„Ohne die Tafel würde ich es nicht schaffen“

Die Idee ist nach wie vor genial: Tafeln sammeln unverkäufliche Lebensmittel und verteilen sie an Bedürftige. Das System der Spenden lindert kurzfristig die Not. Doch es sorgt auch dafür, dass sich der Staat im Kampf gegen die Armut weiter aus der Verantwortung stehlen kann, kritisiert der Soziologe Stefan Selke. Das sieht man bei der Wilhelmsburger Tafel ähnlich – ohne die Tafeln wäre die Armut aber noch größer.
(aus Hinz&Kunzt 206/April 2010)

Der erste Besuch war der schwerste, daran erinnert sich Ida Zepenick* genau. „Ich hab mein ganzes Leben gearbeitet“, sagt die 79-Jährige, „und plötzlich musste ich um Lebensmittel bitten. Das war erniedrigend für mich.“ Die Rentnerin steht zwischen den fünfzig anderen, die an diesem Dienstag geduldig an der Ausgabe der Wilhelmsburger Tafel anstehen. Wie die meisten hier möchte sie ihren Namen nicht in einer Zeitung lesen, auf keinen Fall fotografiert werden. Aus Scham. Der Gang zur Tafel kostet sie noch immer Überwindung. „Aber ich bekomme nur 700 Euro Rente, davon muss ich alles bezahlen“, sagt sie. Trotz ihrer Sparsamkeit sei das fast unmöglich: „Ohne die Tafel würde ich es nicht schaffen.“
Von solchen Sorgen hört Uwe Menzel täglich. Der gelernte Versicherungskaufmann ist seit Oktober 2009 Projektleiter der Wilhelmsburger Tafel, die im Alten Deichhaus am Stübenplatz und an drei Außenstellen Lebensmittel ausgibt. Woche für Woche werden so mehr als 500 Menschen mit dem Nötigsten zum Leben versorgt. Die Tafel wird seit 1994 von der Arbeitsloseninitiative Wilhelmsburg organisiert, die Arbeit vor Ort leisten Ein-Euro-Jobber und Ehrenamtliche. Der Ablauf ist wie bei den meisten Tafeln: Mit Lkws holen die Mitarbeiter Lebensmittel von Supermärkten oder Großhändlern ab, dann werden sie portioniert und verteilt.
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„Seit es Hartz IV gibt, hat sich unsere Kundschaft verändert“, sagt Menzel. „Anfangs hatten wir hier vor allem Migranten, heute kommen Menschen aus allen Schichten zu uns.“ Und die Kunden kommen nicht nur wegen der Lebensmittel: Die Tafel bietet ein günstiges Mittagessen an, zweimal die Woche gibt es eine Sozialberatung. Hier ist ein Treffpunkt, wo es Rat und Austausch gibt. Von dem herzlichen Miteinander profitieren auch die Mitarbeiter. „Unseren Ein-Euro-Jobbern tut es gut, wenn sie wieder eine Aufgabe haben“, weiß Menzel, „viele fühlen sich so wohl, dass sie nach Ablauf ihres Jobs als Ehrenamtliche weitermachen.“
Um 13 Uhr beginnt auf der Rückseite des Alten Deichhauses die Ausgabe. Im Keller liegen die Lebensmittel schon bereit: Brot und Kartoffelsalat, Brokkoli und Tomaten. Jessica Böttcher zieht sich ihre Plastikhandschuhe an. Die 28-jährige Harburgerin bezieht seit drei Jahren Hartz IV und kam auf eigene Initiative als Ein-Euro-Jobberin zur Tafel. Ihre Ausbildung musste sie wegen einer komplizierten Schwangerschaft abbrechen. „Ich arbeite gern hier“, sagt sie, „das Arbeitsklima ist super, wir sind ein tolles Team. Und ich habe eine sinnvolle Aufgabe, ich kann den Bedürftigen wirklich helfen, die haben oft noch weniger als ich.“

