Outlaw auf dem Bau

Der Litauer Erwin nimmt jeden Job auf dem Bau an. Doch er kann nie sicher sein, dass er auch bezahlt wird. Eine Wohnung konnte er sich in Hamburg nie leisten. Genauso wenig wie eine Krankenversicherung.

(aus Hinz&Kunzt 217/März 2011)

„Ich lebe jetzt wie ein König“, sagt Erwin aus Litauen. Und das muss man sich so vorstellen: Ein Zimmer im Keller, es gibt eine Dusche. Er schläft dort allein. Das hatte Erwin noch nie, seit er vor sechs Jahren nach Hamburg kam.
Damals verlor er seinen Job bei einer Baufirma in Litauen, „wegen der Wirtschaftskrise“. Ein Bekannter verspricht einen Job im Hamburger Containerhafen. Eine Wohnung sei kein Problem. „Das war eine Lüge“, sagt Erwin. In Hamburg wird ihm ein Bett in einem Minizimmer zugeteilt. Da schlafen noch sieben andere osteuropäische Arbeiter. Sie kamen mit der gleichen Hoffnung wie Erwin: für gute Arbeit gutes Geld zu kriegen, von dem sie leben und ihre Familien unterstützen könnten.
Erwin bekommt tatsächlich Arbeit im Hafen: Für fünf Euro in der Stunde soll er Kisten schleppen, doch mehr als 40 Stunden im Monat wird er nicht gebraucht. Der Lohn reicht nicht mal für
Essen und eine Fahrkarte. Er besorgt sich einen Gewerbeschein und Jobs auf unterschiedlichen Baustellen. Das geht manchmal gut, meistens nicht. In Blankenese, sagt Erwin, habe er die Fassade einer alten Villa restauriert. „Zehn Stunden am Tag“, für zehn Euro pro Stunde. Doch den versprochenen Lohn erhält Erwin nicht. „Der Bauleiter hat gesagt, ich hätte schlecht gearbeitet.“ Auch auf anderen Baustellen wollen die Auftraggeber von ihren Versprechen nach getaner Arbeit nichts wissen.
„Ich bin Ausländer“, sagt Erwin. „Mit mir kann man’s ja machen.“ Schriftliche Verträge bekommt er nie. Und wie soll er ohne Beweise um sein Recht streiten? Steuern muss er als Unternehmer auch zahlen. „Zum Glück habe ich Freunde“, sagt er. Dutzende Männer, in der gleichen Situation, lernt Erwin in Hamburg kennen. Wer von ihnen gerade auch nur ein einziges Zimmer zur Verfügung hat, quartiert dort so viele Leidensgenossen wie möglich ein.
Das enge Zusammenleben ist gefährlich. Das hat Erwin am eigenen Leib erfahren. Vor zwei Jahren kommt es in einer Zwei-Zimmer-Wohnung, in der sie zu viert hausen, zum Streit. Erwin wird am Auge verletzt und muss ins Krankenhaus. Weil er in Deutschland nicht krankenversichert ist, wird ihm die Versorgung in Rechnung gestellt: mehr als 800 Euro. Erwin hat das Geld nicht. Nach Mahnungen und einem Vollstreckungsbescheid beläuft sich die Summe auf 1500 Euro.
Mit den Schulden braucht Erwin umso dringender Arbeit. Er kommt zu Hinz&Kunzt. Der Verkauf des Straßenmagazins ist seine einzige einigermaßen zuverlässige Einnahmequelle. „Seit es Hinz&Kunzt gibt“, sagt Sozialarbeiter Stephan Karrenbauer, „haben wir osteuropäische Verkäufer. Die ersten waren damals Erntehelfer, die hier in Deutschland auf der Straße gelandet sind. Mittlerweile sind es vor allem Handwerker, die aus Ost-Europa kommen, um hier zu arbeiten. Die meisten scheitern.“
Einmal hat Erwin auch Glück. Für eine ältere Dame renoviert er ihr Haus. Sie bezahlt anstandslos. Und ist mit Erwin so zufrieden, dass sie ihm einen Job als Hausmeister anbietet. Dafür kann Erwin in dem Haus, auf das er achtet, kostenlos wohnen – in jenem Kellerzimmer, in dem er sich wie ein König fühlt.
Mit Freunden will Erwin jetzt eine Baufirma gründen. Doch das ist nur Plan B: Erwin hofft auf eine feste Anstellung. Ab 1. Mai 2011 können EU-Bürger aus Osteuropa ohne Einschränkung in Deutschland arbeiten. Vielleicht, sagt er, kann er von seinem Lohn dann sogar leben.

Text: Beatrice Blank

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