mai 2007 wird das ganze Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers als Gedenkstätte der Öffentlichkeit übergeben. Robert Pinçon ist einer der wenigen Überlebenden, die das noch erleben durften. Ihre Reihen lichten sich – in Frankreich leben nur noch 160 ehemalige Neuengammer Häftlinge.
Im November 2010 wurde Robert Pinçon für sein Engagement in Hamburg das Bundesverdienstkreuz verliehen. „Ich war schon ein wenig überrascht“, sagt er rückblickend. „Und ich habe mich gefragt, ob ich annehmen kann, weil ich ja trotz allem in einem deutschen Konzentrationslager war.“ Er hat das Verdienstkreuz angenommen, ohne sich zu sehr geschmeichelt zu fühlen. Um ihn persönlich ginge es ja nicht, sagt er. „Mir war es immer am wichtigsten, dass die Erinnerung an unsere Kameraden wachgehalten wird.“ 

Text: Hanning Voigts
Foto: Hannah Schuh

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