Obwohl die Tafeln für ihre Kunden unersetzlich sind, sind sie in den letzten Jahren in die Kritik geraten. Der Soziologe Stefan Selke befürchtet etwa, die Tafeln würden durch ihre Zuverlässigkeit dem Staat die Möglichkeit geben, seine Sozialleistungen weiter zu kürzen. Durch den Boom der Tafeln drohe in Vergessenheit zu geraten, dass ihre Notwendigkeit eigentlich ein Skandal sei (siehe Seite 9). Dieser Kritik stimmt Uwe Menzel im Grundsatz zu. „Der Staat verlässt sich ganz klar auf gemeinnützige Projekte wie die Tafeln“, sagt er. Immer wieder würden Hartz-IV-Empfänger von der Arge zur Wilhelmsburger Tafel geschickt mit dem Hinweis, dort werde man auch mit gekürzten Bezügen satt. „Letztlich können wir von den Tafeln die Armut nicht wirklich bekämpfen“, sagt Menzel. „Wenn diese Gesellschaft den Reichtum anständig verteilen würde, bräuchte es uns nicht zu geben.“
Während Jessica Böttcher und ihre Kolleginnen im Alten Deichhaus die ersten Lebensmittel ausgeben und jeden Kunden mit einem Lächeln begrüßen, steht hinten in der Schlange der Kunden Martin Siemers* und sieht sich nervös um. In seinem Wintermantel, Anzughose, Hemd und Schlips sieht er aus wie ein erfolgreicher Geschäftsmann. „Ich bin das erste Mal hier“, sagt er leise, „Mann, ist mir das unangenehm.“ Der 32-Jährige hat Informatik studiert und sich gerade als Finanzdienstleister selbstständig gemacht. „Die Ausbildung war teuer, die Gewerbeerlaubnis auch, ich muss die Miete für mein Büro bezahlen“, erzählt er. Er steckt jeden Euro in seine Firma, schränkt sich selbst ein. „Aber trotzdem komme ich nicht über die Runden“, sagt er, „darum stehe ich hier.“ Auch wenn es ihm unangenehm ist, schämt er sich nicht, die Lebensmittel anzunehmen: „In der HSH Nordbank wurden gerade Milliarden verpfeffert, die Manager da sollten sich schämen, nicht die armen Leute hier.“

* Name geändert

Was Tafeln leisten können – und was nicht

01HK206_Titel.inddTafelarbeit allein ist keine Armutsbekämpfung, kritisiert der Soziologe Stefan Selke. In Hinz&Kunzt erklärt er, warum die Tafeln aufpassen müssen, dass ihre Zuverlässigkeit nicht vom Staat ausgenutzt wird.

In Zeiten steigender Armut und sinkender sozialstaatlicher Leistungen kommt der Verdacht auf, dass das „System Tafel“ nur ein Symptom sozialer Versäumnisse ist und das Engagement der Tafelhelfer die Einschnitte lediglich abfedert, ohne die Armut nachhaltig zu bekämpfen. Der eigentliche Skandal aber ist die Tatsache, dass durch die Verlässlichkeit der Tafeln immer weniger über Alternativen der Armutsbekämpfung nachgedacht wird. Wie kam es dazu?
Die ursprüngliche Idee der Umverteilung von Überfluss wandelte sich bei den Tafeln zur Prämisse, das Fehlende zu ersetzen. Jetzt etablieren sich Tafeln als Regelangebot in der Armutsversorgung. Sie erschaffen eigene Märkte und parallele gesellschaftliche Strukturen. Die Tafelbewegung ist Ausdruck privater Mildtätigkeit und ersetzt schleichend lang erkämpfte Bürgerrechte. Ihre Entwicklung zeigt beispielhaft, wie Leistungen der Existenzsicherung zunehmend durch Privatpersonen statt vom Staat übernommen werden.
Was Tafeln leisten können, ist erfolgreiche Armutsbewältigung, nicht aber nachhaltige Armutsbekämpfung. Tafeln sind ein Freiwilligensystem, das jederzeit wieder verschwinden kann. Das ist der Unterschied zwischen einem privaten Almosensystem und rechtsstaatlicher Absicherung. Dem Sozialstaatsgedanken liegt die Überzeugung und die Garantie zugrunde, dass jedem Bürger die Teilhabe an materiellen und geistigen Gütern ermöglicht werden soll, damit alle ein selbstbestimmtes Leben in Würde und Selbstachtung führen können. Das kann von den Tafeln nicht garantiert werden.
Die Hilfe, die bei Tafeln geleistet wird, kann deshalb im engeren Sinne niemals solidarisch sein. Solidarität ist eine Haltung der gegenseitigen Verbundenheit und Unterstützung zwischen gleichgestellten oder gleichgesinnten Personen. Bei Tafeln begegnen sich aber meist Personen mit unterschiedlicher sozialer Stellung. Die Begegnungen sind nicht symmetrisch: Die unterschiedlichen Gesten des Gebens und des Nehmens sind verbunden mit Macht- und Demutserfahrungen. Als pragmatische Hilfseinrichtungen greifen Tafeln erkennbar vor Ort ein. Das ist wichtig und für viele Bedürftige unverzichtbar. Immer aber besteht die Gefahr, dass die Hilfe zum Selbstzweck für die Helfenden wird und die eigentlichen Adressaten aus dem Blick verliert. Die Hilfe bei Tafeln wird dann eine Art „Solidarität mit Pay-back-Funktion“ für die Helfenden.

Prof. Dr. Stefan Selke lehrt Soziologie an der Hochschule Furtwangen University und ist als Autor und Publizist tätig. Er hat das Onlineportal www.tafelforum.de initiiert.

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